Neues Album von Nick Cave Wertvolle Musik zum Verführen und Versenken

Man vergisst die unbeantwortete Frage ja selbst, wenn man "Push The Sky Away" auflegt, die neue Platte von Cave und seinen Bad Seeds. Weil sie derart phantastisch gut ist, eine Verführung und Versenkung, ein sanft vibrierender Kloß im Hals, ein mattdunkler Gang mit einem Feuer am Ende, manchmal auch eine ganze Menge Leviten, die der Dichter uns liest. Im "Higgs Boson Blues" zum Beispiel, dem Gottesteilchen-Blues, in dem der Erzähler sich im Auto auf den Weg Richtung Genf macht, um mal im CERN-Institut nach dem Rechten zu sehen, dabei am Wegesrand den 1938 ermordeten Sänger Robert Johnson aufgabelt, oder so ähnlich. Musik, die man ganz bildungsbürgerlich wertvoll finden kann, die aber auch bestens taugt, um dazu richtig fest ins Kissen zu beißen.

Blutige Krampfhände und Jungfrauen

Natürlich gibt es auch dieses Mal wieder die Bäume, die wie blutige Krampfhände in den Himmel ragen, und die Jungfrauen, die am Wasser spielen und nichts vom Unheil ahnen. Und dennoch ist da etwas Neues zu spüren. Eine Ebene, die man bei Cave vorher noch nie wahrgenommen hat, eine Art Relativierung der Bilder, dichterische Selbstreflexion. Am buchstäblichsten in "Finishing Jubilee Street", einer Nachschrift zum weiter vorn auf dem Album stehenden Stück "Jubilee Street": Ähnlich einer erweiterten, auf eigene Beine gestellten Fußnote berichtet der Erzähler, wie ihm die Gedanken für seine Texte im Halbschlaf zufliegen. Wie er fast detektivisch durch die Träume stapft, um die eigenen Geschichten auszurecherchieren.

Man könnte auch sagen: Nick Cave - der Dichter als alternder Mann, Familienvater, in Brighton residierender Abstinenzler - hat endlich einen gangbaren Weg gefunden, mit dem er seine Kindsköpfigkeiten, seinen schwarzromantischen Fetisch schrifstellerisch legitimieren kann. Indem er uns mitnimmt in die Werkstatt. Uns mal kurz die Patschhand in das Feuer hält, über dem er seine Eisen schmiedet. Den Notizblock auf dem Nachttisch aufblättert. Eine Sonderauflage von "Push The Sky Away" erscheint sogar mit kleinem Begleitbuch, in dem Caves Typoskripte der neuen Songs zu sehen sind, inklusive Korrekturen, Schwärzungen, Fotos. So, scheint er uns zu sagen, könnt ihr eure Träume bewahren. Auch die hässlichen. Wenn ihr euch traut, so wie ich.

Und obwohl er an diesem Mittag im Berliner Hotel ein eher zäher, reservierter Gesprächspartner ist, bricht aus Nick Cave plötzlich doch noch ein Monolog heraus, ein grandioser. "Was ich an Rockstars so interessant finde", sagt er, unvermittelt, "ist das abgrundtief Fremdartige an ihnen. Sie haben sich irgendwann selbst erschaffen, eine Maske aufgesetzt, die sie nie wieder absetzen können. Leute wie Bruce Springsteen tun zwar so, als wären sie nah dran am Mann auf der Straße, aber in Wahrheit sind sie - Monster. Und das sollen sie auch sein. Die Dinge des Herzens zu übertreiben, zu verklären, das ist doch unsere Aufgabe." Ist das jetzt ein Widerspruch zur Poetologie von eben? Wer spricht da eigentlich? Irgendwie ist der Mann uns über.

Am Abend, vor 1800 Leuten im bis zum oberen Theaterbalkon besetzten Admiralspalast, führt er mit Band, Streichquartett und Kinderchor das neue Album auf, nicht schwer, sondern herrlich transparent. Verwandelt sich kurz in Elvis, dann in Sinatra, dann wieder zurück, singt atemberaubend. Nach dem letzten Song dreht Nick Cave sich zu den jungen Backgroundsängern um. "Kids, hier dürft ihr leider nicht mitsingen. Aber schaut zu und lernt!" Dann donnert, blitzt, lärmt es los, "From Her To Eternity", von der allerersten Platte, 1984, Heroinmusik.

Das Monster schreit. Es scheint ihm gut zu gehen.