"Oblivion" im Kino Der Letzte räumt die Traumata weg

Spezialtechniker Jack (Tom Cruise) und seine Partnerin Julia (Olga Kurylenko) in einer Szene von "Oblivion"

(Foto: epd)

Tom Cruise, eine reine Seele aus dem Weltall, schiebt Dienst auf der verlassenen, ausgepowerten, erinnerungsleeren Erde in dem Endzeit-Spektakel "Oblivion". Für den Zuschauer ist der Film in gewisser Weise ein echtes Schnäppchen.

Von Jan Füchtjohann

Schon wieder Endzeit. Schön sieht sie diesmal aus: weite Landschaften, Berge, ein bisschen Schnee, dazwischen ein ausgebranntes Footballstadion und pittoresk aufs Trockene gelaufene Schiffe. Der Mond sieht aus, als hätte ihn jemand in Superzeitlupe durch den Weltraum getreten, mit großer Delle und überallhin versprengten, in der Nacht leuchtenden Splittern. Ansonsten ist es still, bis auf ein paar gewaltige Hightech-Strohhalme, die das Meer leersaugen. Zur Energiegewinnung, erklärt eine Stimme aus dem Off.

Auftritt Tom Cruise. Wer wohl auf die seltsame Idee gekommen ist, ausgerechnet Cruise als letzten Menschen zu besetzen? Nur weil sich die Stimmen häufen, die ihn für das Letzte halten, ist er ja noch lange kein Mensch. Denn nicht nur hat der Hollywood-Star vor etwa 15 Jahren auf unheimliche Weise aufgehört zu altern, er ist inzwischen auch ein "operierender Thetan VII" und damit laut seiner Ufo-Religion Scientology eine reine Seele aus dem Weltall, die sich von ihrer menschlichen Hülle, dem "Fleischkörper", weitgehend befreit hat.

Auf jeden Fall erzählt Cruise dem Publikum, was passiert ist: Aliens. Sie haben angegriffen und den Mond zerstört, danach kamen die Erdbeben und Tsunamis. Unter Einsatz von Atomwaffen konnten die Menschen den Krieg gerade noch gewinnen, dafür haben sie die Erde verloren. Alles ist verseucht oder kaputt, die Bevölkerung wurde auf eine Raumstation evakuiert und wartet jetzt darauf, auf irgendeinen Mond geschickt zu werden: neuer Lebensraum. Die alte Erde läuft derweil auf Cruise Control: Maschinen erledigen die Ausbeutung der Ressourcen, Drohnen verteidigen die Maschinen gegen übrig gebliebene Aliens, und die Wartung der Drohnen übernimmt Jack Harper (Tom Cruise).

Absurder, aber gnädiger Einfall der Designer

Dazu wohnt er mit seiner stets akkurat zurechtgemachten Freundin Victoria (Andrea Riseborough) in einer Art Vorstadthaus auf Anabolika: ein Bungalow, der auf einer langen Nadel über den Wolken schwebt, mit gläsernen Schiebetüren, einem gläsernen Außenpool, vielen gläsernen Touchscreens und einer Walk-in-Dusche aus Glas. Viele Fenster also, und leider muss man reingucken: So hat man dann das zweifelhafte Vergnügen, Tom Cruise ausgiebig dabei zusehen zu dürfen, wie er schläft, schwimmt und sich einseift.

Außer dem Haus besitzt der Drohnenmechaniker auch noch ein Düsen-Helikopter-Kampf-Ufo aus gläsernen Weihnachtsbaumkugeln und ein weißes iMotorrad mit Touch-Tacho. Toll! Nicht ganz so toll ist allerdings, dass Victoria bei seinen Ausflügen immer über Funk an ihm herumnörgelt und ständig Anweisungen erteilt, die sie per Skype von einer Art bösen Offiziers-Schwiegermutter erhält. Aber zum Glück dreht sich die Erde, und damit ist die Schwiegermutter auf ihrer Raumstation den halben Tag offline - ein absurder, aber gnädiger Einfall der Designer.

Jetzt müsste man eigentlich noch erzählen, dass Harper sich eigentlich wie alle Angestellten nach einem "echteren" Leben in der Natur sehnt. Und dass ausgerechnet, als er auf einer Wiese liegt, die Frau seiner Träume (Olga Kurylenko) mit einem Raumschiff direkt in seine Arme abstürzt. Und dass am Ende natürlich alles genau andersherum ist als gedacht. Aber wenn man das täte, würde vermutlich schnell das aufgeregte Wort "Spoiler" fallen.

"Matrix" von 1999. Und so weiter.

Dabei kann man eigentlich gar nicht zu viel verraten, weil einem alle Elemente ohnehin bekannt vorkommen. Der Letzte räumt die Erde auf? Das ist doch Wall-e, der freundliche kleine Roboter aus dem Pixarfilm von 2008. Die amerikanische Zivilisation, untergegangen und halb verschüttet? "Planet der Affen" von 1968. Eine große Enthüllung durch einen weisen schwarzen Rebellenanführer auf einem Sessel? "Matrix" von 1999. Und so weiter.

Vielleicht war das ja einer der Gründe, warum sich Tom Cruise für "Oblivion" interessiert hat. Der Schauspieler, der auch im vergangenen Jahr wieder an der Spitze der Forbes-Liste der "Most Powerful Actors in Hollywood" stand, ist schließlich wie gesagt Scientologe. Dieser Religion zufolge waren Menschen ursprünglich auch nur Aliens, die vor 75 Millionen Jahren von dem bösen Diktator Xenu in Kühlschränken auf die Erde geschafft wurden, unter dem Vorwand, sie müssten sich dort einer Steuerprüfung unterziehen. Tatsächlich wurden sie dann aber in Vulkane gesteckt und mit Wasserstoffbomben in die Luft gejagt. Elektrische Fallen fingen ihre radioaktiven Seelen ("Thetane") auf, die dann von Xenus Schergen einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, wonach sie an so verrückte Geschichten wie die von Jesus glaubten. Für Scientologen geht es nun darum, sich von dieser Hirnwäsche zu befreien: von anderen, "schlechten" Thetanen, die einem überall im Körper stecken, und schließlich auch von diesem Körper selbst. Dazu muss man sich in Hunderten recht teuren "Auditings" an die Traumata aus vergangenen Leben erinnern.

Genauso funktioniert auch "Oblivion": Man erinnert sich ständig an lauter Sachen, die man in vergangenen Weltraumopern schon mal erlebt hat. Hier ein Stück aus dem Science-Fiction-Film, hier ein Stück aus einem anderen, alle aus der Vergessenheit (engl. "oblivion") zurück ins Bewusstsein geholt. So gesehen ist der Film ein echtes Schnäppchen: ein echtes "Auditing" für gerade mal zehn Euro. Eine gläserne Dusche für den eigenen Thetan! Bei Scientology kriegt man für so wenig Geld gerade mal einen warmen Händedruck.

Als "operierender Thetan VII" soll Tom Cruise übrigens in der Lage sein, Sachen zu bewegen, ohne sie zu berühren. Außerdem kann er Menschen und Tiere telepathisch beeinflussen. Das stimmt wirklich: Wenn er sich im Film etwa aufs Motorrad schwingt, seine Wraparound-Sonnenbrille überstreift und in aufrechter Heldenpose durch die Wüste fährt, übermittelt sich fast dem ganzen Kinosaal telepathisch ein mittelintensives Gefühl von Peinlichkeit. Wow.

Oblivion, USA 2013 - Regie: Joseph Kosinski. Buch: Joseph Kosinski, Karl Gajdusek, Michael Arndt. Kamera: Claudio Miranda. Schnitt: Richard Francis Bruce. Mit: Tom Cruise, Morgan Freeman, Olga Kurylenko, Andrea Riseborough, Nikolaj Coster-Waldau, Melissa Leo. Universal, 135 Minuten.