Oberammergau Selten war der "Fliegende Holländer" aufregender als in den Bergen

Voller Leidenschaft: Der Profi-Sänger Gábor Bretz als Holländer in Oberammergau.

(Foto: Arno Declair)

Ein musikalisch wie szenisch mitreißender Wagner in Oberammergau: Christian Stückl inszeniert den "Fliegenden Holländer" im Passionstheater.

Von Egbert Tholl

Von vorne, von der Bühne her, weht ein Lüftchen, das einem leicht glauben machen kann, dass das Schiff der Norweger vom Sturm in die falsche Bucht getrieben wurde. Land scheint zwar nah, man hört Vögelein pfeifen und ein paar Tauben segeln ins Passionstheater hinein. Aber das Meer ist wild und aufgewühlt, es bewegt sich sogar, obwohl es gemalt ist - Stefan Hageneier hat wieder einmal eine tolle Bühne gebaut. Man vergisst sofort, dass hier normalerweise Esel, Schafe und Wüstenbewohner zu Hause sind.

Aber was ist schon normal in Oberammergau? Offenbar alles, eben auch, dass es hier nun Wagners Oper "Der fliegende Holländer" zu erleben gibt. Und ein Erlebnis ist der Abend in jeder Hinsicht, es ist ganz große Oper, verblüffend gut gemacht. Oder anders gesagt: Selten war der "Holländer" aufregender als in den Bergen.

In die Mitte des Bühnenhauses hat Hageneier eine Drehbühne gebaut, eine zunächst verschlossene Trommel, auf die er das Meer gemalt hat und die sich dreht und dreht, später öffnet, man sieht den Dreimaster des Holländers wie in der Ferne und wieder Meer, nun von Innen, die Trommel dreht weiter und schließlich rastet das Achterdeck des Geisterschiffs ein, wuchtig und groß. Wie oft, wenn Christian Stückl in Oberammergau inszeniert, passieren die Dinge auf der Bühne mit einer stupenden Selbstverständlichkeit, als ginge es nie anders als so, wie es eben passiert, überraschend und zwingend zugleich.

Der Chor ist fantastisch. 170 Menschen, die Stückl auf- und abtreten lässt mit einer Eleganz, dass man kaum merkt, wie die auf die Bühne kommen. Ein halbes Jahr hat Markus Zwink mit ihnen geprobt. Das Ergebnis ist einfach umwerfend. Die singen perfekt, von einem kleinen Wackler gegen Ende mal abgesehen, die klingen auch schön. Die schiere Wucht ist ganz und gar großartig, Wagners Chöre strahlen als einzigartiges dramatisches Erlebnis.

Aber es geht auch ganz fein. Für Mary und die Damen an den Spinnrädern haben sich schon viele Regisseure abenteuerliche Sachen ausgedacht, die hier alle nicht möglich wären, dazu sind es einfach zu viele Damen. Was macht Stückl? Er macht eine Singstunde. Mary dirigiert, die in beige Wolle verpackten Damen singen, hopsen ein bisschen, bewegen sich in leichtem Tanz von links nach rechts, während Iris van Wijnen ihre Mary in Verzückung aufgehen lässt. Sie dirigiert und tanzt und singt, ein Bühnentier, das alle mitreißt.

Überhaupt ist hier alles mitreißend. Wenn man sehr seitlich guckt, kann man auf den Monitoren sehen, was Ainars Rubikis im Graben veranstaltet. Er holt die Musiker der Neuen Philharmonie München bei der Leidenschaft ab, zu der ein Studentenorchester fähig ist. Natürlich ist das Passionstheater kein akustisch idealer Ort. Das ist aber völlig egal, halsbrecherische Tempi und ein zehrender Streicherklang vereinen sich zu einem ungemein lebendigen Musizieren: Wagner ohne jede Statik, das Wogen des Klangs nimmt das Licht von Günther E. Weiss auf, die ganze Oper rauscht durch wie ein aufregender Sturm.

Dazu gibt es hier einen Holländer, der als Prachtkerl von einem Mann gar nicht viel tun müsste, um die Szene zu beherrschen. Gábor Bretz ist faszierend und souverän in Stimme und Ausstrahlung. Ein schönes Paar, er und Liene Kinča als Senta. Eigentlich hat sie eine Bronchitis, was man anfangs auch hört, aber sie macht sich frei davon, singt die Ballade mit Feinsinn und Kraft, kann sich fabelhaft mit Erik streiten, der hier in Gestalt von David Danholt überhaupt kein Jammerlappen ist, sondern Senta wirklich liebt. Auch das ist wieder aufregend und sehr wirklichkeitsnah.

Kinča hat eine feine Aura mädchenhafter Sehnsucht, aber die Träume ihrer Senta sind keine Flausen. Am Ende steigt sie zum Holländer aufs Schiff, verlässt das Dorf und ihren kuppelnden Vater Daland (Guido Jentjens) - vielleicht ein Happy End, zumindest kein Sterben als Erlösung.

Christian Stückl hat die erste Wagner-Oper, die er auf der Bühne sieht, selbst gemacht, mit ungeheuer sicherem Instinkt. So kann es weitergehen in Oberammergau, und man wünscht dem Ort nur ausverkaufte Aufführungen. Ein lebensstrotzendes Pedant zu Bayreuth ist hier entstanden, zumindest in diesem Sommer, aber vielleicht auch in Zukunft. Viel Freude macht es auf jeden Fall.