Österreichische Literatur:Die Kunst und der Dreck

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Eine bittere Bilanz: Ernst Lothars Roman "Die Rückkehr" erzählt von den Emigranten in einer düsteren Stadt, dem Wien der Nachkriegszeit.

Von Verena Mayer

Wenn es um das Wien der Nachkriegszeit geht, hat man sofort den Film "Der dritte Mann" vor Augen. Eine Stadt, düster und voller Geheimnisse, in der tagsüber die internationale Bohème unterwegs ist und sich nachts in der Kanalisation die Gangster jagen. Eine globale Schlüsselstelle im Kalten Krieg, wo man schon das aufkeimende Denken des Existenzialismus spürt: "Ich glaube an Gott, den Teufel und daran, dass die Toten am glücklichsten sind", heißt es einmal.

Weniger aufregend ist das Nachkriegs-Wien, das im Roman "Die Rückkehr" gezeichnet wird. Ein Schauplatz, an dem gehungert und gefroren wird, der zerbombt und ausgebrannt ist und alle voller Wut auf diejenigen sind, die dem Tod entrinnen konnten. Die ersten Worte, die einem aus der Emigration zurückgekehrten Juden auf der Straße entgegengeschleudert werden, lauten: "Ami, go home!" Vor allem aber ist dieses Wien eine Stadt, in der geschwiegen und weggesehen wird, in der die Seelen der Bewohner noch beschädigter sind als die Straßen. Als während einer Hochzeit im Stephansdom ein Kind von herabfallenden Trümmern schwer am Auge verletzt wird, tröstet es die Mutter nicht etwa, sondern sagt nur: "Besser, man hätt gar keine Augen, Susi. Man sieht eh nix Gutes."

Der Roman kam zur selben Zeit heraus wie der "Dritte Mann", im Jahr 1949. Allerdings fand er damals nicht ansatzweise so viel Beachtung und verschwand schnell aus den Buchläden. Erst jetzt, Jahrzehnte später, hat ihn der Wiener Zsolnay Verlag wieder aufgelegt und damit einen Autor zurück ins Bewusstsein gerufen, der zu den interessantesten Figuren des österreichischen Kulturbetriebs gehören dürfte, den 1974 verstorbenen Ernst Lothar, einen Wiener Juristen, Schriftsteller, Regisseur und Theaterintendanten.

Warum das Buch zum Zeitpunkt seines Erscheinens kein Massenpublikum fand, wird einem beim Lesen schnell klar. "Die Rückkehr" handelt von Felix von Geldern, einem jungen Großbürger, der nach dem "Anschluss" Österreichs wegen seiner anti-nazistischen Haltung aus Wien flüchten muss. Er geht erst nach New York, wo er die US- Staatsbürgerschaft annimmt und von einer kleinen amerikanischen Existenz träumt, mit Familie und Eigenheim am Stadtrand. Doch die Sehnsucht nach seiner Heimat treibt ihn zurück nach Wien. Dort ist er alles andere als willkommen. Die einen sehen in ihm einen amerikanischen Besatzer, die anderen halten ihm vor, sich im Ausland vor Leid und Zerstörung gedrückt zu haben. Und während die Spuren der Ermordeten und Vertriebenen noch allgegenwärtig sind, ihre leeren Wohnungen, ihr geraubter Besitz, machen die Täter und Mitläufer weiter wie zuvor. Das Wiener Bürgertum trifft sich in edlen Stadtpalais, soupiert vor dem Opernbesuch und dient sich den neuen Mächtigen an. Und alle wollen sie "einen dicken Strich unter die Vergangenheit ziehen", wie ein Sektionschef im Justizministerium sagt, der diese Vergangenheit eigentlich aufarbeiten sollte.

Ernst Lothar bringt seinen Protagonisten an die klassischen Orte der Wien-Literatur, an die Ringstraße, zum Heurigen, in die Praterauen, wo die Kastanien blühen. Eine Szenerie, idyllisch wie im Wienerlied, zu der das Verhalten der Einheimischen in starkem Kontrast steht. Alle versuchen, für sich selbst das Beste herauszuholen, wer das nicht kann, ist selbst schuld. Als sich einmal KZ-Überlebende versammeln, um gegen den Auftritt einer Opernsängerin zu protestieren, die ihre Karriere den Nazis zu verdanken hat, geht auf den Männern mit "den erloschenen Augen" der gesammelte Wiener Volkszorn nieder. " ,Das geht das Fräulein Wagner einen Dreck an!', schrie jemand. ,Sie ist eine große Künstlerin, sie kümmert sich um die Kunst! Um etwas anderes braucht sie sich nicht zu kümmern!'"

Szenen wie diese machen die literarische Qualität des Romans aus. Sie sind mit einem großen Gespür für Dialoge und das Situative niedergeschrieben, man merkt, dass der Autor vom Theater kommt. Ernst Lothar war in der Zwischenkriegszeit Intendant am Theater in der Josefstadt, führte später Regie am Wiener Burgtheater. Und man merkt seine Zeitgenossenschaft mit anderen Chronisten der Wiener Niedertracht, mit Arthur Schnitzler oder Ödön von Horváth. Vor allem aber erzählt der Roman von der großen Zerrissenheit, die sich in den Biografien des zwanzigsten Jahrhunderts auftut. Lothars Protagonist ist nirgendwo zu Hause, aus der alten Heimat wurde er vertrieben, in der neuen kommt er nicht an. Er ist hin und her gerissen zwischen zwei Frauen, seine Familie ist gespalten, weil die einen sich mit den Nazis arrangierten und die anderen vor ihnen flüchten mussten. Er sagt als Zeuge gegen seinen früheren Chef aus, der dem NS-Regime in Wien den Weg ebnete, und fühlt sich ihm gegenüber dennoch loyal, er ist Heimkehrer und Heimsuchender in einer Person.

Ernst Lothar könnte selbst eine Figur aus seinem Roman sein. 1890 als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie geboren, gehörte er genau jener Generation an, die später als die "verlorene" in die Geschichtsbücher einging. Seine Existenz als Jurist und Beamter verlor er durch den ersten Weltkrieg, die danach aufgebaute Karriere am Theater durch Flucht und Vertreibung. In den USA begann er Romane zu schreiben, als Angehöriger der US-Armee kehrte er nach dem Krieg nach Wien zurück, wo er den Kulturbetrieb entnazifizieren sollte. Ein unmögliches Unterfangen, weil Kunst und Kultur im Österreich der Stunde Null zu den unique selling points wurden, mit denen man sich nach innen und außen darstellen wollte. Dass die kulturelle Elite, die dieses Konzept trug, tief verstrickt war in die Strukturen der NS-Zeit, wurde bis zur Schizophrenie verdrängt.

Das bekam auch Ernst Lothar zu spüren, als sein Roman "Der Engel mit der Posaune" verfilmt wurde. Burgtheater-Schauspielerin und Publikumsliebling Paula Wessely, die 1941 in einem antisemitischen NS-Propagandafilm mitgewirkt hatte, spielte darin eine verfolgte Jüdin. Der Film wurde ein riesiger Erfolg, die grotesken Auswüchse dieser Jahre fanden Eingang in Lothars Roman "Die Rückkehr". Damals wollte man das alles nicht so genau wissen, heute liest man einen Roman, der in seiner Vielschichtigkeit etwas drängend Aktuelles hat. Weil er davon erzählt, dass man es sich nicht aussuchen kann, ob man irgendwo bleiben darf oder gehen muss. Dass es einen überall hinverschlagen kann und es in den seltensten Fällen ein Zurück gibt.

© SZ vom 13.03.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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