Oper Wir haben ein Problem

Wo nehmen Opernregisseure die Anregung für ihre Inszenierungen her? Vermutlich sind die Quellen oft Fernsehen und Filme. So zumindest sieht die neue "Bohème" an der Bastille-Oper in Paris aus, die Claus Guth inszeniert hat.

Von MICHAEL STRUCK-SCHLOEN

Opernregisseure haben kein leichtes Leben. Wenn sie abends nach stundenlangen Proben und Besprechungen ins Hotel kommen, werden sie - wir wagen die Unterstellung - nicht zu Lyrik von Rimbaud greifen, sondern sich vor dem Bildschirm entspannen. Die Ergebnisse dieser Abende bekommen die Zuschauer dann nicht selten auf der Bühne serviert. Nehmen wir die neueste Produktion von Giacomo Puccinis "La Bohème" an der Bastille-Oper in Paris. "Solaris" von Andrej Tarkowskij, "Das Imperium schlägt zurück", vielleicht ein paar Minuten "Armageddon": Das sind so die visuellen Quellen für die Inszenierung, die Claus Guth zusammen mit seiner Dramaturgin Yvonne Gebauer entwickelt hat.

Da gab es beim Öffnen des Vorhangs belustigte "Ohs" und sogar ein paar aufmüpfige "Buhs", denn die Bühne von Étienne Pluss beamt uns aus den schrubbeligen Dachkammern der Pariser Bohème hinaus ins All. Über die ganze imposante Breite der Bastille-Bühne öffnet sich das Innere eines Raumschiffs mit den Attributen aus den oben genannten Filmen: Elektroaggregate und Kabelgewirr, fette Akkumulatoren, Sauerstoffröhren, in denen die Menschen wie Mumien dösen, ein großes Sichtfenster mit Blick auf den nächsten runzeligen Planeten. Die schöne technische Welt pfeift jedoch aus dem letzten Loch. Gleich zu Beginn hackt jemand in den Computer, dass man schon seit Tagen ohne Ziel im Kosmos dümpele, die Vorräte zu Ende gingen und die Stimmung denkbar schlecht sei. Major Rodolfo an Ground Control: "Wir haben ein Problem ... "

Liebe im Weltraum: die Frau ohnmächtig und der Mann Astronaut.

(Foto: Bernd Uhlig)

Vermutlich ist es unlösbar. Denn die vier Künstlerfreunde, die bei Puccini das weihnachtliche Paris aufmischen und einem jetzt als gealterte Astronauten wiederbegegnen, haben kein Ziel mehr vor Augen, sondern nur noch das Ende. Hier oben, wo die Luft dünn ist, wird die Vergangenheit traumhaft dick und zuckersüß. Mimì erscheint wie in den vertrauten "Bohème"-Versionen mit rotem Kleidchen und Kerze, die Freunde liefern sich ein Tänzchen, und zur Musik des zweiten Bildes gibt es zwar keine wuselnden Massenszenen wie in Franco Zeffirellis geliebter Vorgänger-Inszenierung, aber doch einige Bistrotische, Akrobaten, die mit Champagnerflaschen jonglieren, Kindergequäke und eine altbackene Erotikshow.

Hier ist nichts mehr Realität und vor allem nichts mehr sinnlich, sondern nur noch Traum und Selbstaufgabe. Am Ende ist das Raumschiff zerborsten, die Insassen irren über verschneite Krater, einige suchen den Tod, indem sie sich den Sauerstoffhelm herunterreißen. Nur Rodolfo hat noch Visionen und erlebt Mimìs Tod in einer grellen Kabarettshow. Dann sinkt auch er entseelt in den Kunstschnee.

Wie modern und aufrührerisch seine "Bohème" sei, hat Claus Guth vor der Premiere verkündet: Proteste werde es geben, das Ganze sei ein Schlag ins Gesicht des Abopublikums. Wenn er doch geschwiegen hätte und die schönen Standbilder aus den Kinovitrinen mit ein bisschen mehr Theater gefüllt hätte! Dann hätte man sich vielleicht wirklich aufgeregt und über den Abgesang auf die Unmöglichkeit der Liebe geweint, dann hätte die unendliche Einsamkeit der Schlussszene vielleicht eine transzendente Kraft entfaltet. So aber blieb die "Bohème" auf dem Teppich der Konvention, statt einmal richtig abzuheben.

Praktisch ist es allemal für die Sänger und ihre Zweitbesetzungen, wenn ihnen nicht allzu komplexe Aktionen abgefordert werden. Der Brasilianer Atalla Ayan war ein Rodolfo der Sonderklasse, crèmeweich in der Tongebung, leuchtend in jedem Register, bei seinen tenoralen Höhenflügen manchmal allzu vorsichtig. Seine prominente Partnerin als Mimì, Sonya Yonchewa, warf schon nach der Premiere das Handtuch und überließ alle Folgeaufführungen der australischen Kollegin Nicole Car, die sich mit ihrem kühlen und klar fokussierten Sopran wunderbar in die Ensembles fügte. Eine expressiv leidende, stimmlich biegsame Mimi ist sie wohl. Aida Garifullina als Musetta und Artur Ruciński als Marcello bestätigten das hohe Gesamtniveau.

Der venezolanische Dirigentengott Gustavo Dudamel, dem die Premiere mit großem Schwung gelungen sein soll, hatte für den dritten Abend seinen jungen Assistenten Manuel López-Gómez vorgeschickt. Unter dessen Händen bekam die Partitur wieder kapellmeisterhaften Zuschnitt: mit weichen Farbtönungen, wohldosierten Steigerungsbögen, umsichtiger Sängerführung - aber ohne Leidenschaft und Sinn für die angerauten, modernen Partien des Werks.