Oper Da fehlt nichts

Prächtig konzertant: "Die Perlenfischer" des Gärtnerplatztheaters

Von Egbert Tholl

Bizets "Perlenfischer" sind eine wunderbare Oper, die selten szenisch realisiert wird. Warum? Weil die Geschichte als verquast und exotisch-kitschig gilt. Sie spielt auf Ceylon, die Männer tauchen nach Perlen, die Frauen sind schön, es gibt einen Tempel, eine Priesterin und allerlei Rituale. Aber: Vieles davon ist der Entstehungszeit geschuldet, sagt im Kern gar nichts aus, ist Dekor. Der Kern selbst ist ein gut gebautes Drama über Freundschaft zwischen zwei Männern, Nadir und Zurga, deren Liebe zu einer Frau, Leïla, und die Zwänge einer Gesellschaft, die die Freiheit der Herzen nicht zulässt. Dass diese Gesellschaft von Glauben, Priestern und Brahma bestimmt wird, ist eine Farbe; man könnte sich auch etwas ganz anders vorstellen, auch wenn das Lokalkolorit bis in die Musik hineindringt.

Erlebt man nun eine musikalisch so hochkonzise Aufführung wie die durch das Gärtnerplatztheater in der Reithalle, kann man wunderbar den dramaturgisch-musikalischen Bauplan von Bizets erster großer Oper miterleben. Gleich im ersten Akt gibt es das schönste Männerduett der Operngeschichte, zwischen Tenor und Bariton. Beide erinnern sich an ein gemeinsames Erlebnis, versinken in der damaligen Bewunderung für eine wunderschöne Priesterin, tun dies aber verschmolzen in einer verführerischen Melodie. Die Musik schraubt die Beiden zusammen; dann wird noch ein ewiger Freundschaftsbund nachgereicht, der klingt dann so, als könnte er auch im Wirtshaus stattfinden. Der Zauber ist davor.

Der Dirigent Sébastien Rouland lässt keinen Zweifel an der Wirkmächtigkeit der Partitur, das recht schlank besetzte Orchester verwandelt die Reithalle in einen zwar ein bisschen murmelig, insgesamt über überraschend gut klingenden Saal. Zusammen mit dem tollen Chor ist hier grandioses Drama, aber auch viel Lyrik möglich. Die Besetzung ist prima. Jennifer O'Loughlin (Leïla) ist zwar ein bisschen sprachfaul, aber ihr Stimmklang und ihre Koloraturen sind eine Wucht. Matthias Hausmann (Bariton) ist ein auf unaufgeregte Art brillant präsenter Zurga, Lucian Krasznec verzaubert mit viel Schmelz und der poetischen Romanze "Je crois entendre encore". Projiziertes Tempel&Paisley-Dekor gibt's auch. Und viel Freude.