620 Fräcke, gutgelaunte Patzer und das ewige Fragezeichen Orhan Pamuk - zu Gast beim Nobelpreisfest in Stockholm. Von Thomas Steinfeld
Die Wände sind mit dunklen Ziegeln verkleidet, der Raum wirkt wie italienische Renaissance, ist aber ganz und gar schwedische Nationalromantik. Die Lichtregie bevorzugt Blau und Grün, so dass der Eindruck entsteht, man befinde sich in den Hallen des Bergkönigs. Von der westlichen Wand rieseln künstliche Schneeflocken.
Eine Fotostrecke von Regina Schmeken... (© Foto: SZ)
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Auf den langen Tischen stehen Geschirr und Gläser, die extra für diesen Abend entworfen wurden. Jedem Herrn ist eine Tischdame zugewiesen, die er zu unterhalten und mit der er nach Beendigung der Tafel zwei Walzer zu tanzen hat. Zu Orhan Pamuk wurde Prinzessin Christina gesellt, die Königsschwester und, wie geflüstert wird, vielleicht einzige Leserin des Hofes.
Sie können nicht tanzen?
Sechshundertzwanzig Fräcke und sechshundertzwanzig Abendkleider füllen einen gewaltigen Saal, dessen Decken an die dreißig Meter hoch sein mögen. In der Mitte der zentralen Tafel thront der Souverän selbst, ihm schräg gegenüber residiert die Königin, hier sitzen die Fürsten auch des Boulevards. Aber alles Gerede kann ihnen nichts anhaben.
Tatsächlich muss der König nicht einmal viel sagen. Während der Verleihungszeremonie im Konzerthaus übergibt er Medaillen und Urkunden, beim Fest bringt er einen Toast auf Alfred Nobel aus. Er muss nicht herrschen, er muss nur vorhanden sein. Aber wenn er kommt, geht oder sich erhebt, rumpeln tausenddreihundert Stühle. Denn das Amt ist größer als der Mensch, der es innehat, und ohne dessen Dauer, Beständigkeit und Entrücktheit besäße diese Veranstaltung nicht die Hälfte ihres Glanzes und ihrer Bedeutung.
Sinn statt Disziplinen
Es gehört Übung dazu, sich in einen Frack zu kleiden. Der Unerfahrene beginnt daher beizeiten, mindestens eine Stunde vor der Abfahrt der Busse vom Grand Hotel zum Konzerthaus von Stockholm. Das Licht der sinkenden Wintersonne fällt über Schloss und Hafen, während man die einzelnen Teile der Montur auf dem Bett ausbreitet, um herauszubekommen, wie sie zusammengesetzt werden müssen. Ein paar Etagen höher grübeln Orhan Pamuk und die anderen Preisträger über demselben Problem.
Der Anzug wird an einer Schlaufe um den Hals aufgehängt, mit der die Hemdbrust gehalten wird. Die Hose wird an Hemd und Hemdbrust festgemacht, die Jacke ist offen und lässt viel Raum, und auch der Stehkragen mit der nur lose darum gebundenen weißen Fliege beengt weniger, als es ein moderner Kragen hinter einer Krawatte tut. Ein Frack ist eine überraschend bequeme Kleidung, und er verleiht jedem Körper eine ebenso feste, aufrechte wie elegante Form, selbst den runden und weichen Männern.
Wandelndes Fragezeichen
Der Leib kann nicht aus diesem Ganzkörperkleid herausrutschen, er wird auf sanfte Art gehalten, und die Hemdbrust sorgt für Haltung. Die Unterschiede des Alters, der Lebensführung und der sozialen Verhältnisse verschwinden in der Kleidung. So ist der Frack tatsächlich ein Gesellschaftsanzug, in des Wortes bester Bedeutung. Und nur Orhan Pamuk bringt es fertig, darin immer noch wie ein wandelndes Fragezeichen auszusehen.
Für einen großen Preis, das lernt man in Stockholm, braucht man ein kleines, durch und durch befriedetes Land, eine gutmütige Monarchie, möglichst alte, aber lebendige Rituale und eine Jury aus eigenwilligen Gestalten, die erratisch genug handelt, um den Stoff für Erzählungen und Verschwörungstheorien in großer Zahl zu liefern. Sie haben Ihren Stuhl versehentlich auf das Abendkleid Ihrer Nachbarin gestellt? Sie können nicht tanzen?
Sie wissen nicht, dass man in Schweden mit dem ganzen Tisch anstößt und noch einmal in die Runde schaut, bevor man das Glas absetzt? Es macht nichts, es ist gar nicht schlimm. Denn diese Traditionen - und das Wissen darum, dass kein Missgeschick, keine Peinlichkeit wirklich geahndet werden wird - entfalten ihre große Wirkung, wenn es soziale Abstände zu überwinden gilt. Jeder versteht, dass er hier eine Rolle zu spielen hat, die nur bedingt etwas mit dem Alltag zu tun haben kann, und jedes Versehen wird Anlass zu einem Scherz.
Kein böses Wort
Die Strenge der Form und die Gutmütigkeit, ja Heiterkeit der Feierlichkeiten, mit der das Land jährlich die Vergabe der Nobelpreise feiert, gehören unmittelbar zusammen. Vor dem Hotel ist die Straße gesperrt, damit die Limousinen vorfahren können. Dahinter entsteht ein wilder Stau, aber es fällt kein böses Wort.
Selten löste ein Nobelpreis für Literatur in Schweden eine solche Begeisterung aus wie die Auszeichnung für Orhan Pamuk. Vor ein paar Jahren auch in diesem Land noch kaum bekannt, verursacht er als Preisträger einen Rausch, der die ganze Stadt zu erfassen scheint. Als am Freitagnachmittag in der größten Buchhandlung eine Signierstunde stattfand, wartete dort eine mehrfach geknickte, viele hundert Meter lange Schlange von Anhängern auf ihn.
Einige Aspiranten trugen Körbe voller Bücher, und in jedem Fall waren es viel zu viele, als dass er jedem von ihnen in der zur Verfügung stehenden Zeit jeweils eine Unterschrift hätte schenken können. Am Ende musste fast die Hälfte fortgeschickt werden, es wurde gegrummelt, aber nicht geschimpft.
Nie habe sie so etwas erlebt, sagte die Buchhändlerin, und sie betreue diese Veranstaltungen mit den Nobelpreisträgern seit dreißig Jahren. Es ist mehr als die Begeisterung für einen Schriftsteller, die Pamuks Aufenthalt in Stockholm zu einem solchen Triumph werden lässt: Es ist, als ob die Leute Frieden schließen wollten mit der unheimlichen Welt im Osten, mit dem Islam, der Türkei, und Pamuk ist so aufmerksam, so unprätentiös und auch so lustig, dass er sich manchmal vor Freunden kaum retten kann.
Zweihundert Kellner
Es wird getrunken und gegessen, die Bewirtung ist großzügig, aber nicht verschwenderisch, und keiner gerät in die Verlegenheit, sich zu betrinken. Für das Gelingen des Festes ist die spielerische Ordnung wichtiger als die Opulenz der Speisen, der Einmarsch der Preis- und Würdenträger, die genau austarierte Choreographie der zweihundert Kellner, die Wechsel des Lichts und das Staunen, das die Ankunft des Desserts im plötzlich verdunkelten Saal begleitet.
Denn auf jedem Tablett steht eine Ananas, und in jeder Frucht steckt ein Feuerwerkskörper, und so entsteht ein Ballett aus Licht. Überhaupt: der Tanz, zwischen den Gängen in drei Auftritten, die leicht waren und lebendig und doch, vor allem in der letzten Darbietung, einer Rokoko-Phantasie mit Derwischen, einen Zug von mildem Wahn in die Veranstaltung brachten, einen furiosen Traum, der erkennbar als Verbeugung vor Orhan Pamuks Büchern gedacht war.
Wie groß muss daher die Lücke in der Mitte des Festes gewesen sein, als Elfriede Jelinek und Harold Pinter, die Nobelpreisträger für Literatur des vergangenen und vorgegangenen Jahres, nicht kamen? Denn der Schriftsteller ist die Mitte dieser Veranstaltung, er bindet die Physik und die Chemie, die Wirtschaftswissenschaften und die Medizin zu einem Ensemble, er steht für die Universalität, die der Nobelpreis als Institution annehmen muss, will er der wichtigste Preis bleiben, den es auf der Welt zu gewinnen gibt.
Lustige Rede
Er adelt das Akademische, trägt es hinaus in die Welt, schafft Sinn, wo es ansonsten nur Disziplinen gäbe. Das ist umso notwendiger, als der Nobelpreis tatsächlich eine akademische Veranstaltung ist, erkennbar an den vielen Doktorhüten, die zum Frack getragen werden, an den Fahnen der Korporationen, die am Schluss der Tafel im Saal aufgezogen werden, und an den zweihundert Studenten, die an jedem dieser Feste teilnehmen. Sie sind hier die schönsten Menschen, und sie brechen die Herrschaft der Honoratioren, von denen viele am Rande der Tanzfläche stehen, nur um der vielen Anmut zuzusehen.
Horace Engdahl, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, führt Orhan Pamuk mit einem in türkischer Sprache gesprochenen Satz ein. Dann hält Orhan Pamuk eine Rede. Drei Minuten ist sie lang, und er erzählt vom Glück eines leicht verzogenen Kindes. Es ist eine selbstironische, lustige Rede. Denn das verzogene Kind ist er natürlich selber. Mit dem Nobelpreis sei dieses kindliche Wohlbefinden zu ihm zurückgekehrt, sagt er.
Alle Erwachsenen kümmerten sich um ihn, alle lächelten ihn an, und wann immer er einen Wunsch habe, werde dieser ihm von den Augen abgelesen. Er ist sehr überzeugend in dieser kleinen Rede, der Saal versteht, dass Orhan Pamuk, schon wieder wie ein Fragezeichen dastehend, von der Eitelkeit als seiner größten Produktivkraft spricht, und alle lachen.
Die Reden der anderen Nobelpreisträger sind einfacher, schlichter, aber jede vermittelt den Eindruck, als sei eine Gnade in den Redner gefahren, unerklärbar und auch irgendwie unverdient, aber doch so, dass jeder im Saal gerade diesem Menschen dieses Glück wünscht.
Nein, er tanze nicht, hatte Pamuk vor dem Fest behauptet. Zweimal nur habe er in seinem Leben getanzt, und er habe keine guten Erinnerungen daran. Ein Studentenorchester baut sich im Ballsaal auf, es kommt der Walzer, es kommt der Swing, es kommt ein Rock'n'Roll. Und da tanzt dann auch Orhan Pamuk, mit seiner fünfzehnjährigen Tochter Rüya, der eigentlichen Prinzessin dieses Festes.
(SZ vom 12.12.2006)