Von Jörg Häntzschel

"Vanity Fair" für Wirtschaftsmacher: Condé Nast legt ein monatliches Wirtschaftsmagazin vor, in dem es ausdrücklich nicht um Zahlen gehen soll.

Die Idee klingt abwegig: 100 Millionen Dollar in ein neues, monatlich erscheinendes Wirtschaftsmagazin investieren - in Zeiten erodierender Anzeigenerlöse, schwächelnder Konjunktur und der ständig wachsenden Konkurrenz durch das Internet?

vanity fair portfolio

Portfolio: Der "aufregendste Magazin-Launch der letzten zehn Jahre." (© Foto: www.portfolio.com)

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Selbst in Amerika, wo der Journalismus immer wieder blüht und gedeiht, gab es einige ungläubige Gesichter. Doch nach zwei Jahren streng geheimer Vorbereitung kommt Portfolio, so der Titel des ambitionierten Projekts, am 24. April mit einer Startauflage von 300.000 Exemplaren tatsächlich auf den Markt. In fünf Jahren sollen es 650.000 sein.

Hinter dem Projekt, das seit Monaten Gegenstand wild wuchernder Gerüchte in der New Yorker Medienszene ist, steht das Zeitschriftenimperium Condé Nast - und das ist nicht dafür bekannt, sich mit halben Sachen zufrieden zu geben.

Die Strategie hinter dem neuen Heft ist durchsichtig: Condé Nast versucht, mit Portfolio, mehr männliche Leser zu gewinnen, um sein Anzeigengeschäft auf eine ausgeglichenere Basis zu stellen. Die Flagschiffe des Verlags, Vogue, Glamour und Vanity Fair, werden vor allem von Frauen gelesen.

Ob Portfolio wirklich der "aufregendste Magazin-Launch der letzten zehn Jahre" (Eigenwerbung) sein wird, muss sich zeigen, doch das Konzept erscheint vielversprechend: Ein Business-Magazin, das statt Zahlen und Investment-Tipps lange Reportagen und prächtige Bilder bringt. Eine Fusion der journalistischen und literarischen Qualitäten von New Yorker - ebenfalls Condé Nast - und Vanity Fair also, angewandt auf Wirtschaftsthemen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Chefredakteurin, Joanne Lipman, 45, die vom Wall Street Journal kommt, empfindet die monatliche Erscheinungsweise, die andere zum Stirnrunzeln brachte, eher als Vorteil. In einem Interview mit der American Journalism Review sagte sie: "Die Tageszeitungen arbeiten schneller, weil sie mit dem Internet mithalten müssen. Die Wochenzeitungen arbeiten schneller, weil sie mit den Tageszeitungen mithalten müssen. Die Berichterstattung hat sich so beschleunigt, dass wir es an der Zeit fanden, einen Schritt zurückzutreten, uns die Muße für Reportagen zu nehmen und über die großen Themen unserer Zeit nachzudenken."

Doch auch die Einfallslosigkeit und Ähnlichkeit der etablierten Wirtschaftsmagazine wie Forbes, BusinessWeek oder Fortune ließen genug Platz für einen neuen Titel mit anderem Konzept, so David Carey, der bei Condé Nast zuständig für das neue Magazin ist: "Sie haben alle diese Tabellen und Kurven, 100 hier und 200 da, aber am Ende ist es ewig dasselbe. Die Leute wollen nicht immer Erbsen und Karotten essen."

Damit die Leser darauf und auf aktuelle Nachrichten nicht verzichten müssen, soll, wohl nach dem Vorbild von Wired, dem Zentralorgan der digitalen Kulturbewegung, gleichzeitig mit dem Magazinstart eine Website mit aktuellen Nachrichten online gehen.

In der ersten Ausgabe geht es dem Vernehmen nach um private Söldnerfirmen, die zunehmend Amerikas Kriege führen, es geht um den Immobilienboom in China und um Lakshmi Mittal, den indischen Stahlmagnaten, der seiner Tochter gerade eine 55-Millionen-Dollar-Hochzeit ausgerichtet hat.

Ganz so unerwartet sind die Themen nicht, aber im Fall von Portfolio sollen es ja "Tiefe und Sophistication" bringen.

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(SZ vom 30. März 2007)