Oper Der Beginn der Zukunft

Martina Koppelstetter als Maya, das letzte menschliche Wesen in einer digitalen Zukunft voller analoger Instrumente.

(Foto: Julia Hildebrand und Ingolf Hatz)

Mathis Nitschkes Mixed-Reality-Techno-Oper "Maya" zeigt, dass München mit dem ehemaligen Heizkraftwerk in Aubing über einen grandiosen und unbedingt zu erhaltenden Spielort verfügt

Von Egbert Tholl

Der Ort ist eine reine Sensation. Hat man das alte Heizkraftwerk in Aubing erst einmal gefunden - was nur beim ersten Mal ein Problem darstellt -, dann staunt man. Im Ruhrgebiet werden solche Orte gefeiert, die Ruhrtriennale etwa speist ein Gutteil ihrer Anziehungskraft daraus, dass sie in den für den Kulturbetrieb umgewandelten Hinterlassenschaften der Schwerindustrie stattfindet. Nun hat München auch so eine Halle, die gottlob unter Denkmalschutz steht. Und man kann Mathis Nitschke kaum genug danken dafür, dass er mit seiner "Mixed-Reality-Techno-Oper" "Maya" das Heizkraftwerk zu einen Ort der (Hoch-)Kultur erhebt, auch wenn man sich manches an der "Maya" noch viel sensationeller wünschte, als es stattfindet, aber wie gesagt, die Sensation ist ja schon da. Eines schafft Nitschke mit Bravour: Durch die Vielzahl der eingesetzten Mittel zeigt er auf, wozu das Heizkraftwerk in Zukunft dienen könnte. Alles scheint da möglich. Nur die Idee, die vor geraumer Zeit mal auftauchte, hier könnten die Philharmoniker spielen, während der Gasteig renoviert wird, die ist eine Schnapsidee, denn der Raum ist zwar riesig, für einen Konzertsaal in der Grundfläche aber zu klein.

Wenn man von "Maya" Hardcore-Techno, extreme Lautstärke und vollkommene akustische Überwältigung erwartet, wird man enttäuscht. Mehr als eine Techno- ist es eine Technik-Oper. Zwar wummert einiges an Musik und Sounds herum, aber man denkt eher an Bronski Beat denn an zeitgenössischen Avantgarde-Club. Doch es gibt Momente, da finden Elektronik und Stimmen zusammen, da wird ein Abzählreim zu einem ungeheuren rhythmischen Erlebnis.

Überhaupt wird es immer dann toll, wenn die Mittel zusammenfließen. Wenn dann die Musiker vom Trio Coriolis live Barockmusik oder Steve Reich spielen und in der Verstärkung der akustischen Instrumente der Raum vollendet zu einer Klangkathedrale wird. Auf den drei übrig gebliebenen, spektakulär mit Graffiti verzierten, ehemaligen Öfen sitzen die Musiker, das grandiose Licht von Urs Schönebaum vergrößert ihre Schatten ins Übermenschliche, Laser kommen hinzu, die Technik-Oper schafft Aura.

Faszinierend ist auch zu erleben, wie die zahlreichen Besucher zwar anfangs lustig die Möglichkeiten nutzen, mittels einer App auf ihren klugen Telefonen einer digitalen Schnitzeljagd zu folgen. Aber eben live gespielte, akustische Instrumente und der Auftritt der Sängerin Martina Koppelstetter eine viel größere Faszinationskraft haben. Da wird Nitschkes Oper viel klüger als das poetisiert aufgemotzte Libretto von Thomas Jonigk, das von der Vergangenheit einer Zukunft raunt, weil sie mit den Mitteln der Elektronik sowohl deren Kraft als auch deren Überwindung feiert. Koppelstetter ist die richtige dafür, weil ja stets eine Urgewalt, die hartgesotten Leibesertüchtigung mit Stimmperfektion verbinden kann. Bei ihrem ersten Auftritt leuchtet noch der Abendhimmel durch die hohen Fenster. Dann löst das Kunstlicht die Natur ab, zumindest bis zum Morgengrauen.