Neues Buch von J. R. R. Tolkien Mittelmaß aus Mittelerde

Dem längst verstorbenen Oberherrn der Ringe wird ein weiterer Roman zugeschrieben, der jetzt erscheint: "Die Kinder Húrins". Das können viele Fans kaum glauben. Die bürokratischsten unter ihnen beugen sich gerade über das Epos.

Von Thomas Steinfeld

Das literarische Genre, das man "fantasy" nennt, teilt sein Formgesetz mit den großen Hobbies: Es ist grundsätzlich auf Ausdehnung angelegt. Eine solche Geschichte mag mit einem Helden und einem Buch beginnen. Aber schnell sprengt sie das Format, bildet Fortsetzungen heraus, schreitet chronologisch voran oder auch zurück, schafft sich Genealogien und Abkömmlinge. Darin gleicht sie der Spielzeugeisenbahn, die fortwuchert in immer neue Weichen und Kurven, Berge und Bahnhöfe, Dörfer und Epochen, bis auch der größte Kellerraum für sie zu klein wird. Das Wachstumsgesetz der "fantasy" ist dabei eine ernste Angelegenheit, denn sie ist getragen von einer Konkurrenz mit der Wirklichkeit: Eine alternative Welt soll hier geschaffen werden, eine Anderwelt, die rigoros von der Wirklichkeit getrennt ist, aber gegen sie soll bestehen können.

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Vater Tolkien hatte es mit der Wissenschaft ernst gemeint: Das Epos und die Philologie schlossen sich für ihn zu Weltsicht zusammen, eben weil es ihm um die Herstellung eines kontrollierten und kontrollierbaren Privatuniversums ging.

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Zu Beginn dieser Woche ist in Deutschland, gleichzeitig mit den englischen Ausgaben desselben Werks, ein neues Buch von J. R. R. Tolkien erschienen. Aber was heißt hier neu? Der Autor starb im Jahr 1973, und was immer er an Unvollendetem, an Skizzen, an mehr oder minder persönlichen Aufzeichnungen zu seinem Werk hinterließ, ist längst, dem Gesetz der permanenten Ausdehnung gehorchend, dokumentiert und veröffentlicht.

Das gilt auch für "Die Kinder Húrins" (Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007), das neue Buch: Im Verlauf von dreißig Jahren mühevoller Arbeit entstand es, wie der Verlag mitteilt, aus nachgelassenen Fragmenten. Christopher Tolkien, der Sohn des Autor, fügte sie zu einem geschlossenen Text. Publiziert waren diese Fragmente bislang vor allem im "Silmarillion" und in den "Nachrichten aus Mittelerde", wo sie als philologische Texte erscheinen, als Kommentar und wissenschaftliches Beiwerk zum eigentlichen Epos, nämlich dem "Herrn der Ringe".

Wirklich im Sinne des Vaters?

Einen "Lesetext" habe Christopher Tolkien vorgelegt, heißt es. Nun war zwar bekannt, dass J. R. R. Tolkien an eine Buch über die "Kinder Húrins" gedacht, aber wenig wahrscheinlich, dass er es sich in dieser Form vorgestellt hatte. Denn Vater Tolkien hatte es mit der Wissenschaft ernst gemeint: Das Epos und die Philologie schlossen sich für ihn zu Weltsicht zusammen, eben weil es ihm um die Herstellung eines kontrollierten und kontrollierbaren Privatuniversums ging. Das weiß seine Gemeinde, und sie dankt es ihm, indem sie ihrerseits die Vereinigung von Phantasie und Verwaltung vollzieht und Kenner (und Besserwisser) sonder Zahl hervorbringt, die sich nun als fanatische Bürokraten erfundener Welten über den neuen Text beugen.

Die Geschichte selbst trägt sich zu, lange Zeitalter bevor irgendwelche Hobbits das Auenland verlassen und der letzte Kampf mit dem "Herrn der Ringe" entbrennt. Das große Böse ist gleichwohl da: Húrin, ein Mensch, widersetzt sich, unterliegt und wird gefoltert. Túrin, sein Sohn, zieht aus, um Vater und Familie zu retten. Am Ende ist das Schwert zerbrochen. Darüber hinaus gibt es Vorgeschichten und Ahnenkriege zuhauf. In einem aber unterscheidet sich dieses Buch vom "Herrn der Ringe": Der Ton ist dunkel, gleichsam erwachsen, und auch die Guten können hier hart und unberechenbar sein. Was ein Gewinn an psychologischer Plausibilität sein mag, nutzt in diesem Fall indessen nur wenig: Denn die gewaltige Attraktivität des "Herrn der Ringe" beruht auch darauf, dass Autor und Leser sich darin der moralischen Nivellierung entziehen, in einer fiktiven Welt, mit dem Guten und dem Bösen kategorisch entschieden umgehen dürfen.

Kein großes literarisches Vergnügen

Die Lektüre von "Die Kinder Húrins" ist, trotz oder gerade wegen des Übermaßes an Erfundenem, kein großes literarisches Vergnügen: "Also stand Turambur auf, holte sein Schwert Gurthang wieder hervor und zog in den Kampf. Als die Waldmenschen davon erfuhren, schöpften sie neuen Mut und sammelten sich um ihn, bis er über eine Streitmacht von vielen hundert Männern verfügte. Dann jagten sie durch den Wald, erschlugen alle Orks, die sich dort herumtrieben, und hängten sie in der Nähe der Teiglin-Stege an die Bäume." Über zweihundertfünfzig Seiten zieht sich diese dürftige Sprache, Namen nach Namen hervorbringend, kreuz und quer durch eine kleinteilige, aber unklare Geographie und Geschichtsschreibung, die das Gegenteil der verwalteten Welt sein soll und doch ihr treues Abbild ist. Und es ist ja auch nicht die Sprache, deretwegen man J. R. R. Tolkien liest - sondern der Anderwelt wegen und um der Verrücktheit des Autors willen, die seinen Erfindungen ihren überwältigenden Ernst verleiht.

Der Erfolg dieses Buches wird wohl nicht im entferntesten an Wirkung und Geltung des "Herrn der Ringe" heranreichen. Es könnte dies selbst dann nicht, wenn es viel besser erzählt wäre: Denn zwischen diesem Buch und jener Trilogie liegt deren Verfilmung. Sie hat die Ausdehnung der Anderwelt mit Mitteln vorangetrieben, die der Dichtung nicht zur Verfügung stehen. Sie hat J. R. R. Tolkiens privates Universum in einer Größe und mit einer Vollständigkeit ausgestaltet, die mit Buchstaben nicht zu erreichen ist. Und sie hat ihm das genommen, was "fantasy" manchmal trotz allem noch lesbar macht: das Imponierende der ausschweifenden Erfindungskraft. Wie eine gigantische Spielzeugeisenbahn verhält sich diese Anderwelt. Mit diesem Buch aber ist sie nur um ein Geringes weitergewachsen.