Dem längst verstorbenen Oberherrn der Ringe wird ein weiterer Roman zugeschrieben, der jetzt erscheint: "Die Kinder Húrins". Das können viele Fans kaum glauben. Die bürokratischsten unter ihnen beugen sich gerade über das Epos.
Das literarische Genre, das man "fantasy" nennt, teilt sein Formgesetz mit den großen Hobbies: Es ist grundsätzlich auf Ausdehnung angelegt. Eine solche Geschichte mag mit einem Helden und einem Buch beginnen. Aber schnell sprengt sie das Format, bildet Fortsetzungen heraus, schreitet chronologisch voran oder auch zurück, schafft sich Genealogien und Abkömmlinge. Darin gleicht sie der Spielzeugeisenbahn, die fortwuchert in immer neue Weichen und Kurven, Berge und Bahnhöfe, Dörfer und Epochen, bis auch der größte Kellerraum für sie zu klein wird. Das Wachstumsgesetz der "fantasy" ist dabei eine ernste Angelegenheit, denn sie ist getragen von einer Konkurrenz mit der Wirklichkeit: Eine alternative Welt soll hier geschaffen werden, eine Anderwelt, die rigoros von der Wirklichkeit getrennt ist, aber gegen sie soll bestehen können.
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Vater Tolkien hatte es mit der Wissenschaft ernst gemeint: Das Epos und die Philologie schlossen sich für ihn zu Weltsicht zusammen, eben weil es ihm um die Herstellung eines kontrollierten und kontrollierbaren Privatuniversums ging. (© )
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Zu Beginn dieser Woche ist in Deutschland, gleichzeitig mit den englischen Ausgaben desselben Werks, ein neues Buch von J. R. R. Tolkien erschienen. Aber was heißt hier neu? Der Autor starb im Jahr 1973, und was immer er an Unvollendetem, an Skizzen, an mehr oder minder persönlichen Aufzeichnungen zu seinem Werk hinterließ, ist längst, dem Gesetz der permanenten Ausdehnung gehorchend, dokumentiert und veröffentlicht.
Das gilt auch für "Die Kinder Húrins" (Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007), das neue Buch: Im Verlauf von dreißig Jahren mühevoller Arbeit entstand es, wie der Verlag mitteilt, aus nachgelassenen Fragmenten. Christopher Tolkien, der Sohn des Autor, fügte sie zu einem geschlossenen Text. Publiziert waren diese Fragmente bislang vor allem im "Silmarillion" und in den "Nachrichten aus Mittelerde", wo sie als philologische Texte erscheinen, als Kommentar und wissenschaftliches Beiwerk zum eigentlichen Epos, nämlich dem "Herrn der Ringe".
Wirklich im Sinne des Vaters?
Einen "Lesetext" habe Christopher Tolkien vorgelegt, heißt es. Nun war zwar bekannt, dass J. R. R. Tolkien an eine Buch über die "Kinder Húrins" gedacht, aber wenig wahrscheinlich, dass er es sich in dieser Form vorgestellt hatte. Denn Vater Tolkien hatte es mit der Wissenschaft ernst gemeint: Das Epos und die Philologie schlossen sich für ihn zu Weltsicht zusammen, eben weil es ihm um die Herstellung eines kontrollierten und kontrollierbaren Privatuniversums ging. Das weiß seine Gemeinde, und sie dankt es ihm, indem sie ihrerseits die Vereinigung von Phantasie und Verwaltung vollzieht und Kenner (und Besserwisser) sonder Zahl hervorbringt, die sich nun als fanatische Bürokraten erfundener Welten über den neuen Text beugen.
Die Geschichte selbst trägt sich zu, lange Zeitalter bevor irgendwelche Hobbits das Auenland verlassen und der letzte Kampf mit dem "Herrn der Ringe" entbrennt. Das große Böse ist gleichwohl da: Húrin, ein Mensch, widersetzt sich, unterliegt und wird gefoltert. Túrin, sein Sohn, zieht aus, um Vater und Familie zu retten. Am Ende ist das Schwert zerbrochen. Darüber hinaus gibt es Vorgeschichten und Ahnenkriege zuhauf. In einem aber unterscheidet sich dieses Buch vom "Herrn der Ringe": Der Ton ist dunkel, gleichsam erwachsen, und auch die Guten können hier hart und unberechenbar sein. Was ein Gewinn an psychologischer Plausibilität sein mag, nutzt in diesem Fall indessen nur wenig: Denn die gewaltige Attraktivität des "Herrn der Ringe" beruht auch darauf, dass Autor und Leser sich darin der moralischen Nivellierung entziehen, in einer fiktiven Welt, mit dem Guten und dem Bösen kategorisch entschieden umgehen dürfen.
Kein großes literarisches Vergnügen
Die Lektüre von "Die Kinder Húrins" ist, trotz oder gerade wegen des Übermaßes an Erfundenem, kein großes literarisches Vergnügen: "Also stand Turambur auf, holte sein Schwert Gurthang wieder hervor und zog in den Kampf. Als die Waldmenschen davon erfuhren, schöpften sie neuen Mut und sammelten sich um ihn, bis er über eine Streitmacht von vielen hundert Männern verfügte. Dann jagten sie durch den Wald, erschlugen alle Orks, die sich dort herumtrieben, und hängten sie in der Nähe der Teiglin-Stege an die Bäume." Über zweihundertfünfzig Seiten zieht sich diese dürftige Sprache, Namen nach Namen hervorbringend, kreuz und quer durch eine kleinteilige, aber unklare Geographie und Geschichtsschreibung, die das Gegenteil der verwalteten Welt sein soll und doch ihr treues Abbild ist. Und es ist ja auch nicht die Sprache, deretwegen man J. R. R. Tolkien liest - sondern der Anderwelt wegen und um der Verrücktheit des Autors willen, die seinen Erfindungen ihren überwältigenden Ernst verleiht.
Der Erfolg dieses Buches wird wohl nicht im entferntesten an Wirkung und Geltung des "Herrn der Ringe" heranreichen. Es könnte dies selbst dann nicht, wenn es viel besser erzählt wäre: Denn zwischen diesem Buch und jener Trilogie liegt deren Verfilmung. Sie hat die Ausdehnung der Anderwelt mit Mitteln vorangetrieben, die der Dichtung nicht zur Verfügung stehen. Sie hat J. R. R. Tolkiens privates Universum in einer Größe und mit einer Vollständigkeit ausgestaltet, die mit Buchstaben nicht zu erreichen ist. Und sie hat ihm das genommen, was "fantasy" manchmal trotz allem noch lesbar macht: das Imponierende der ausschweifenden Erfindungskraft. Wie eine gigantische Spielzeugeisenbahn verhält sich diese Anderwelt. Mit diesem Buch aber ist sie nur um ein Geringes weitergewachsen.
(SZ vom 18.4.2007)
Partyzone Flußufer
Tolkien literarisch und künstlerisch ernst zu nehmen und mit einem passenden Maßstab zu würdigen, ist wohl immer noch schwierig. Siehe Artikel (und auch einige Kommentare).
Ich verteidige das neue Buch nicht, da ich es nicht gelesen habe, doch ich finde es schade, dass es ohne tiefergehendes Verständnis besprochen wurde. Die Geschichte um die Kinder Hurins, ein Stoff klassischer Tragödien, wie sie auch von Sophokles stammen könnte, ist schon aus dem Silmarillion bekannt, allerdings dort noch eingebunden in einen unfertigen Zyklus um eine größere Tragödie - den Fluch Feanors und die Kriege um die heiligen Edelsteine, die Silmaril. Das Auslösen aus diesem Zusammenhang und die Herausgabe als in lesefreundlicher Form erscheint lohnend. Ob es gelang? Man wird es sehen.
In der Geschichte um Hurins Kindern geht es - ich schließe es aus dem Silmarillion - um Menschen, deren Leben unter einem Fluch steht. Sie versuchen verzweifelt, dem Fluch zu entkommen, sie streben stets danach, das Richtige zu tun oder zumindest ein unbehelligtes Leben zu führen, werden aber stets von der Tücke des Fluchs und ihrem Schicksal heimgesucht.
Das ist ein großes und eigenständiges Thema. Es ist eben keine Fußnote zur Vorgeschichte des "Herrn der Ringe". Das ist auch keine platte Schwarzweißmalerei sondern ein feines Grisaillestück. Es geht um die Frage nach Bewältigung von Niederlagen und persönlicher Schuld, die man sich aufgeladen hat.
Hierbei spielt das bei Tolkien durchgängige Motiv des Schicksals eine zentrale Rolle, möglicherweise eines der großen Grundprobleme vieler Rezensenten, deren Selbstverständnis der eigenen Nichtdeterminiertheit in ihre Interpretation hineinspielt.
Dass aber die Welt, die Tolkien in seinem Werk ersann, tatsächlich von ihren Schöpfer kontrolliert oder kontrollierbar war, wie es der Artikel behauptet, ist wohl verfehlt, wie schon im Vorwort vom Herrn der Ringe, besonders aber in der Erzählung "Ein Blatt von Tüftler" zu lesen ist.
Wenn "Hoplit" sich von Tolkiens Werk unterhalten fühlt, ist ihm das zu gönnen, wenn ihm dabei das Besondere dieses Werkes entgeht, das beinahe allen erzählerischen Regeln zuwiderläuft und dennoch seit Generationen fesselt, das ein neues Genre begründet hat, dann ist seiner Wahrnehmung leider Wesentliches entgangen.
Kenner Tolkiens Werk al
Vielleicht sollte man einmal die Hintergründe betrachten in der Tolkien DHDR geschrieben hat und was ihn bewegte, solch einen Epos zu schaffen.
Die Absicht des Schöpfers eine Welt zu schaffen die KEINE Vergleiche zur Realität zulässt und die Absicht Einiger (Besserwisser), die immer wieder Vergleiche mit der heutigen Zeit zu ziehen versuchen, sind und bleiben mir ein Rätsel.
P.S. Der Hauptteil DHDR ist während dem zweiten Weltkrieg entstanden! Wo bitte sollen die Parallelen sein? Und wenn ich mich noch so anstrenge, ich sehe keine...
Wenn man so einen Beitrag liest, kommt einen der Verdacht: Da hat jemand ein paar Filme gesehen, fand sie toll hat das Buch gelesen und hält sich jetzt für den großen Experten.
Faktisch beweisen Sie mit ihrem Beitrag nur Ihr Unwissen. Sofern es auch unter J.R.R. Tolkien
kein solches Buch gab, ist es dennoch kein Beiwerk zum HdR, sondern spielt im ersten Zeitalter, welches bei Tolkien lange vor dem HdR entstanden ist. Er hat die Geschichten nur nie so richtig zu einem Buch zusammengefasst, sondern einzeln entwickelt, selbst das Silmarillion als Geschichtensammlung entstand erst später als Buch. Die Entwicklung der Welt, der Geschlechter und Rassen, sowie der Völker und Personen fand aber lange zuvor statt und ist als geschlossenes Ganzes zu sehen und die frühen Geschichten der Beweggrund für spätere Ereignisse. Das herausgebrachte Material von Christopher Tolkien ist auch nicht an die Liebhaber der Filme gerichtet, sondern an die Interessierten der Vorgeschichte.Hier handelt es sich um kein Geschäft nach dem Tode im Glanz der Filme, wie Sie unterstellen. Auch das Silmarillion entstand erst nach dem Tode J.R.R.Tokliens, lange vor den Filmen, wurde aber trotzdem bis zu seinem Tode von ihm bearbeitet.
Ist Gollum eindeutig schwarz, also der bösen Seite zuzuordnen?
Ist Frodo eindeutig weiß, also der guten Seite zuzuordnen?
Wer diese Frage jeweils klar mit einem Ja beantworten kann, scheint mir überhaupt nicht urteilsfähig. Wie man dann dazu kommen kann, DHDR wäre eine schwarz weiss Geschichte, iss mir schleierhaft.
P.S.:
Was ist mit Boromir?Denethor? usw...
... ist ja an und für sich schon "The Silmarillion" als reines Repertorium zur Vorgesdchichte von Middle Earth etc. Da wird's mit diesem Konglomerat auch nicht anders sein, zumal in deutscher übersetzung (letzteres ist eine reine Vermutung, da ich Tolkien noch nie auf Deutsch gelesen habe).
Paging