NS-Kunstraub "Endlich Taten!"

Opferganisation Jewish Claims Conference reagiert auf SZ-Bericht und fordert Ende von "Vertuschung und Geheimhaltung" in deutschen Institutionen. Auch der Gesetzgeber sei gefragt, und Archive müssten geöffnet werden.

Von Jörg Häntzschel und Catrin Lorch

"Der neuerliche NS-Raubkunstskandal in Bayern zeigt, dass zwischen der staatlich verordneten Bereitschaft zur Rückführung von geraubten Kunst- und Kulturgütern aus jüdischem Eigentum und der Umsetzung von fairen und gerechten Lösungen eine erhebliche Diskrepanz besteht", erklärte Ruediger Mahlo, deutscher Repräsentant der Jewish Claims Conference (JCC) am Montag zum Fall der Erben der jüdischen Familie Kraus. Die SZ hatte darüber in der Wochenendausgabe berichtet.

Von den Nazis geraubte Bilder aus der Sammlung der Wiener Familie wurden in den Collecting Points der US-Truppen verwahrt und später den Deutschen treuhänderisch übergeben. Doch statt deren rechtmäßige Eigentümer zu ermitteln, verkauften die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen einige der Werke an Henriette Hoffmann, die geschiedene Frau des Reichsstatthalters in Wien, Baldur von Schirach. Anfragen der Commission for Looted Art, die sich für die Restitution von Raubkunst einsetzt und den Fall recherchiert hat, wurden von den Staatsgemäldesammlungen nur lapidar beantwortet, entsprechende Dokumente aus den eigenen Archiven nicht zugänglich gemacht.

"Solange Vertuschung und Geheimhaltung selbst in hochrangigen Institutionen wie den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen vorherrschen, wird man kaum zu befriedigenden und befriedenden Lösungen kommen, von fairen und gerechten im Sinne der Washingtoner Prinzipien ganz zu schweigen", schreibt Mahlo, dessen Organisation sich für die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Holocaust einsetzt. Es müsse gefragt werden, "ob den rechtmäßigen Eigentümern und ihren Erben nicht Rechtsmittel an die Hand gegeben werden müssen, um zu ihrem Recht zu kommen. Ist hier nicht doch der Gesetzgeber gefragt, sowohl für den öffentlichen wie für den privaten Bereich rechtliche Handhaben vorzusehen?"

"Deutschland muss alles daran setzen, mit den rechtmäßigen Eigentümern zu kooperieren."

Mahlo mahnt vor allem Transparenz an: "Es ist beschämend, dass die Verantwortlichen selbst in öffentlichen Einrichtungen nach wie vor nicht zu der für die Provenienzforschung unerlässlichen Transparenz beitragen.", erklärt er.

"Nach dem Scheitern der Gurlitt-Taskforce muss Deutschland endlich alles daransetzen, für rückhaltlose Aufklärung Sorge zu tragen, den Anliegen der rechtmäßigen Eigentümer entgegenzukommen und mit ihnen zu kooperieren. Den vielfachen Verbalnoten müssen endlich Taten folgen. Dazu gehört neben dem uneingeschränkten Zugang zu allen Archivalien folgerichtig deren fachgerechte Erschließung. Ferner müssen sofortige Recherchen zum Verbleib veräußerter Kunst- und Kulturgüter aus jüdischem Besitz angestellt werden, die von deutschen Behörden in der Nachkriegszeit veräußert wurden."

Über den besonderen Fall hinaus sieht Mahlo dringenden Bedarf für eine historische Aufarbeitung der Netzwerke zwischen Politik und Behörden - nicht nur während der NS-, sondern auch der Nachkriegszeit: Es "wird deutlich, dass das Beziehungsgeflecht führender Nationalsozialisten und ihrer Familien bis weit in die Nachkriegszeit selbst in staatlichen Behörden fortgewirkt hat, mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Holocaust-Überlebenden, denen man ihr Eigentum vorenthalten hat. Damit wurden und werden wissentlich Verfolgungstatbestände aufrechterhalten und die Eigentumsrechte der Opfern verletzt."