Von Burkhard Müller

Warum Alkohol ein Segen für die Menschheit ist: Max Goldts neuer Band "Ein Buch namens Zimbo".

Etwa alle zwei Jahre bündelt Max Goldt seine Texte aus der "Titanic" zu Büchern, denen er wunderliche Titel wie "Der Krapfen auf dem Sims" oder "Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens" gibt. Dass diese Bücher sich als eine so anregende wie schwankende Erscheinung darbieten, weist auf eine Fehlstelle in unserer Gesellschaft hin: Allein kraft persönlicher Idiosynkrasie und privaten Spleens erfüllt Goldt eine Aufgabe, für die er unbedingt mehr institutionelle und soziale Rückendeckung bekommen müsste. In seiner mitabgedruckten Kleistpreis-Rede erwägt er die verschiedenen Rollenzuweisungen, die an ihm schon ausprobiert worden sind - Dichter, Satiriker, Kolumnist, Alltagsbeobachter -, und findet sie allesamt unbefriedigend. Zu Recht. Das Amt, das er versieht, ließe sich zureichend nur als das eines Schiedsrichters der Sitten beschreiben.

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Wildes Fuchteln: Max Goldt bei einer Lesung. (© Foto: ddp)

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Dieser sollte, was er meint, beispielhaft in seinem Stil verkörpern, der idealerweise gelassen und elegant wäre. Da Goldt aber so unübersehbar auf eigene Faust operieren muss, kann er seine An- und Absichten nur in einer Art wilden Fuchtelns vortragen, wie ein Gast, der zahlen will, gegenüber einem blinden Kellner: Sonst würde er nicht zur Kenntnis genommen. Den selbstverständlichsten Ansprüchen bleibt nichts übrig, als in grotesker Verkleidung daherzukommen, einem kauzigen Privatisieren, das aber aufs Allgemeinste zielt.

Max Goldt beklagt tief eine Gesellschaft, die ständig offene Türen einrennt, aber an geschlossenen Türen nicht einmal wahrnimmt, dass es sich um eine Tür handelt und folglich ein Weg bereit steht. Goldt zeigt auf die Klinke.

So geht er zum Beispiel mit der Umhängetasche um; er möchte sie in ihrer enormen Praktizität der Brandmarkung als "typisches Ausstattungselement in den Nachmittag hineinschlafender Langhaariger" entreißen. Ein Rucksack hat zwar gleichfalls den Vorteil, dass er die Hände frei lässt, aber man muss ihn absetzen, um an seinen Inhalt heranzukommen. "In welche Ecke der Geschichte man auch schaut: Eigentlich gab es immer Umhängetaschen, und ich kann darüber nicht sehr staunen, denn sie sind der traditionsreichste, sinnvollste, ich möchte fast sagen: der normalste Taschentypus überhaupt." Das musste mit solchem Nachdruck gesagt werden, weil niemand sonst je dem scheinbar Offensichtlichen zu seinem Recht verholfen hat. Und nebensächlich wird man es kaum nennen können, denn eine Tasche braucht und trägt jeder jeden Tag.

Unglaublich erscheint Goldt, was und wie in der deutschen Öffentlichkeit stattdessen debattiert wird. "Eine Person des öffentlichen Lebens, meist ein Politiker, nennen wir ihn Politiker A, sagt irgendwas, vielleicht nur bei einer Hinterzimmerversammlung eines Ortsvereins, aber es gerät an die Öffentlichkeit. Darauf meldet sich Politiker B zu Wort. Er sagt, was A gesagt habe, sei unerträglich und A daher als Person ebenfalls untragbar. Am nächsten Tag legt Politiker C nach und sagt, was A gesagt habe, sei ein beispielloser Zynismus gewesen, die einzige mögliche Konsequenz sei ein Rücktritt. Nun springt Politiker D seinem Kollegen A zu Seite und sagt, B und C würden ein sensibles Thema zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. Worauf sich der Bundespräsident einmischt und sagt, die Diskussion habe einen Verlauf genommen, mit dem niemand glücklich sein könne, der ein Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung habe."

Es steigt nun auch die Bundeskanzlerin ein, die den Kritikern des Bundespräsidenten schlechten Stil bescheinigt und so weiter, "und sollte einmal eine Woche verstreichen, in der kein Politiker etwas ,absolut Unerträgliches' sagt, wird sicher ein Bischof oder sonst wer einspringen", bis zum Schluss die Forderung ertönt, sich bei Charlotte Knobloch zu entschuldigen "und am besten gleich noch bei sämtlichen Leuten, die im Adressbuch von Charlotte Knobloch stehen."

Lesen Sie weiter auf Seite 2, worum es Max Goldt geht.

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