sueddeutsche.de: Das klingt sehr kämpferisch, in Wien haben Sie jedoch weder politisiert, noch polarisiert - ganz im Gegensatz zu Ihrem Intendanten-Vorgänger Claus Peymann. Sind Sie gerne lieb?

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Szene aus "Macbeth" (© Foto: Bayerische Staatsoper/oh)

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Bachler: Claus Peymann und überhaupt alles, was man im deutschsprachigen Raum als aufmüpfig und provokant bezeichnet, halte ich in Wahrheit für neurotisch. Ich glaube, ich bin klar, eindeutig, gut erzogen, und ich habe es gerne fein im Umgang mit Menschen. Ich bin zwar nicht gerne lieb, aber ich bin gerne gemocht. Ich komme gerne an. Da bin ich sehr deutsch.

sueddeutsche.de: Wenn Sie gerne ankommen möchten, wie wollen Sie da den Konservatismus herausfordern?

Bachler: In Wien habe ich mich so etwas von extrem positioniert, dagegen war Claus Peymann ein Speichellecker bei den Politikern. Der Unterschied ist: Ich habe das nie als öffentliches Spiel gemacht. Man hat mir das sehr übel genommen, dass ich der erste Burgtheaterdirektor war, der dem damaligen österreichischen Bundeskanzler nie die Hand geschüttelt hat, weil ich ihn von vorne bis hinten verachte.

sueddeutsche.de: Sie verachten den konservativen ehemaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel?

Bachler: Ja, und das habe ich ihm auch gezeigt: Bei dieser beschämenden, ersten schwarz-bauen Koalition aus der bürgerlichen Volkspartei und der rechtsnationalen FPÖ war die Hölle los in Wien, die Menschen sind auf die Straße gegangen und alle anderen großen Häuser haben verstärkten Polizeischutz angefordert. Das Burgtheater hingegen hat seine Türen geöffnet, wir waren einen Monat lang das Widerstandszentrum, das war einzigartig. Aber ich habe nie den Drang gehabt, das für mich zu zelebrieren, das mit meiner Person in Beziehung zu bringen.

sueddeutsche.de: Das war die Inszenierung vor der Bühne. Aber wie wollen Sie erreichen, dass das, was auf Ihrer Bühne passiert, in München ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt?

Bachler: Es ist sinnlos, wenn wir suggerieren, dass die Oper eine Bürgerinitiative sei. Ich kann nicht sagen: "Weil das Benzin teurer wird, inszenieren wir jetzt eine Oper in diese Richtung." Ich weiß, dass das für viele Intendanten und Regisseure ein Ansatz ist, aber ich halte das für vollkommen absurd. Wir müssen ein Stück hernehmen und uns fragen: "Welche Funken lassen sich daraus schlagen?" Was dann damit passiert, passiert. Das hat die Kunst nicht in der Hand.

sueddeutsche.de: Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten wollen Sie also nicht - was dann?

Bachler: Die Kunst muss der Gesellschaft vorangehen. Sie muss dort stehen, wo die Gesellschaft noch gar nicht ist, aber wo sie hinsteuert. Dann kann Kunst die Gesellschaft verfeinern, den Menschen etwas über den Menschen erzählen. Gelingt das, geht das Publikum nachher wacher, lebendiger, lichter im Kopf, größer im Herzen nach Hause.

sueddeutsche.de: Und was bedeutet das in der Praxis?

Bachler: Ein Beispiel ist die beim Publikum so heiß umkämpfte Inszenierung von "Eugen Onegin" in der abgelaufenen Spielzeit. Als Tatjana - konventionell gesehen - ihren romantischsten Moment hat, sitzt sie auf der Bühne, vom Chor umringt, und hat einen großen Stoffpinguin am Schoß. Dieses Bild wird mich nie wieder verlassen. Es war das größte Bild von Einsamkeit, von jungmädchenhafter, kindlicher Verlassenheit - wie die Kinder, die heute bei ihren Spielen alleine vor dem Computer sitzen und dabei so etwas von verlassen sind.

sueddeutsche.de: Wie Sie sagen: Die Inszenierung war beim Publikum heiß umkämpft. Halten Sie Ihre Zuschauer dafür für empfänglich?

Bachler: Es bleibt ihnen keine andere Wahl. Sie sind mir ausgeliefert (lacht). Jetzt müssen die Münchner erst einmal fünf Jahre lang mit mir leben - und ich mit ihnen. Darauf freue ich mich.

sueddeutsche.de: Sie bleiben offenbar cool vor Macbeth

Bachler: Ich bin sowieso cool! Natürlich bin ich aufgeregt, natürlich freue ich mich, wenn ich zuschaue und mir denke: Ja, das ist eine tolle Szene. Aber viel wichtiger ist es, dass wir es in den ersten zwei Jahren schaffen, Feuer zu entzünden. Das wird München spüren. Unsere Oper wird lebendig und lustvoll sein.

sueddeutsche.de: Auch Ihr Vorgänger, Sir Peter Jonas, ist in England mit dem Anspruch angetreten, etwas zu verändern. In einem sueddeutsche.de-Interview ein Jahr nach seinem Abtritt in München hat er jedoch resümiert, dass er höchstens "einen Millimeter" bewegt habe. Das klingt sehr ernüchtert. Sie sind optimistischer?

Bachler: Was glaubt er denn, was er bewegen kann? In der Evolution, in der Weltgeschichte, wer ist denn Sir Peter Jonas, wer ist denn Nikolaus Bachler? Man soll sich da nicht überschätzen. Wir bewegen etwas für den Augenblick, für den Moment der Aufführung. Mehr ist einfach nicht drin. Ein Künstler kann durch Mozart, durch Beethoven, durch Kleist an einem Abend die Menschen durchlässiger, feiner, erheiterter und erregter machen. Mehr ist es nicht! Zu glauben, ich kann als Intendant der Bayerischen Staatsoper auf die Geschichte der Menschheit einwirken, wäre nur dumm.

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(sueddeutsche.de/jja)