New York als Ort der Apokalypse im Kino Fiktion als Ernstfall

Feuer, Eis oder Flutwellen - in Katastrophenfilmen wird New York immer wieder zum Ort des ultimativen Desasters. Elf Jahre nach 9/11 sorgt "Sandy" dafür, dass die düsteren Phantasien der Filmemacher zur Realität werden - zumindest ein Stück weit. Eine kleine Kulturgeschichte der New Yorker Heimsuchungen.

Von Paul Katzenberger

Die Bilder ähneln sich: Autos unter Wasser im New Yorker Financial District, nachdem Wirbelsturm "Sandy" über die Stadt hereingebrochen ist. Und ...

(Foto: Bloomberg)

Niederschläge von biblischen Ausmaßen ertränken Manhattan - die Bilder, die derzeit über den Atlantik zu uns hinüberschwappen, konnten wir so ähnlich vor achteinhalb Jahren schon einmal sehen. Damals hieß der Verursacher allerdings nicht "Sandy", sondern Roland Emmerich. Er setzte 2004 in seinem Öko-Memento "The Day after Tomorrow" New York als Folge menschlicher Umweltsünden unter Wasser.

... eine Szene aus dem Thriller "The Day After Tomorrow" aus dem Jahr 2004, in der eine gigantische Flutwelle in New York City Unheil anrichtet.

(Foto: dpa)

Nach dem Regen jagt bei Emmerich eine gewaltige Tsunamiwelle in Richtung Hudson, nur um Manhattan wenige Filmminuten später in eine Eiswüste zu verwandeln. Die Freiheitsstatue lässt der schwäbische Master of Desaster zunächst fast absaufen und verbuddelt sie anschließend tief im Schnee. Die Kolossalstatue darf ihre Fackel in "The Day after Tomorrow" zwar weiter hoch in den Himmel recken - doch wie sie so dasteht - in dickes Eis gepackt - symbolisiert sie nur noch eines: das ultimative Desaster.

Eines ganz ähnlichen Bildes für die Heimsuchung der Menschheit bediente sich Matt Reeves 2008 in seinem Horrorfilm "Cloverfield", in dem ein Monster den Kopf von Lady Liberty durch die Luft schleudert. Und bereits 1968 ließ Frank Schaffner die Freiheitsstatue in seinem "Planet der Affen" halb im Sand versinken - als Folge eines Atomkrieges.

Auf andere Weise wird New York 1981 in "Die Klapperschlange" als Ort des Grauens präsentiert. In John Carpenters dystopischen Science-Fiction-Thriller muss Manhattan durch eine Mauer von der Zivilisation abgeschirmt werden. Hinter dem Hochsicherheitswall regieren Verbrecherbanden in den verheerten Straßenschluchten zwischen Battery Park und Sugar Hill. In Batmans jüngstem Abenteuer "Dark Knight rises" stürzen rebellierende Menschen Gotham City ins Chaos. Gotham ist zwar streng genommen ein fiktionaler Ort - doch er steht in vielerlei Hinsicht für nichts anderes als New York City.

Bei so viel New-York-Verdammnis wollte das US-Fernsehen nicht nachstehen und präsentierte "Big Apple" mehrfach als Ort der Apokalypse, so 1999 in "Aftershock: Earthquake in New York" und in "Disaster Zone: Volcano in New York" aus dem Jahr 2006.

In "I am Legend" kommt die Katastrophe hingegen in Folge einer Menschen ausrottenden Epidemie als Rückfall in den naturnahen Zustand daher: Virologe Robert Neville (Will Smith) streift durch die Straßen der einstigen Mega-Metropole, die gerade wieder zu Wiesen werden. Mit seiner Hündin Samantha jagt der vereinsamte Biologe im Central Park Weißwedelhirsche und die zerborstenen Pfeiler der Brooklyn Bridge dienen als Nährboden für die Botanik.

New York statt Los Angeles

Die imposanten Manhattan-Bilder suchte Regisseur Francis Lawrence in dem Thriller ganz bewusst aus, denn die gleichnamige Romanvorlage für "I am Legend" aus dem Jahr 1954 spielt eigentlich in Los Angeles. "Der Omega-Mann" mit Charlton Heston, eine frühere Verfilmung des Buches von Richard Matheson, war ebenfalls noch in LA angesiedelt.

Abgesoffen, schockgefrostet, atomverstrahlt, geborsten, verglüht oder der Natur überlassen: Wenn Filmemacher Welt-Untergänge ins Bild setzen wollen, dann denken sie also am liebsten an New York. Geht die Stadt am Hudson unter, dann geschieht dies gewissermaßen im Namen der Menschheit.

Was macht Manhattan aber so apokalyptisch? Sicher, durch den 11. September 2001 haben frühere Katastrophen-Drehbücher inzwischen eine ganz reale Vorlage bekommen. Doch paradoxerweise scheint die Hauptstadt des Kapitalismus sicherer geworden zu sein. Denn die Al-Qaida-Terroristen haben hier nicht noch einmal zugeschlagen - und stattdessen anderswo gewütet, etwa in London und Madrid.

Warum Rom?

Dass New York eher Schaden nimmt als andere Orte, weil es zu einer Atomverstrahlung oder tödlichen Viren-Epidemie kommt, ist auch nicht unbedingt anzunehmen. Erdbeben sind an der amerikanischen Ostküste eher nicht an der Tagesordnung und Vulkanausbrüche können für New York sogar weitgehend ausgeschlossen werden.

Was ist es also, was Regisseure an New York denken lässt, wenn sie Katastrophen inszenieren wollen? Die auf der Hand liegende Antwort lautet: Der hohe Wiedererkennungswert, den die Power City genießt, macht sie weltweit vermarktbar. Doch warum spielt der Thriller "The last Man on Earth", eine weitere Adaption von Mathesons Roman "I am Legend", in Rom mit Szenen vor dem "Colosseo quadrato"? Nun, weil auch Statuen im antiken Stil überall auf der Welt erkannt werden - ebenso wie Londons "Big Ben" oder der Pariser Eiffelturm.

Neben der Freiheitsstatue, dem Times Square und der Fifth Avenue muss es in New York also noch etwas geben, was es unserem Empfinden nach für Katastrophen empfänglich macht. Und tatsächlich - dieses bestimmte Etwas gibt es: An keinem Ort der Welt hat der Mensch die Natur so herausgefordert wie in Manhattan. Zwar ist das Empire State Building längst nicht mehr das höchste Gebäude der Welt (der Burj Khalifa in Dubai ragt mehr als doppelt so hoch in den Himmel), doch nirgendwo anders auf diesem Erdball hat sich knapp hundert Jahre lang eine so massive Ansammlung von Wolkenkratzern zusammengefunden, die den Mythos der Moderne derartig symbolisiert, wie in Manhattan.

Wenn sich Sandy diesen Mythos nun vorgenommen hat, erfüllen die Naturgewalten nur das, was seit Jahrzehnten in den Köpfen der Menschen vorgeht. Aber das ist höhere Gewalt.