Santigold mit neuem Album Frau Whites Gespür für Beats

Popstar, Musikethnologin, Trendscout: Santigold, die mit bürgerlichem Namen Santi White heißt, füllt mit ihrer Musik das Vakuum zwischen Underground und Pop aus. Wenn sie nicht selbst singt, schreibt sie Hits für M.I.A., Beyoncé oder Jay-Z. Für den Rapper klingt ihr Sound nach Revolution.

Von Jan Kedves

Wen ruft Beyoncé an, wenn sie eine rabiat trommelnde Single aufnehmen will und dafür noch eine Beat-Empfehlung braucht? Wen laden sich die Beastie Boys ins Studio, wenn auf ihrem neuen Album noch eine raffinierte Hookline fehlt? Und wer wiederum kann auf die Mithilfe der Yeah Yeah Yeahs-Sängerin Karen O bauen, wenn sie selbst noch Input für ihr eigenes Album braucht? Santigold, die aus Philadelphia stammende Sängerin, bürgerlich Santi White, hat sich in den letzten Jahren zur vordersten Managerin des Global Cool hochgearbeitet - nicht zuletzt, weil sie eigentlich nur nebenbei Sängerin ist.

White arbeitet als Songschreiberin für andere, ist studierte Musikethnologin mit Schwerpunkt westafrikanische und haitianische Rhythmik und gilt als bestens vernetzte Trendforscherin. Ihr neues Album "Master of My Make-Believe" (Warner) steht exemplarisch für eine Verschiebung der Hierarchien im Pop, in dem die Wege erstaunlich kurz geworden sind.

Früher konnte man im Pop mit einiger Bestimmtheit zwischen Absahnern und Zulieferern unterscheiden. Es waren Zeiten, in denen die Hierarchie zwischen Mainstream und dem sogenannten Underground noch intakt war. Unten wurden neue Kniffe und Soundästhetiken zwar entwickelt, abgeschöpft aber wurden sie oben.

Heute kann man kaum noch guten Gewissens von einem Underground im progressiven Sinne sprechen, denn dieser hat sich in Trilliarden Subszenen aufgesplittet, in denen dann zum Teil biederstem Retroismus und den Mainstreams der Vergangenheit gefrönt wird. Das Vakuum wird von Figuren wie Santigold gefüllt, die als Agenten des Neuen auftreten, dabei aber von vornherein mit Akteuren des Mainstreams paktieren.

So ist es längst Routine, wenn sich R&B-Superstar Usher seine neue Hitsingle von Diplo produzieren lässt, einem DJ aus Santi Whites Heimatstadt Philadelphia, der bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt war. Santigold arbeitete schon früh mit Diplo zusammen. Und genauso überrascht es nicht, wenn Santigold neuerdings von Jay-Zs Firma Roc Nation vertreten wird.

Der Managementvertrag wird nur eine Belohnung dafür gewesen sein, dass Santi White Jay-Zs Gattin Beyoncé mit der Musik von Major Lazer vertraut gemacht hat, einem Diplo-Projekt, woraufhin Beyoncé ihren feministisch angehauchten Song "Run The World (Girls)" auf einem Major-Lazer-Beat aufgebaut hat. Außerdem wird es ein Dankeschön dafür gewesen sein, dass Jay-Z selbst mit "Brooklyn Go Hard" einen Hit hatte, der auf Santigolds "Shove It" basiert.

Songs, die nach Revolte klingen

Ihr neues Album nennt White "Master of My Make-Believe" - "Herrin meiner eigenen Gaukelei". Das klingt zwar, als traue sie ihrer Position selbst noch nicht so ganz, allerdings gibt sie sich auf dem Cover dann doch sehr selbstsicher: Dort sitzt sie - verkleidet als Mann - auf einem Thron. Spätestens, wenn sie im ersten Stück "Go!", unterstützt von Karen O, dann davon singt, "all the way to Paris" zu stürmen, muss man an Jay-Z und Kanye West denken. Auf deren grandios größenwahnsinnigem Kooperationsalbum "Watch The Throne" ging es im letzten Jahr ebenfalls darum, Frankreich zu beherrschen ("Niggas in Paris").