Oliver Stone im Gespräch "Der Kapitalismus ist Amok gelaufen"

Amerika will nicht nach den Regeln spielen: Oliver Stone über Revolution und seine Zweifel an Obama.

Interview: Rüdiger Sturm

Oliver Stone hat wieder zugeschlagen, der unruhige Geist, der trouble-maker des amerikanischen Kinos. In Venedig stellt er seinen neuen Dokumentarfilm "South of the Border" vor, über Hugo Chávez, den Präsidenten von Venezuela. Gleich danach wird er sich an "Money Never Sleeps" machen, den Fortsetzungsfilm seines Banker-Welterfolgs "Wall Street".

SZ: Nach "Comandante", Ihrer Dokumentation über Castro, widmen Sie wieder einer Caudillo-Gestalt einen Film.

Oliver Stone: Hugo Chávez ist kein Caudillo, kein Diktator. Er ist ein demokratisch gewählter Präsident, der viermal in seinem Amt bestätigt wurde und ein Referendum gegen seine Amtsenthebung gewann . . . "South of the Border" war auch nicht als Film über Chávez an sich geplant, eher als ein Angriff auf die amerikanischen Medien, die diesen Mann dämonisieren. Chávez hat enorm viel für sein Land erreicht. Er hat das Wohlstandsniveau gehoben, das Bildungs- und Gesundheitssystem verbessert - also beschloss ich, die positiven Seiten seiner Amtszeit zu zeigen, anstatt nur die US-Berichterstatter bloßzustellen. Und dann erweiterte ich das Spektrum und sprach mit sieben Präsidenten Lateinamerikas, unter ihnen Lula, Cristina und Nestor Kirchner, Evo Morales, Raúl Castro . . . Mein Herz gehört nun mal den Underdogs. Sie alle verkörpern die moderne Revolution, die sich gegen die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA richtet. Fidel Castro war letztlich ein Großvater dieser Bewegung.

SZ: Kann ein Diktator wie Castro ein Vorbild sein?

Stone: Sie dürfen nicht vergessen, wann Castro an die Macht kam - im Kalten Krieg war er gezwungen, einen radikaleren Ansatz zu wählen. Bei Chávez ist alles viel gemäßigter. Er hat die Öl- und einige Schlüsselindustrien verstaatlicht, aber es gibt eine funktionierende Privatwirtschaft. Er ist ein Demokrat, er behelligt die Medien nicht und lässt es zu, dass sie ihn Tag und Nacht kritisieren.

SZ: Abgesehen davon, dass er die Lizenz für den zweitgrößten Fernsehkanal nicht erneuerte . . .

Stone: Das ist eine Ausnahme. Weil der 2002 den Putsch gegen Chávez befürwortete. Wenn Sie einen Kanal in Deutschland hätten, der für den gewaltsamen Sturz der Regierung plädiert, dürfte der weiter auf Sendung bleiben?

SZ: Es gibt also nichts, was Sie an Chávez kritisieren?

Stone: Nein, denn ich sehe keine Indizien für ernsthafte Vergehen von seiner Seite. Das heißt nicht, dass sich die Polizei oder seine Parteimitglieder nichts zuschulden kommen ließen. Aber wenn Sie mit den Leuten auf der Straße sprechen, dann sehen Sie klar: Dieser Mann wird von der Bevölkerung geliebt. Und gleichzeitig stieß er einen Wandel in ganz Lateinamerika an, der zur Folge hatte, dass seit 2000 zunehmend indianische Präsidenten ins Amt kamen und sich die Länder von den USA emanzipieren.

SZ: Sprachen Sie auch mit seinen Kritikern, mit Vertretern der Opposition?

Stone: Nicht so viel, wie die es sich wohl gewünscht hätten. Aber die kommen sowieso ständig im amerikanischen Fernsehen zu Wort. Dass die Mitglieder der Oberschicht Chávez hassen, ist ja ein alter Hut. In Lateinamerika ist eine Revolution nach den Prinzipien des Freiheitskämpfers Simón Bolívar in Gang. Und der Film vermittelt das Konzept dieser Revolution . . .

SZ: Aber es herrscht offenbar auch bestes Einvernehmen zwischen Chávez und den kolumbianischen Farc-Guerillas. Er hat Sie doch seinerzeit eingeladen, 2007, eine - letztlich gescheiterte - Freilassung von Geiseln der Rebellen zu filmen.

Stone: Aber Chávez unterstützt die Farc nicht. Es gibt keine Beweise dafür - selbst Interpol hat nichts gefunden. Nur Kreise der US-Geheimdienste behaupten, dass er der Farc Waffen liefern würde. Mich erinnert das stark an das Vorfeld des Irak-Kriegs, dessen Befürworter sich ja auch auf falsche Behauptungen der CIA stützten. Chávez mag die Farc nicht. Die Guerillas halten sich nur im Grenzgebiet von Kolumbien und Venezuela auf, weil ihnen der Regenwald da Schutz gibt - zumal die Venezolaner keine starken Grenztruppen haben. Wer diese Gegend militarisiert hat, waren die Kolumbianer - mit amerikanischer Hilfe.

SZ: Wie erklären Sie sich, dass sich die USA so massiv militärisch in diesen Ländern engagieren?

Stone: Es ist ein Kampf um den Hinterhof. Dieses Land findet keine objektive Einstellung zu den Ländern Süd- und Zentralamerikas. Jeder meiner Filme, der sich mit der Region beschäftigte, angefangen mit "Salvador", hatte Schwierigkeiten, einen US-Verleih zu finden. Ich behaupte, nicht mal Michael Moore könnte eine Dokumentation darüber drehen. Warum bekommen wir immer falsche Informationen? Selbst unter einem Castro-Regime gab es nicht so viele Menschenrechtsverletzungen wie in Honduras oder der Militärdiktatur Guatemalas, die von den USA unterstützt wurde.

SZ: Erhoffen Sie sich von der Obama-Regierung hier Veränderungen?

Stone: Obama selbst könnte etwas bewirken. Beim Gipfeltreffen der Union Südamerikanischer Nationen im April schüttelte er ja sogar Chávez die Hand. Ich glaube, dass das von Obamas Seite ernst gemeint war und er sich mit diesen anderen Präsidenten identifiziert hat, alle Farbige, viele aus der Arbeiterklasse. Aber die Frage ist: Kann er das durchsetzen? Die tieferliegende Frage dazu lautet: Hat Obama noch Kontrolle über die US-Regierung? Wie viele habe ich da mittlerweile Zweifel. Denn unser System wird von einer Bürokratie dominiert. Ich bin mir nicht sicher, ob Hillary Clinton auf der richtigen Seite steht. Auch Vizepräsident Joe Biden fällt ihm in den Rücken. Wir könnten den rechtsgerichteten Staatsstreich in Honduras, der in ganz Lateinamerika verdammt wird, in kürzester Zeit beenden, wenn wir Wirtschaftssanktionen ausrufen würden.

SZ: Kann man als Filmemacher da Impulse bringen? Das gilt auch für Ihr neues Projekt, "Money Never Sleeps", die Fortsetzung von "Wall Street".

Stone: Ich kann vielleicht einige Leute erreichen . . . In dieser Hinsicht bewundere ich, was Michael Moore macht. Die amerikanische Finanzwirtschaft hat ein Ausmaß an Korruption und Spekulation erreicht, das nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt zerstört. Aber im Gegensatz zu Venezuela haben die Menschen in Amerika keine Stimme - auch das ein Thema von "Money Never Sleeps". Sie werden desinformiert, wissen nicht, was los ist, sie zahlen nur die Rechnung.

SZ: Mit der Krise scheint auch der Sozialismus bereit für ein Comeback zu sein. Auch in "Money Never Sleeps"?

Stone: Das könnte man so sagen. Der Kapitalismus ist Amok gelaufen. Es hat sich aufs Neue erweisen, dass der Markt keine Vernunft besitzt. Die große Ironie ist, dass Obama Banken so weit verstaatlicht hat, dass die Regierung faktisch zum Big Brother wurde. Und gleichzeitig kritisieren wir Chávez für die Verstaatlichung der Ölindustrie - es ist einfach scheinheilig und bizarr. Aber das gilt wohl immer für die USA: Wir erwarten, dass andere Leute nach den Regeln spielen, die wir selbst nicht befolgen wollen.