Kölner Karneval und der Nationalsozialismus Der braunste Spaß der Welt

Köln liebt das feiern, und es liebte den Mann aus Braunau. Der Kölner Karneval steckte mit staatskonformen Spaßoffensiven, Propaganda und antisemitischer Hetze tief im braunen Sumpf. Die Zeit nach 1945? Eine große Verdrängung und Legendenbildung des Kampfes der Karnevalisten gegen NS-Bonzen. Eine überfällige Ausstellung räumt jetzt mit der Mär vom Widerstand auf.

Von Rudolf Neumaier

Aus den Kopfhörern der Audiostationen tönt: Marschmusik. Immerhin heitere Marschmusik. Fröhliche Melodien und vergleichsweise dezentes Bassgetrommel, aber in dieser Heiterkeit etwas ungewöhnlich in einem Museum, das sich NS-Dokumentationszentrum nennt.

Der Marsch ist die Musik der Straße, mit dem Walzer wäre da wenig anzufangen. Und der Rosenmontagszug, "dr Zoch", wie die Kölner ihn nennen, ist nun mal so ein Straßending, eine Spaßparade. Ein Aufmarsch der Narren zwar, aber eben ein Aufmarsch. Marschmusik - das ist Kamelle für das Ohr der Masse. Tä-, bum, tärää-, bum, -tätääh, bumbumm. So klingt der Sound der Ausstellung "Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz".

Köln liebt das Feiern, und es liebte den Braunauer. Hitler selbst wunderte sich in einem seiner Tischgespräche über die "sehr liebenswürdigen" Bewohner dieser Stadt: Sie hätten jedes Mal vor Freude geschunkelt, wenn er auf den Balkon des Domhotels getreten sei. Den Karneval sparte er sich aber, den überließ er seinen Obernarren vor Ort.

Der Kölner Karneval, der "Fastelovend", hat schon immer erstaunlich simultan zum Zeitgeist pulsiert. Heute gilt die Stadt als Bastion libertinären Lebens: Im Refrain einer Schwulenhymne wird sie unter Berufung auf Attribute wie "beschaulich und rasant", "klerikal und tolerant", "verwegen und schrill" und auf den Leitsatz, wonach "ein jeder Jeck anders sein" dürfe, als der "geilste Arsch der Welt" besungen.

Vor 75 Jahren boten die Stadt und ihr berühmter Karneval den braunsten Spaß der Welt. Und weil seither ein Geist der Verdrängung herrschte in Köln, war der Faschingsfaschismus tabu.

Es hat tatsächlich bis zum Jahr 2011 gedauert, ehe Köln als Kommune die NS-Vergangenheit ihres Karnevals aufarbeitet. Noch in den 1970ern schaltete sich der Oberbürgermeister selbst ein, als ein Abteilungsleiter des Stadtmuseums anregte, anlässlich der 150-Jahrfeier des Kölner Karnevals das dunkle Kapitel zu durchleuchten, das 1933 begann. "Muss dat denn sein?"

Die Frage des Stadtoberhauptes war ein Verdikt. Die Kölner wollten nicht nur nichts wissen über ihren Fasching im Dritten Reich, sie strickten sogar eifrig an der Legende vom mindestens passiven Widerstand. Jetzt also die Sonderausstellung im Kölner NS-Dokumentationszentrum. Die Legende? Eine Chimäre.

Jahrzehntelang hielt sich die Mär vom Widerstand. Anstatt ihre Archive zu öffnen, hätten Karnevalsfunktionäre Quellen vernichtet, sagt der Historiker und Journalist Carl Dietmar. Deshalb überdauerte die Legende von der sogenannten Narrenrevolte, bei der sich Karnevalisten gegen einen NS-Bonzen auflehnten, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Bis Dietmar hinter die wahren Ursachen dieses Konflikts kam: