Oper Diese Lady reißt Welten auf

Anna Netrebko adelt abermals Martin Kušejs "Macbeth"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper; die Aufführung selbst ist wegen ihrer harten Bilder immer noch für Aufregung im Publikum gut

Von Egbert Tholl

Diese Bilder! Keine Ahnung, wie die das machen an der Staatsoper, vielleicht reißen sie irgendwo hinten wirklich ein Fenster in die Winternacht hinaus auf. Auf jeden Fall aber wird einem kalt. Zur Ouvertüre bereits blickt man auf die Schädellandschaft von Martin Zehetgruber und es weht einen ein Eiseshauch an, den es vielleicht gibt, den man vielleicht aber nur fühlt, weil die Augen die Kälte sehen, die das Herz dann empfindet. Acht Jahre ist die "Macbeth"-Inszenierung von Martin Kušej an der Bayerischen Staatsoper mit Zehetgrubers Bühnenbild inzwischen alt; sie hat nicht das geringste Stäubchen angesetzt, sie ist immer noch schonungslos und auch schonungslos genau, auch wenn das einige Zuschauer nicht wahrhaben wollen.

Aufruhr! Zu Beginn des dritten Akts machen die Hexen das, was sie schon in Shakespeares Stück machen, der Vorlage zu Verdis Oper: Sie brunzen auf die Bühne. Dass dieser Vorgang der Ausscheidung literarisch abgesichert ist, kümmert manche wenig - sie rebellieren. Aber, wie es sich für einen zünftigen Opernabend gehört: Andere rufen zurück, erbitten sich Ruhe, weg mit den Buhs, mit der Empörung. Für einen kurzen Moment wiederholt sich der Missfallenslaut zu Beginn des vierten Akts, wenn nackte Männer von der Decke hängen. Und also ein Bild für Krieg, Flucht, Vertreibung und Tod zu sehen ist, das als Allegorie des Verwesens allen Fleisches einfach nur grandios ist. Was allerdings nicht alle so empfinden.

Nun, "Macbeth" ist die düsterste Oper Verdis, kein einziger Lichtstrahl dringt in die Partitur. Und wäre dies nicht ein relativ frühes Werk Verdis, das dieser freilich 20 Jahre später überarbeitete und verschärfte, wären in diesem also nicht noch jene Momente der Opernkonvention enthalten, die manchmal ein wenig albern und befremdlich im sonst dicht verzahnten Verlauf herumtönen, man müsste schier närrisch werden ob der Gnadenlosigkeit des Dramas. Selbst dann, wenn am Pult Paolo Carignani steht, der zwar sehr emotional dirigiert, letztlich aber die herzzerreißende Präzision vermissen lässt, die man beim Bayerischen Staatsorchester inzwischen so begierig liebgewonnen hat, wenn Kirill Petrenko dieses dirigiert.

Es wird hervorragend gesungen an diesem Abend, von Franco Vassallo etwa mit sehr schönem Bariton, auch wenn sein Macbeth nie, auch im größten Wahn nicht, eine gewisse bärenhafte Gemütlichkeit verliert. Ildebrando D'Arcangelos Banco ist da aus härterem Holz geschnitzt; in der ersten Szene ist er der Chef und nicht Vassallo. Yusif Eyvazov darf auch mitmachen, und er macht seine Sache gut als Macduff. Im wahren Leben ist er der Gatte der Lady Macbeth, und um die geht's.

Unterwegs auf Schädeln: Anna Netrebko mit Kippe und Plastiktüte als Lady Macbeth.

(Foto: Wilfried Hösl)

Auftritt der Lady. Anna Netrebko rezitiert Macbeths Brief, in dem dieser ihr die Weissagungen kommender Macht mitteilt. Wie Anna Netrebko hier nur spricht, nur die Worte der Verheißung vorträgt, ohne zu singen, das allein reißt eine Welt auf. Man kann sich sicher sein, diese Lady verspeist alle auf der Bühne anwesenden Männer, wenn sie ihr im Weg umgehen. Dann folgt die Kavatine, in der die Lady die Lust an der Macht und die dafür notwendigen Missetaten beschreibt; die Wucht, mit der Netrebko dies vorträgt, ist atemberaubend. Es mag, wie bei der Premiere von Kušejs Inszenierung, kältere Ladys geben, wie damals Nadja Michael. Aber eine gefährlichere, leidenschaftlichere, gnadenlosere kann man sich kaum vorstellen.

Mit Bedacht suchte sich Netrebko ja damals, im Juli 2014, für ihr Rollendebüt als Lady Macbeth diese Inszenierung aus. Heute versteht man noch besser als vor knapp zweieinhalb Jahren, warum. Weil sie hier die Möglichkeit hat, den Wahn ihrer Figur in detaillierten Schritten fortschreiten zu lassen, genau zu zeichnen, wie eine von Anfang an auf die Macht versessene Frau immer tiefer in den eigenen Rausch versinkt. Sie kann dies, weil sie auf der Bühne mit allergrößter Selbstverständlichkeit zu Hause ist. Einmal zieht sie sich die Schuhe an, wischt dafür über die Sohlen der nackten Füße, als wäre sie daheim. Die schert sich gar nichts mehr, dafür kann sie alles.

Immer ist da die bruchlose Eleganz der Stimme. Vielleicht ist diese in der Tiefe noch runder, noch gewaltiger geworden. Auf jeden Fall wagt sie noch mehr als eben damals vor zweieinhalb Jahren, und da war sie auch schon fabelhaft. In der letzten Arie der Lady, im vollendeten Abtauchen in den Irrsinn, bewegt sie sich mit stupender Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen gerade noch stimmlicher Vollendung und psychologischer Wahrheit.

Im Publikum trifft man Damen, die ihre Beine bewundern - "ich bin Medizinerin, ich kenn' mich da aus" -, man freut sich über die Freude, die viele Zuschauer haben, wenn Vassallo und Netrebko aber- und abermals vor den Vorhang treten. Es ist faszinierend zu erleben, wie eine Charakterstudie, die der Figur keinerlei Liebreiz zugesteht, die im Versterben der Stimme, im letzten Auslöschen des Klangs Oper von guter Unterhaltung in emotionale Wahrheit überführt, so begeistern kann. Das ist die Kunst der Netrebko, und in ihrem Genre, in den ihr passenden Rollen ist sie einzigartig.