Oper zum Nationalsozialismus "Menschen in Abendgarderobe aus der Lethargie reißen"

Proben zur Oper "Vom Ende der Unschuld" in Hamburg

(Foto: dpa)

Als Präsident des Evangelischen Kirchentags hat Gerhard Robbers an diesem Donnerstag eine neue Oper über das Dritte Reich ins Programm gehoben, angelehnt an die Geschichte von Dietrich Bonhoeffer. Nationalsozialismus und Oper - passt das zusammen? Im Interview spricht Robbers über die Inszenierung eines Tabus.

Von Paul Katzenberger

In ethischen Fragen ist er ein Experte. Gerade deswegen lag dem Staatsphilosophen Gerhard Robbers, wie er sagt, eine Oper über den Nationalsozialismus am Herzen, die er als Präsident des 34. Evangelischen Kirchentages ins Programm hob. Denn im Dritten Reich leisteten nur die wenigsten Christen Widerstand gegen die Verfolgung der Juden. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer war einer von denen, die frühzeitig protestierten und wegen ihrer Aktivitäten gegen die Nationalsozialisten hingerichtet wurden. Der Kirchentag feierte am Donnerstag nun die Premiere der Oper "Vom Ende der Unschuld", die eigens für das Glaubensfest inszeniert wurde. Bonhoeffer kommt darin namentlich zwar nicht vor - doch sein Geist und der der ungenannten Widerständler soll die Musik durchwehen.

SZ.de: Herr Robbers, es war Ihre Idee, speziell für diesen Kirchentag eine eigens komponierte Oper aufzuführen, die zudem mit dem Nationalsozialismus ein brisantes Thema hat. Fehlt es nicht an christlicher Demut, wenn Sie ausgerechnet das Musiktheater mit seinen großen Gesten und Gefühlen auf diesen schwierigen Stoff ansetzen?

Gerhard Robbers: Das war die Frage, die mich am allermeisten umgetrieben hat: Ob es nicht ein Missbrauch von Dietrich Bonhoeffer und den Opfern des Nationalsozialismus sein könnte, aus ihrem Leid eine Oper zu machen. Ich bin aber zu dem Schluss gekommen, dass eine Oper gemacht werden muss. Könnten wir es nicht, dann hätten die Nationalsozialisten uns immer noch einen ganz wichtigen Ort des Verstehens von Leid und Schuld genommen. Und sie hätten immer noch ein Stück weit gewonnen.

Auf die Spitze getrieben hieße das ja womöglich, dass auch Witze über den Holocaust möglich sein müssten. Humor ist ja auch eine Dimension des Lebens.

Man muss ja nicht alles machen. Es gibt da selbstverständlich Grenzen. Wenn Sie so argumentieren, dann dürfte man im Umkehrschluss über die Dinge ja gar nicht sprechen und müsste es immer nur beschweigen. In letzter Konsequenz wird das auch getan, ich persönlich habe keine Worte. Doch ich habe die Hoffnung, dass für manche Dimension - nicht das Gesamtgeschehen - der richtige Ton gefunden werden kann, der das Schreckliche ausdrückt.

Wie glauben Sie, würde Dietrich Bonhoeffer es selber beurteilen, dass über ihn eine Oper inszeniert wurde?

Ich habe mir ganz kindlich vorgestellt, dass Bonhoeffer auf einer Wolke sitzt und sieht, wie wir da eine Oper machen. Was würde er wohl denken? Nun kann ich mir nicht anmaßen, mich wirklich in Bonhoeffer hineinzuversetzen, doch ich weiß, dass er ein großer Opernliebhaber war. Und ich denke, dass gerade die Dimension der Lebenserfahrung, die in der Oper liegen kann, etwas ist, das Bonhoeffer gut mittragen könnte.

Viele Unterstützer der Bekennenden Kirche im Dritten Reich, zu denen auch Bonhoeffer zählte, lebten ihren Glauben vor allem im Kontakt mit den Armen und Verlierern der Gesellschaft. Ein festlicher Anlass, bei dem die Menschen in Abendgarderobe erscheinen, widerspricht doch diesem Ansatz.

Man muss auch Menschen in ihrer Abendgarderobe aus der Lethargie reißen und in das Leben stellen.

Es fällt auf, dass immer wieder Dietrich Bonhoeffer eine Leitfigur für die Evangelische Kirche ist. Dabei gibt es etliche evangelische Geistliche und Gläubige, die im Dritten Reich ein ganz ähnliches Schicksal erlitten haben. Wäre es nicht angebracht, diesen Märtyrern auch einmal eine Bühne zu geben?

Diese Oper geht über jeden, der im Nationalsozialismus Widerstand leistete. Im Vorfeld habe ich mit den Librettisten gemeinsam überlegt, ob sie etwa Pater Kolbe oder die Namenlosen mit einbeziehen könnten. Und wenn Sie jetzt das Libretto nachvollziehen, geschieht genau das. Dietrich Bonhoeffer als Person tritt ja gar nicht auf, sein Name fällt nicht. Es ist keine personenbezogene Oper, sondern es ist eine Oper über jemanden wie Dietrich Bonhoeffer. Die Form der Parabel bezieht all jene mit ein, die man nicht kennt.

Die Katholische Kirche hat ihre Heiligen. Sind solche Leitfiguren auch für die Evangelische Kirche wichtig?

Bezogen auf diese Oper geht es gerade darum, keine Heiligenverehrung zu betreiben, sondern sich dem Geschehen im Nationalsozialismus und unserer Schuld zu nähern. Ganz allgemein gibt es aber durchaus auch auf evangelischer Seite die Kategorie von Heiligen. Das ist eine theologisch anders orientierte Beschäftigung mit Heiligen als bei den Katholiken, aber in unserem gemeinsamen Glaubensbekenntnis sprechen wir von der Gemeinschaft der Heiligen.