Österreichische Oscar-Gewinne Fremdeln mit den Ikonen

"Wir sind Oscar", wäre wohl hierzulande getitelt worden, hätten zwei Deutsche den Preis gewonnen. In Österreich lautete nach dem Oscar-Triumph von Haneke und Waltz die schrillste Schlagezeile: "Knalleffekt".

Von Cathrin Kahlweit

Man kann wirklich nicht behaupten, dass Österreich triumphieren würde. Dabei waren die beiden Oscars durchaus herbeigesehnt worden - schließlich ist es immer schön, wenn ein kleines Land in der großen Welt Beachtung findet. Außerdem hatte, und auch in solchen Währungen wird natürlich gerechnet, der ORF "Amour" kofinanziert. Und doch: Über "Erfolg" und "Ehrenhaft" ging kaum eine Schlagzeile am Montag hinaus, "Knalleffekt" war noch die schrillste Formulierung. Da hätte sich Bild, wenn gleich zwei Preise in Hollywood an Deutsche gegangen wären, aber mehr ins Zeug gelegt. Unter "Wir sind Oscar" wäre da wohl nichts gegangen, nachdem wir ja nun bald nicht mehr Papst sind.

Österreichs Boulevard hingegen, der zwei Drittel der Leser im Land bedient und politisch wie gesellschaftlich den Ton angibt, hielt sich zurück. Es waren die zwei Namen, die die Musik machten, Haneke und Waltz, Waltz und Haneke holen Oscars, war überall in fetten Lettern zu lesen, und "für Österreich" stand auch immer dabei, jedoch klein, fast ein wenig verschämt.

Sonst entzückt die Li-La-Laune-Bär-Prominenz

Es scheint, als fremdele die Nation mit ihren zwei Ikonen, die vor allem in der Fremde zu Ruhm und Ehre gekommen sind. Und tatsächlich passen der kosmopolitische Überflieger und der gestrenge, düstere Intellektuelle ja auch recht wenig zur Li-La-Laune-Bär-Prominenz, die sonst die Öffentlichkeit entzückt. An halbseidene Helden wie den Einkaufszentrums-Besitzer Richard Lugner oder den omnipräsenten Selbstvermarkter Felix Baumgartner hatten sich die Medien jedenfalls zuletzt mit mehr Begeisterung herangeschmissen.

Wer zuletzt lacht

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Und auch, als vor etwa zwei Wochen - nach einer mehrtägigen Zitterpartie bei der "besten Ski-WM aller Zeiten" - Österreichs Ski-Star Marcel Hirscher endlich seine erste Medaille gewonnen hatte, da waren Erleichterung und Freude ungleich größer gewesen; in der Regierungskoalition in Wien, die seit Monaten in Agonie liegt, fiel man sich in die Arme vor Begeisterung über einen Sieg für Österreich. Jetzt lässt Kanzler Werner Faymann in einer spröden Erklärung mitteilen, er gratuliere Haneke und Waltz "zu ihren Leistungen, die ihnen verdienterweise die begehrten Filmpreise eingebracht haben".

Die nationale Debatte anlässlich der Ski-WM hatte ohnehin mehr über die seelische Befindlichkeit des Achteinhalb-Millionen-Volks offenbart, als es jetzt Blogs, Tweets und ziselierte Statements einheimischer Kulturpolitiker anlässlich der Oscars tun: Als die Alpen-Nation nach Schladming lud, entlud sich im Netz ein Shitstorm gegen das eigene Land, weil sich Österreich anmaßte, Nummer eins im Schnee sein und international auf Augenhöhe mithalten zu wollen. Erst nachdem alles glücklich ohne Pannen, Terrorangriffe und sportliche Katastrophen abgegangen war, hatten wieder jene die Oberhand, die schon immer fanden, Österreich werde schlechtgeredet. Und die Rainhard Fendrichs Patriotenschnulze "I am from Austria" auch jederzeit öffentlich und vor Zeugen zu singen bereit wären. "Na, dann ist ja alles wieder o.k. in unserem landl.... alle korruption, schuldenkrisen, arbeitslosenzahlen und bankenrettungen vergessen!! hauptsache wir sind immer noch wer", postete ein Zyniker im Standard.

"Das tut unserem kleinen Land gut"

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Und es ist ja auch wahr: Das Image des Landes mit allen seinen Korruptionsskandalen, Rechtspopulisten und seinen monströsen Verbrechen hatte zuletzt stark gelitten. Sogar das Burgtheater ist praktisch in deutscher Hand. Da erklärt sich die fast anrührende Vorsicht, mit der sich Kulturministerin Claudia Schmied zum Doppelsieg in den USA äußerte. Sie war extra zur Oscar-Verleihung geflogen und durfte das große Ereignis dann im Generalkonsulat in Los Angeles am Fernseher mitverfolgen: "Zwei Oscars, wenn Sie es mich patriotisch formulieren lassen, für Österreich - das tut unserem kleinen Land gut. Das ist sehr wichtig für das Selbstvertrauen." So viel Bescheidenheit ist - zumindest im selbstverliebten Amerika und zumal im Dunstkreis des Dolby Theatres - eher ungewöhnlich.

Bescheidenheit und eine gewisse Skepsis gegenüber Vereinnahmungsversuchen im eigenen Land zeichnen passenderweise auch die zwei geehrten Künstler aus. Michael Haneke, dessen Vater Deutscher war, sagte vor dem Oscar über seine Beziehung zu Österreich und der nationalen Filmszene: "Meine ersten Filme, die ich hier gemacht habe und die Gott sei Dank gefördert wurden, waren kein Publikumserfolg. Aber sie wurden im Ausland und bei Festivals bemerkt und haben dazu geführt, dass ich im Ausland etwas machen konnte. Seit ich im Ausland anerkannt bin, werde ich auch hier akzeptiert."