Das US-Nachrichtenmagazin Newsweek präsentiert Angela Merkel als "Lost Leader", sie wirke reformmüde und unbeteiligt. Mitverfasser der Geschichte ist Bild-Kolumnist Hugo Müller-Vogg.
Nicht jeder deutsche Politiker schafft es auf die Titelseite der amerikanischen Newsweek. Die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins präsentiert Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin blickt aus dem Fenster eines Jets. Ihr Gesichtsausdruck lässt Interpretationen zu wie "abwesend", "melancholisch" oder "verloren". Sie sah schon gewinnender aus.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem aktuellen Cover des US-Magazins Newsweek. (© 135)
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"Lost Leader" nennt Newsweek Merkel. In einer Hauptgeschichte und vier flankierenden Analysen wird auf fünf Seiten ausgebreitet, dass Meinungsforscher einen Linksruck in der deutschen Wählerschaft ausmachen und Merkel sich irgendwie von diesem Zeitgeist einfangen lasse. Jedenfalls wirke sie reformmüde und verfolge unbeteiligt, wie die SPD das Agendawerk 2010 schleife.
Bemerkenswert an der amerikanischen Bewertung des politischen Klimas in Deutschland ist die Autorenschaft. Mit einer Ausnahme stammen die Meinungsmacher in Newsweek aus Deutschland, zwei sind aus dem Zeitungsgewerbe.
Zu spitzer Feder griffen der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer ("Merkel lernt gerade, ihre radikale Reformagenda zu vergessen"), Zeit-Herausgeber Josef Joffe ("Ihre Hymne ist ein beruhigendes Wiegenlied") und Hugo Müller-Vogg, einst FAZ-Herausgeber, heute Bild-Kolumnist. 2004 hatte Müller-Vogg zwei Gesprächsbände (Mein Weg) vorgelegt mit Merkel. Jetzt fragt er: "War sie jemals für Reformen?" Man kann das fragen.
Am Dienstag dieser Woche übernahm Bild die Newsweek-Titelstory und machte im politischen Teil mit der Schlagzeile auf: "US-Magazin nennt Angela Merkel ,verlorene' Kanzlerin". Doch fehlte der Hinweis, dass Bild-Mann Müller-Vogg zu den Kräften der Geschichte zählt. Newsweek hat die Biografien der eingespannten Texter abgedruckt. "Die Passagen, die Bild übernommen hat, stammen nicht von den deutschen Gastautoren", teilt Springer-Sprecherin Edda Fels mit. Gemeint ist, dass sich Bild auf die Hauptgeschichte bezieht, also Müller-Vogg nicht erwähnt werden musste.
Das US-Spezifische der Hauptgeschichte besteht darin, dass sie von einem nach Pittsburgh ausgewanderten Deutschen auf Englisch geschrieben wurde, der offenbar seit 2001 Deutschland-Korrespondent von Newsweek ist. Seine Hauptquellen sind das Allensbach-Institut, der Forsa-Chef, Zeit-Kommentator Jörg Lau und ein in London lebender Chef-Ökonom der Bank of America mit dem Namen Holger Schmieding.
Einen Tag später als Bild - am Mittwoch dieser Woche - thematisierte die Welt, eine andere Springer-Zeitung, im innenpolitischen Teil die "Mär von Maggie Merkel". Im Mittelpunkt der Kritik ("Wirtschaft ... beklagt mangelnden Reformwillen der Regierung") steht Bild-Autor Müller-Vogg mit seiner Newsweek-Einlassung von Merkel als einer "Politikerin ohne innenpolitischen Kompass".
An diesem Beitrag arbeitete auch die Chefkorrespondentin der Welt mit, Mariam Lau, Ehefrau des in Newsweek zitierten Zeit-Kommentators. Einen Tag vorher war Mariam Lau selbst mit einem Gastkommentar im Wall Street Journal vertreten. Ihre Kronzeugen für den "German Reform Blues" sind Regierungssprecher Ulrich Wilhelm und der als "ausgesprochen konservativ" vorgestellte CDU-Vertreter Volker Kauder. Um Merkel geht es auch. Hauptsächlich geht es um das Ende der Reformpolitik und um ein "Schreckensszenario": ein Bündnis von SPD und Linken.
Im Sommer 2005, vor der Neuwahl, schrieb der Bild-Dichter Franz Josef Wagner in seiner "Post" noch Schmusebriefe an Merkel ("Sie sind großartig als ungeschminkte Frau"). Dass Welt-Deuterin Lau (zufällig am gleichen Tag von Bilds Newsweek-Nachlese) im Wall Street Journal gegen den nachlassenden Reformeifer von Merkels Regierung aufsteht, hält man bei Springer für nicht zu beanstanden.
Mit der Bundeskanzlerin muss sich der Medien-Konzern ja gerade auf unterschiedliche Weise beschäftigen. Beispielsweise beim Streit um den Mindestlohn für Postzusteller. Springer ist mit der Pin Group groß im Postgeschäft. Hohe Mindestlöhne drücken doch sehr auf den Gewinn. "Es gibt keinerlei Zusammenhang", sagt Springer-Sprecherin Fels, "zwischen der politischen Berichterstattung unserer Blätter und der aktuellen Debatte zum Postmonopol im Briefmarkt."
In seinem Roman „Canale Mussolini“ erzählt Antonio Pennachi von der Trockenlegung der pontinischen Sümpfe im italienischen Faschismus. Jetzt lesen ...
(SZ vom 26.10.2007)
halt unverbindlich Buschh hörig und Povinziell. Unsere Anschiiii.
Auch eine mögliche Interpretation. Um Frau Merkel geht es ja hier eher weniger. Mehr davon!
Es ist die eine Seite, sich mit List und Tücke in der innerparteilichen Hiercharchie der CDU zur Kanzlerkandidatin hinaufzuhangeln und schließlich - wenn auch sehr knapp - gewählt zu werden.
Die andere Seite der Medaille ist es, aus dieser Position heraus etwas Vernünftiges zu gestalten, und das heißt in erster Linie: innenpolitische Akzente zu setzen.
Alles was Merkel hier initiiert, bleibt in hoheln Worthülsen stecken. Nicht, dass ihre Ankündigungen unbedingt gut fände. Doch unabhängig davon ist es auf Dauer einfach zu wenig, vor versammelter Weltpresse die Strahlefrau zu spielen und sich ein Bussi links, ein Bussi rechts von Bush verabreichen zu lassen. Jenseits dieser Showeinlagen vermisse ich etwas Elementares - den Ansatz einer wirklichen Politik.
ich bin sicher kein merkel fan.halte sie persönlich für die unfähigste von allen und frag mich immer noch wie das vor 2 jahren passieren konnte.verdammt.aber hat die newsweekly keine anderen themen?weiss nicht dachte eigentlich das amerika noch genug offene baustellen hat um die man sich kümmern sollte:guantana.... ach brauch ich ja nich aufzählen wissen wir ja alle
Seit ihrem ersten Vorhang auf der Politbühne ist Angela Merkel taktisch weltklasse und strategisch kreisklasse.
Sie weiss, dass sie vorne dran sein will und tut (und kann) alles dafür, aber leider weiss sie nicht wohin.
Ihr einzig strategisches Ziel neben ihrem Machtanspruch ist die (blinde) Freundschaft zu Amerika, und da hat uns ja die Gnade der späten Kanzlerschaft davor bewahrt, dass eine Möchtegernkriegsverbrecherin uns jetzt erklären müsste, wie wir wieder aus dem Irak heraus kämen.
Kurz sah es ja auch so aus, als ob Klimawandel/Kernkraft Merkels zweites strategisches Ziel wäre. Aber nachdem das Thema Kernkraft sich trotz allem schlecht verkaufen lässt, hat sie eben kurzerhand das strategische Ziel Kernkraft in populistisches Klimageschwurbel verwandelt.
Interessanterweise sind jetzt offenbar diejenigen von Merkel enttäuscht, die mit ihr strategische (konservative) Ziele wollten.
Es ist nun nicht unbedingt ein Kompliment für die Journalisten der SZ, dass sie erst jetzt die Konzeptlosigkeit der Kanzlerin erkennen. Aber besser spät als nie.
Paging