Zum Tod von Harry Mulisch "In Holland bin ich weltberühmt"

Er wollte nie Schriftsteller werden und legte einen der meistbeachteten Romane der vergangenen Jahrzehnte vor. Harry Mulisch, Autor des Welterfolgs "Die Entdeckung des Himmels", ist tot.

Mehrfach war Harry Mulisch als Anwärter des Literatur-Nobelpreises gehandelt worden. Diese Ehrung wird er nicht mehr erleben. Am Samstag starb der vom breiten Publikum wie Kritik gleichermaßen gefeierte Niederländer in Amsterdam. Er wurde 83 Jahre alt.

Sein Leben begann 1927 in Haarlem unter schwierigen Bedingungen. Seine Mutter war Jüdin, sein österreichischer Vater verwaltete während der deutschen Besatzungszeit für die Liro-Bank konfisziertes jüdisches Vermögen. Durch diese Position konnte er seinen Sohn Harry und dessen Mutter vor der Deportation schützen, andere jüdische Familienmitglieder entgingen den Gaskammern nicht. Auch eine Verurteilung und Internierung als Nazi-Kollaborateur konnte der Vater nach dem Krieg nicht abwenden. Diese Familiengeschichte mit ihrer Verstrickung von Opfer- und Täterrollen prägte Harry Mulischs Leben und Schreiben: "Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit steckt mir im Blut", bekannte er später. "Es ging immer um den Krieg, den Krieg und nochmals den Krieg", sagte am Sonntag auch der Schriftsteller Cees Nooteboom über seinen Kollegen, den er zugleich als "einzigartige literarische Persönlichkeit" würdigte.

Beobachter im Eichmann-Prozess

Mulisch verließ das Gymnasium mit 18 Jahren ohne Abschluss. Damals schrieb er bereits seine ersten Gedichte, mit 24 Jahren legte er seinen Debütroman "Archibald strohalm" vor. Doch bis zu seinem 30. Geburtstag, so räumte er später selbst ein, habe er "nichts verdient". Erst danach arbeitete er als Redakteur für verschiedene niederländische Zeitschriften. Zu seinen herausragenden Reportagen gehörte sein Bericht über den Eichmann-Prozess, den er 1961 in Israel beobachtete.

Der Niederländer der eigentlich "nie Schriftsteller werden" wollte, veröffentlichte insgesamt mehr als 60 Titel, darunter Romane und Novellen, Gedichtbände und Dramen, Opernlibretti und politische Reportagen. Lange blieb er allerdings auf internationaler Bühne unbekannt: "In Holland bin ich weltberühmt", war Mulischs ironischer Kommentar.

Das Blatt wendete sich 1983 mit der Veröffentlichung des Romans "Das Attentat". Das Buch, das die Zeit der deutschen Besatzung in den Niederlanden thematisiert, wurde drei Jahre später verfilmt und mit einem Oscar ausgezeichnet. Mulisch wurde ein Name, den man nun auch außerhalb der Niederlande kannte.

Den Höhepunkt seines Schaffens markierte wohl das Jahr 1992. Mulisch legte den Roman "Die Entdeckung des Himmels" vor, ein Buch, das monatelang auf den Bestsellerlisten blieb und in etwa 30 Sprachen übersetzt wurde. "Ein Meisterwerk" urteilte die Kritik über den Roman, das die Geschichte einer Männerfreundschaft erzählt, aber sich zunehmend zu einem Panoptikum der Gesellschaft, der Wissenschaft und Religion und schließlich auch der Mystik entwickelt.

In seinem Heimatland verglich man Mulischs Schaffen mit Thomas Mann und Robert Musil. Der Autor bekam etliche niederländische und europäische Preise, darunter 2002 das Bundesverdienstkreuz für seinen literarischen Beitrag zur Versöhnung zwischen Niederländern und Deutschen. Nun ist er seiner Krebserkrankung erlegen.