Die Geschichten von Pu gehen weiter: Er ist ein bisschen dicker geworden und schmiert seiner neuen Freundin, der Otter-Dame Lotti, Honig ums Maul.
Darf man einen Kinderbuch-Klassiker einfach weiterschreiben? In England brach über diese Frage kürzlich ein kleiner Meinungsstreit aus. Es ging um Pu den Bär, dessen Geschichten sich der Autor A.A. Milne für seinen Sohn ausdacht und 1926 erstmals aufgeschrieben hat. Pu liebt seine Honigtöpfe, und mindestens ebenso liebt er seinen Freund Christopher Robin, beide sind zudem eng liiert mit den Tieren Ferkel, Kaninchen, Eule, I-ah,Känga, Ruh - alles bekannt und vertraut. Die Irrungen und Wirrungen ihres Lebens haben Pu und seinen Freunden verdienten literarischen Ruhm eingebracht: weit über England hinaus - und mehr als ihrem Schöpfer Milne selbst, der 1956 starb.
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Lottie, die geschmeidige Otter-Dame, hält viel von korrektem Verhalten. (© Foto: dpa)
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Nun also wird Pus Leben, fast 90 Jahre nach seiner Ankunft in dieser Welt, von dem Autor, Journalisten und Regisseur David Benedictus fortgeschrieben. Benedictus hat sich bereits als Pu-Kenner bewährt, als er die Audiofassung des Stoffes mit Judi Dench, Stephen Fry und Jane Horrocks gestaltet hat. Der Trust, der Pus Erbe verwaltet, stimmte dem literarischen Unternehmen nach reiflicher Überlegung zu.
Die anhänglichen Leser seien schließlich daran interessiert, wie es weitergehe bei Pu. Zudem hat sich der Bär für alle Gelegenheiten, für alle Jahreszeiten und Generationen als famoses Geschenk erwiesen; die Geschichten wurden in viele Sprachen übersetzt; Konferenzen befassten sich mit ihm, Fan-Clubs tragen seinen Namen. 1969 erschien die lateinische Erstausgabe unter dem Titel "Winnie Ille Pu" - sie wird heute noch aufgelegt; auf dem Titelblatt prangt die Büste Pus im Lorbeerkranz.
David Benedictus, der keineswegs die Ansicht von Kritikern teilt, Kinderbuch-Klassiker bräuchten keine Fortsetzungen mit weiteren Helden und erweiterten Welten, hat gleich zehn neue Pu-Geschichten geschrieben. "Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald" heißt die von Harry Rowohlt übersetzte deutsche Pu-Fassung, die der Hamburger Cecilie Dressler Verlag mit einer Auflage von 25 000 Exemplaren gestartet hat.
Eine geschmeidige Otter-Dame namens Lotti schlängelt sich als Neuzugang durchs Geschehen, das einsetzt, als Christopher Robin für die Sommerferien nach Hause kommt. Er trägt keinen Kittel mehr, sondern ein Hemd, er ist ein bisschen gewachsen und fährt auf einem wunderbaren blauen Fahrrad daher. Pu ist ein bisschen dicker geworden, sein Verstand ist dagegen immer noch gering. Die Dame Lotti bringt ihre eigenen dezidierten Vorstellungen von den Dingen ein und hält viel von korrektem Verhalten. Prescht aber nicht vor.
Die neuen Abenteuer handeln von Lernexperimenten und Schreibversuchen, von wasserarmen Zeiten, von Buchstabierwettbewerben, Akademiegründungen und Erntedankfesten. Auch der Mannschaftssport Cricket mit Schläger und Werfer wird "nähergebracht". Mark Burgess hat die Zeichnungen zu den einzelnen Kapiteln angefertigt. Sie lehnen sich, so der Ankündigungstext, an die Originalillustrationen von E.H.Shepard an, sind allerdings etwas putzig geraten.
David Benedictus geht mit Pus Welt um wie ein einfühlsamer Gartenarchitekt, der reiche Blumenbeete mit weiteren Farbtupfern schmückt - auch wenn der Garten vor Farbigkeit bereits sprüht. Keine leichte Aufgabe, und Benedictus' Anhänger bestätigen dem Autor, dass die Lust, einmal ein zweiter Milne zu sein, die Oberhand behalten habe. Insgesamt habe Benedictus seinen Job sehr gut gemacht, schreibt gnädig der Guardian. Die Times lobt, dass zwei Drittel des Verkaufserlöses für wohltätige Zwecke gespendet würden. Und natürlich erhoffen sich die Verlage ein gutes Weihnachtsgeschäft. Und Benedictus? Er hofft auf die Einsicht seiner Leser, dass sich wahre Perfektion kaum steigern lässt.
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(SZ vom 14.11.2009/iko)
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