Nürnberg Der Zeit entschwebt

Die Internationale Orgelwoche beginnt sphärisch

Von Stephan Schwarz-Peters, Nürnberg

Wo Schönheit ist, ist auch das Vergnügen nicht weit. Doch bald schon schieben sich die beiden Oberstreberinnen Zeit und Erkenntnis ins Bild, mahnen zur Abkehr von der Wollust und zur Hinwendung zu Gott: singende Allegorien allesamt, wie sie die geistlichen Vokalwerke des Barock so reichlich bevölkern. Unter ihnen auch das Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disignanno" (Triumph der Zeit und der Erkenntnis) von Georg Friedrich Händel, der die schließlich geläuterte Schönheit am Ende in den Himmel hebt, sanft empor getragen von den Tönen einer Solovioline. Das Stück bescherte seinem Komponisten 1707 nicht nur einen überwältigenden Einstand in der musikbegeisterten High Society Roms, sondern liefert auch den Rahmen für die Eröffnung der Internationalen Orgelwoche in Nürnberg.

Hier dreht sich alles um das Phänomen Zeit, und es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sie vergehen kann. Fünf Jahre zum Beispiel, die Spanne, in der der erfolgreiche Berliner Kulturmanager, Dramaturg, Radialsystem-Erfinder und Konzert-Entstauber Folkert Uhde nun schon das Festival leitet. Bevor er die Geschicke an seinen Nachfolger Moritz Puschke übergibt, möchte er in diesem seinem letzten Amtsjahr noch einige Herzensangelegenheiten im Programm platzieren. Als mottogebendes Stück zum Auftakt nimmt Händels "Trionfo" dabei gewissermaßen einen Ehrenplatz ein. In gewinnbringend geraffter Form erklingt das mit vier Solisten besetzte Stück in seiner Evergreen auf Evergreen ausspuckenden Urfassung - der wohl schönsten, die von diesem Werk existiert. Wie viele ihrer Arien wurden nicht später von der Händel'schen Wiederverwertungsanlage für andere Opern und Oratorien aufbereitet?

In der atmosphärisch beleuchtenden Sebalduskirche entfalten Hits wie "Crede i'uom ch'egli riposi" und (natürlich!) "Lascia la spina" eine ganz eigene, kontemplative Zauberkraft, mit deren Hilfe die timbre- und charaktermäßig ideal zusammengesetzten Stimmen des Gesangsquartetts (Maria Erlacher, Maria Ladurner, Marian Dijkhuizen und Nino Aurelio Gmünder) ganz leicht und frei durch den Raum schweben können. Das gilt auch für die wunderschönen, abgeklärt vor sich hinströmenden Oboen- und Geigensoli, die Händel seinem Jugendwerk so großzügig spendiert hat. Der Nachhall des mittelalterlichen Kirchenraums tut sein Übriges, um die Betörung komplett zu machen, wirkt sich allerdings nicht gerade vorteilhaft auf die flotteren Instrumentalpassagen aus. Hier muss man ein bisschen Musikbrei in Kauf nehmen - von dessen Entstehung das erstmals bei der Orgelwoche gastierende Finnish Baroque Orchestra jedoch freizusprechen ist. Einen feineren und federnderen instrumentalen Untergrund könnte man den Solisten kaum bieten, als es das Ensemble aus Helsinki tut.

Eine wesentliche Rolle im Orgelwochen-Konzept des scheidenden Organisators Folkert Uhde spielt das Konzertdesign, das sich am Eröffnungsabend in halbszenischen Aktionen der Solisten und auf Leinwände projizierten Vanitas-Symbolen wie fließendem Wasser oder niederbrennenden Kerzen offenbart. Welches Überwältigungsgefühl man mit dem passenden Sounddesign erzielen kann, lehrt der in der Lorenzkirche stattfindenden Folgeabend des Festivals, der ganz im Zeichen von Thomas Tallis' Monumentalmotte "Spem in alium" steht. Hierfür reserviert man sich am besten gleich zu Beginn eine der auf dem Boden ausgelegten Matten. Bequem auf dem Rücken liegend blickt man Richtung Deckengewölbe (wenn man es nicht vorzieht, die Augen zu schließen) und gibt sich dem Erlebnis hin, wie sich aus 40 Einzelstimmen der Gesamtklang des Renaissance-Klassikers zusammensetzt. Man hat ja acht Stunden Zeit, in denen nur die beiden fantastischen Sänger Terry Wey (hohe Stimmen) und Ulfried Staber (tiefe Stimmen) fleißig sein müssen.

Jeder Part wird live gesungen, aufgenommen und in einem Soundsystem zusammengeführt, bis nach 40 Durchgängen und irgendwann um Mitternacht eine strahlende Klangflut aus 16 Lautsprechern die bläulich-matt erleuchtete Kirche erfüllt. Spätestens jetzt dürfte das Konzept der Orgelwoche zu wirken beginnen und auch der Letzte das Gefühl für Zeit verloren haben.