Haargenau so läuft es, das wissen alle; aber realistische Aussichten, dass in dem mit Sinnlosestem vollgemüllten öffentlichen Raum Platz geschaffen wird, um die wirklich relevanten Dinge zu besprechen, gibt es wenig. Hier steht Max Goldt allein auf weiter Flur, wenn er zum Beispiel darauf hinweist, dass die Beleuchtung in Hotelzimmern immer schlechter wird, weswegen man kaum noch im Bett lesen, ja nicht einmal richtig fernsehen kann.
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Nicht immer lässt es sich vermeiden, dass er sich dabei in Kleinigkeiten festbeißt; man muss Tic-Tac-Bonbons nicht unbedingt als "grundalberne Pfefferminz-Ellipsoide" dämonisieren. Und immer ein tückisches Pflaster bleibt die Sprachkritik. Denn wer die Sprechweisen seiner Mitmenschen kritisiert, entgeht nur selten der belehrenden Geste und üblen Besserwisserei. Dennoch bemerkt Goldt etwas Richtiges, wenn er den Siegeszug des rheinischen Wortes "lecker" im deutschen Sprachraum mit dem Aufkommen der privaten Fernsehsender in Beziehung setzt, die sich ja bevorzugt in Köln niedergelassen haben. Und nur ein bisschen dürfte er überziehen, wenn er in dem vielen "lecker" eine karnevaleske Scheinsinnlichkeit am Werk vermutet, sozusagen eine Büttenrede mit Tusch in Permanenz.
Tosende Stille
Goldt schätzt die Paradoxe nicht, Fügungen vom Zuschnitt des "kreativen Chaos", der "tosenden Stille" ("Als Stille tost es sich so schlecht, wie sichs als Kühlschrank Gänse braten lässt") oder des Grönemeyerschen "Bleibt alles anders". Er durchschaut in der scheinbar unerwarteten Fügung das breit Eingeführte und in der vorgeblichen Zuspitzung den Hinterhalt der Denkfaulheit.
Dennoch muss man, um seine Leistung zu würdigen, wahrscheinlich zum Paradox greifen: Seine Originalität besteht darin, dass er das Naheliegende betont. Denn das Naheliegende muss als solches erst fühlbar gemacht werden. "Verbote bringen nichts"? Natürlich bringen Verbote was, speziell Rauchverbote. Goldt, selbst Raucher, erwartet vom Staat zuversichtlich, dass dieser ihn gesetzgeberisch von seiner Sucht befreit: Nachts bei Sturm und Schnee zum Automaten gehen, das würde er immer tun; aber sich bis zum Berliner Ostkreuz vorarbeiten, um dort Schmuggelware in Empfang zu nehmen, das bestimmt nicht.
"Raucher", resümiert Goldt mit schwer zu widerlegender Logik, "werden von einem Rauchverbot weitaus mehr profitieren als Nichtraucher." Man solle endlich aufhören, Alkohol und Nikotin als Zwillingsgeschwister zu behandeln: Vom Nikotin habe keiner was, er verstehe selbst nicht, warum er qualme, von Genuss könne jedenfalls bestimmt nicht die Rede sein. Vom Alkohol gilt dagegen: "Und wenn wir hundert promiske junge Menschen in einen Bauernschrank sperren und sie auffordern, auf einen Zettel zu schreiben, wie viel Prozent ihrer bisherigen sexuellen Erlebnisse sie ohne Alkohol nicht hätten tätigen können, dann wird man viele zweistellige und sogar einige dreistellige Zahlen auf den Zetteln finden. Alkohol ist ein Segen für die Menschheit, wenngleich auch nicht für jeden einzelnen Menschen."
Sanfte Korrektur
Da ist es wieder, das Gefuchtel; der Bauernschrank, der hier eigentlich nichts zu suchen hat, drängt sich in den Vordergrund, die Prozedur scheint unnötig kompliziert, und vielleicht müssten die jungen Leute auch gar nicht promisk sein. Aber in der Sache äußert Goldt Bedenkenswertes.
Man hat Max Goldt als Konservativen zu deuten versucht. Das ist ungefähr so weit richtig, als auch dem menschlichen Gesicht mit einer Nase, einem Mund und zwei Augen ein überaus konservativer Bauplan zugrunde liegt. Goldt selbst weist darauf hin, dass die zwei mächtigsten Stützen einer konservativen Haltung, Familie und Religion, für ihn keine Rolle spielen.
Ihm geht es um die Regelung des Umgangs unter den Individuen. Und hierbei scheinen ihm durchaus Fortschritte möglich. Von seiner Mission sagt er: "Zivilisation beruht auf gegenseitiger sanfter Kontrolle und Korrektur. Man achtet aufeinander." An solchen Stellen scheinen die literarischen Leitbilder durch, denen sich dieser in der Wüste der Gegenwart verlorene Rufer verpflichtet weiß: die Liebeskunst des Ovid und das Buch des Freiherrn von Knigge.
MAX GOLDT: Ein Buch namens Zimbo. Texte 2007-2008, einer von 2006, vier von 2009. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2009, 198 Seiten, 17,90 Euro.
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(SZ vom 06.11.2009/rus)
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