Oper Puppenpopanz

Riesenmarionetten bei Nikolaus Habjans "Oberon" in München. Die Sänger können da nicht mithalten.

Von Reinhard J. Brembeck

Was für ein herrlicher Popanz! Ein meterlanges weißes Gewand und dann dieser Kopf voller Glühbirnen, eine Mischung aus Dracula- und Totenschädel, aus Kuschelmonster und Geisterbahngespenst. Natürlich ist alles Maskerade, aber besser kann man sich in Fake-Zeiten Oberon nicht vorstellen, den mit Liebesexperimenten beschäftigten König der Elfen, der durch Shakespeares "Sankt Johannisnachtstraum" unsterblich wurde.

Offensichtlich hatte auch Habjan seine Zweifel, ob das Märchen aus dem Mittelalter heute funktioniert

Im Münchner Prinzregententheater steht aber nicht Shakespeares Oberon auf der Bühne, sondern der Titelheld von Carl Maria von Webers letzter Oper, uraufgeführt 1826 in London. Um das englische Libretto zu verstehen, nahm Weber 153 Stunden Englischunterricht. Es half nichts. "Oberon" wurde nie so beliebt wie "Freischütz", er fristet bis heute ein kümmerliches Dasein am Rand des Repertoires.

Der Grund dafür wurde nie in der Musik vermutet, die hochromantisch im Duktus und deshalb vielfach gebrochen alles bietet, was ein empfindsames Herz erfreuen kann: Feenzauber, Schlafbeschwörung, Sturm, Leidenschaft, Verzweiflung, Komik. Der Grund wurde immer im Libretto gesucht. Das hat mit Shakespeare wenig zu tun, sondern kreist um die mittelalterliche Heldenstory von Huon de Bordeaux, der den Sohn Kaiser Karl des Großen tötet und als Strafe an den Kalifenhof Harun ar-Rachids geschickt wird. Dort muss er einen Auftragsmord begehen und die durchaus nicht unwillige Kalifentochter Rezia nach Europa bringen. Es folgt eine schier endlose Serie von Liebesproben, die nur durch Webers Musik am Leben gehalten werden. So etwas funktioniert natürlich nur, wenn man einen Beistand wie Oberon hat.

Der meterhohe "Oberon" sorgt beim Publikum der Opernfestspiele für beste Sommernachtstraumlaune.

(Foto: Wilfried Hösl)

Ob dieses fantastische Mittelaltermärchen auf einer heutigen Bühne funktionieren kann, daran gibt es große Zweifel. Die offensichtlich auch Regisseur und Puppenspielgroßmeister Nikolaus Habjan umtrieben. Weshalb er sich zu einer Doppelstrategie entschlossen hat. Einerseits erzählt er das Märchen texttreu als Comicstrip, andererseits präsentiert er es als Experiment des Hirnforscherpaars Oberon & Titania, das rauskriegen will, ob Treue möglich ist. Wobei die beiden sogar den Tod ihrer Probanden in Kauf nehmen.

Die Stars bei dieser Produktion sind die Puppenspieler Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock. Sie lassen nicht nur den Popanz Oberon als übernatürliche Macht leibhaftig werden, sondern auch die lebensgroßen Klappmaulpuppen einer hässlichen Alten und ihres trotteligen Ehemanns, sowie die feige Haremswache oder den präpotenten Verlobten Rezias, den Huon kurzerhand absticht.

Das alles ist Kasperlvolkstheater höchster Güte, in der Übertreibung so grell wie dezent und dem Märchenstoff vollauf angemessen. Ja, so ließe sich der "Oberon" retten. Das Publikum kichert und lächelt, die Stimmung steigt auf Sommernachtstraumlaune. Doch leider, leider, leider, wird zu wenig Puppenspiel und zu viel Menschentheater auf der Bühne gemacht.

Die Marionetten sind den Musikern stets um zwei Kasperlnasenspitzen voraus

Während Klamauk, Komisches und Kunterbuntes bei den Puppen wunderbar aufgehoben sind, wirken Übertreibung und Comicgehabe der Sängermenschen gewollt angestrengt. Die vielen Sprechpassagen beweisen nur, dass Sänger nie auch nur ansatzweise so sprechen können wie Schauspieler. Da ist es fast schon eine Wohltat, dass das Deutsch von Alyona Abramowas Titania akzentbedingt kaum zu verstehen ist. Und weil alle Knallchargen geben, dies aber nicht so schnodderig genau wie Monty Python hinkriegen, lahmt der Abend. Sonst könnte diese Musical-Slapstickpuppensause hinreißend sein.

Ivor Bolton hält das Bayerische Staatsorchester oft zu einem massiv dreinfahrenden und in der Lautstärke präpotenten Spiel an. Nur wenn seine herrlichen Musiker - grandios das Hörnerquartett! - leise sein dürfen, blüht Webers hybride Musik in all ihrer Zartheit, Dunkelheit und Verzweiflung. So gelingt es Bolton nicht, die Deutungshoheit über den "Oberon" an sich zu reißen. Die Puppen sind ihm immer um zwei Kasperlnasenspitzen voraus.

Wie auch den Sängern. Am überzeugendsten gelingt Rachael Wilson ihr Dienstmädchen, dunkel im Timbre, ironisch in der Grundhaltung, in Gefühlsfragen gleicherweise engagiert wie distanziert. Ihr Anbeter ist bei Johannes Kammler in ähnlich kompetenten Händen, beide meiden allzu drastische Übertreibungen. Im Gegensatz zu Annette Dasch und Brenden Gunnell, die das zentrale Liebespaar als großes Knallchargentreffen geben. Dabei verfügt Gunnell über die für die Monsterrolle des Hüon nötige helle Höhe und schwerelose Virtuosität. Das ist beeindruckend, geht aber nicht wirklich zu Herzen. Während Annette Dasch den Aberwitz ihrer Tonkapriolen in ein Sfumato taucht, das ihre Rezia in weite Ferne rückt.

Der Oberon des Julian Prégardien wiederum ist ein verdruckster Wissenschaftler, der einen Abend lang vergeblich seine attraktive Forscherkollegin Titania mittels seiner zweifelhaften Menschenexperimenten angräbt. Aber auch Prégardien kann sich nicht gegen den meterlangen Oberon behaupten, hinter dem er seine Schwächen verbirgt und den er nur geschaffen hat, um seine Probanden und das Publikum zu beeindrucken.