Oper Aïda - die Inszenierung einer Zumutung

"Bis heute drehen sich alle meine Arbeiten um ein einziges Thema: Die Gegenüberstellung von Frauen oder Individuen und religiöser Unterdrückung oder politischer Tyrannei", sagt Shirin Neshat.

(Foto: Lyle Ashton Harris Courtesy of the Artist and CRG Gallery NY)

Verdis Oper erzählt eine rassistische Geschichte über arabische Barbaren, findet die amerikanisch-iranische Künstlerin Shirin Neshat. Trotzdem inszeniert sie die Oper nun bei den Salzburger Festspielen.

Von Sonja Zekri

Shirin Neshat besitzt die Fähigkeit, Niederlagen in Siege zu verwandeln und Defizite in Vorzüge, sie schafft es, noch im Tod einen Triumph des Menschseins zu entdecken, und das alles anstrengungslos, leise und mit einer präzisen, ungeheuer freundlichen Zugewandtheit, dass sich der Gedanke aufdrängt: Könnte man diese Fähigkeit auf Flaschen ziehen und weitergeben, die Welt wäre ein lichterer Ort.

Shirin Neshat, 1957 als Arzttochter in der iranischen Stadt Qaswin geboren, reiste mit 17 Jahren nach Amerika, um Kunst zu studieren, nach der Islamischen Revolution war eine Rückkehr ausgeschlossen. Sie fotografierte, drehte Videos, dann Spielfilme. Sie hat noch nie eine Oper inszeniert. Und nun: Giuseppe Verdis "Aïda" in Salzburg, dirigiert von Riccardo Muti, in der Titelrolle Anna Netrebko. Diesen Sonntag ist Premiere.

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Hört man Shirin Neshat zu, ist dieser Übergang von einer künstlerischen Sprache zur anderen kein Wagnis, kein Wahnsinn, sondern eine zwingende Entwicklung. Gewiss, sie war nervös, anfangs hielt sie den Salzburger Intendanten Markus Hinterhäuser für verrückt, der ihr "Aïda" vorschlug. Bei einem Abendessen mit Riccardo Muti zitterte sie so, dass der Dirigent sinngemäß sagte: Du bist ja völlig am Ende, du bist Aïda! Aber mittlerweile erscheint die Inszenierung einer Oper durch die Künstlerin Shirin Neshat wie die logische Erweiterung eines immer kohärenten Werkes.

Hat Musik für sie nicht stets eine Rolle gespielt? In ihrem ersten Spielfilm "Women without Men" über das Schicksal von vier Iranerinnen vor dem Putsch gegen den iranischen Premier Mohammed Mossadegh 1953 lässt der dunkel flirrende Soundtrack den magischen Realismus der Bilder noch entrückter leuchten. In ihrer Video-Installation "Turbulent", die 2001 auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde, singt ein Mann ein Lied vor einem männlichen Publikum, danach eine schwarz verschleierte Frau, voller Leidenschaft allein in der Dunkelheit. Sie seufzt, trillert, krächzt, sie erlaubt sich eine Freiheit des Ausdrucks, die nur in der Einsamkeit möglich ist. "Bis heute drehen sich alle meine Arbeiten um ein einziges Thema: die Gegenüberstellung von Frauen oder Individuen und religiöser Unterdrückung oder politischer Tyrannei", sagt Shirin Neshat.

Wer sagt, dass mit dem Tod alles vorbei ist?

Und damit, natürlich, ist man direkt bei "Aïda", Verdis Cinemascope-Drama um Liebe und Loyalität, Patriotismus und Manipulation. Aïda ist eine äthiopische - also wahrscheinlich: sudanesische - Königstochter, ist Sklavin am Hof des ägyptischen Königs. Sie liebt den ägyptischen Heerführer Radamès, um den auch die ägyptische Königstocher Amneris wirbt. Aïdas Vater zwingt seine Tochter, Radamès zum Verrat zu verführen, dieser wird entlarvt, verurteilt und lebendig eingemauert. In der Dunkelheit entdeckt er Aïda, die mit ihm in den Tod geht.

Nun könnte man diese Szene durchaus als Zerstörung aller Menschlichkeit durch ein verbrecherisches System sehen. Aber nicht Shirin Neshat: "Die beiden sind nicht besiegt, sie haben eine Wahl getroffen." Die Szene sei eine "Allegorie auf das Überleben", auf die ewige Kraft menschlichen Widerstandsgeistes im Angesicht der Despotie: "Es ist ein wunderschöner Schluss."

Und dann: Wer sagt, dass mit dem Tod alles vorbei ist? "In der mystischen iranischen Lyrik und Literatur ist Sterben nicht das Ende von allem." Vielleicht fantasiere Radamès Aïda in seinem Kerker herbei, vielleicht imaginieren beide ein Leben nach dem Tod.

Siege oder Triumphe im operativen, männlichen Sinne haben Shirin Neshat nie interessiert. Ihre Frauen gewinnen auf andere Weise. Man hat sie Irans "erste Feministin" genannt, aber das tut nicht nur den Frauen Irans unrecht, sondern auch einer Künstlerin, die aus der Unberechenbarkeit ihre Wirkung bezieht. Shirin Neshat schafft oft starke, vermeintlich plakative Bilder, deren Deutung aber umso komplexer wird, je länger man sie betrachtet.