NS-Ausstellungen im Haus der Kunst Hitlers Kunstschergen

Austreibung der Dämonen: Münchner Forscher erforschen und bewerten NS-Ausstellungen im Haus der Kunst neu. Und schon ist der Mythos der Propagandakunst dahin, denn was "deutsche Kunst" ist, wussten die Nazis selbst nicht.

Von Franz Kotteder

Am Schluss seines Vortrags kann sich der Kunsthistoriker Ralf Peters eines Stoßseufzers nicht erwehren. "Ich hätte mich auch lieber mit der Armory Show 1913 oder der Documenta 5 beschäftigt", sagt er, "aber: That's life!" Stattdessen haben Peters, sein Kollege Stephan Klingen und weitere Mitarbeiter des Münchner Zentralinstituts für Kunstgeschichte gut zwei Jahre damit verbracht, die "Großen Deutschen Kunstausstellungen" der Jahre 1937 bis 1944 im Münchner Haus der Kunst nahezu vollständig in die Internet-Datenbank gdk-research.de zu übertragen.

Sie basiert auf einem digitalisierten Konvolut von sechs Fotoalben aus dem Archiv des Zentralinstituts, welche die einzelnen Großen Kunstausstellungen akribisch dokumentieren. Ergänzt wird dieser Grundstock durch Bestände des Historischen Archivs im Haus der Kunst und des Deutschen Historischen Museums Berlin. Eine Tagung zur Freischaltung der Plattform befasste sich am vergangenen Donnerstag und Freitag mit der Frage, was von dem neuen Werkzeug für die Forschung zu erwarten sei. Vor allem gleich zu Anfang einige Anstrengungen, denn 24 Vorträge an einem Abend und dem folgenden Tag - das war ein recht ambitioniertes Programm.

Christian Fuhrmeister und Iris Lauterbach von der Projektleitung rechnen vor allem mit einer fortschreitenden "Entmystifizierung" von Nazi-Kunst. Lange Zeit galt ja die Auffassung, man dürfe die Propagandawerke nicht zeigen. So, als ob man alleine schon durch das Betrachten von Nazi-Kitsch zum Rechtsextremen werden könnte, quasi von einem Dämon befallen würde. Heute, gut 70 Jahre später, wird dieser Dämon endgültig ausgetrieben, so scheint es. Man tut sich offenbar leichter festzustellen, dass des Kaisers neue Kleider nie welche gewesen sind. Und dass im Falle der Kunst das Böse oft nicht nur banal, sondern geradezu lächerlich daherkommt. Man muss sich dazu nur einmal Adolf Zieglers Triptychon "Die vier Elemente" mit vier Frauenakten, von 1937 an eine der Ikonen der Nazi-Kunstpropaganda, ansehen: Da stimmt in der Perspektive nichts, Ziegler hat schon die Fluchtpunkte völlig versemmelt, was dem ganzen Weihe-Pathos etwas Komisches verleiht.

Ähnlich muss man wohl die "Große Deutsche Kunstausstellung", von der Nazi-Führung zur alljährlichen Propaganda- und Leistungsschau hochstilisiert, neu bewerten. Denn die übergroße Mehrzahl der 12 550 dort ausgestellten Exponate bestehe aus weitgehend unpolitischer Landschafts- und Genremalerei, Tierdarstellungen und Porträts, so Lauterbach und Fuhrmeister vom Zentralinstitut. Bislang waren nur etwa zehn Prozent der ausgestellten Werke bekannt, durch die neue Datenbank werden nun auch die übrigen Exponate zugänglich. Bei der Durchsicht wirken die reinen Propagandawerke manchmal beinahe wie aufgepfropft. Wohingegen die weniger plakative Nazi-Kunst eingebettet zu sein scheint in einen damals breiten gesellschaftlichen Konsens über Kunst. Was auch die hohen Besucherzahlen von im Durchschnitt 600 000 pro Jahr erklären könnte. So war das Haus der Deutschen Kunst seit seiner Eröffnung 1937 auch als Wirtschaftsunternehmen erfolgreich, wie Sabine Brantl vom Historischen Archiv des heutigen Hauses der Kunst in ihrem Tagungsbeitrag ausführte.

"Ein herzliches Grüß Gott!"

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