Neues Album "Triplicate" Gesanglich überfordert

"Diese Songs gehören zu den herzzerreißendsten Dingen, die je aufgenommen wurden und ich wollte ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen." - Bob Dylan.

(Foto: William Claxton/Sony Music)

Bob Dylan raunzt sich auf seinem Dreifach-Album "Triplicate" durch das Great American Songbook. Oje. Doch so vernuschelt die Songs, so klar ist ihre Botschaft.

Albumkritik von Jens-Christian Rabe

Pünktlich zur Veröffentlichung seines neuen Albums wird Bob Dylan, wie man hört, also doch noch in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegen nehmen. Am Wochenende - der Meister ist für zwei Konzerte seiner "Never Ending Tour" in der Stadt - soll es zur Urkunden- und Medaillenübergabe unter Ausschluss der Öffentlichkeit kommen. Bei der offiziellen Feier im Dezember hatte er bekanntlich "anderweitige Verpflichtungen" und sich von Patti Smith und der amerikanischen Botschafterin vertreten lassen. Nun hofft man das Beste für das Komitee, das den Preis für Dylan offensichtlich dringender braucht als Dylan den Preis.

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In einem äußerst seltenen, großen Interview, dass das scheue Pop-Genie eben seiner offiziellen Website Bobdylan.com gegeben hat, ist jedenfalls vom Preis an keiner Stelle die Rede. Es geht sogar ausschließlich um Musik und Texte, die der notorisch flüchtige Künstler nicht selbst geschrieben hat. Das Werk, auf dem sie sich befinden, trägt den Namen "Triplicate" (Sony) und ist von diesem Freitag an erhältlich. Es besteht aus drei Teilen mit je zehn Songs und ist damit - die Dylanologen drehen deshalb schon durch vor Glück - das erste dreiteilige Dylan-Album aller Zeiten. Die Songs heißen "Once Upon A Time", "Stormy Weather", "Sentimental Journey", "Braggin", "These Foolish Things" oder "It's Funny To Everyone But Me" und stammen, wie schon auf den beiden Vorgängern "Shadows In The Night" (2015) und "Fallen Angels" (2016), allesamt aus dem "Great American Songbook".

Warum singt er diese Songs? Als Parodie? Um eigene Nuancen zu finden?

Dylan ist also weiterhin nicht mehr im Folk und Rock unterwegs, auf denen sein Ruhm fußt, sondern im ungleich raffinierter polierten Swing der amerikanischen Unterhaltungsmusik der Dreißiger- bis Sechzigerjahre. Es ist die Musik, deren Stars Irving Berlin hießen, Duke Ellington, George Gershwin, Rodgers & Hammerstein und natürlich Frank Sinatra, und die in Amerika die tonangebende populäre Musik war, bevor die Rock'n'Roll-Revolution den Pop hervorbrachte. Die Lieder des Great American Songbook sind also der Pop vor der Erfindung des Pop.

Tja, und wie klingt das, wenn sich Dylan diese Songs vornimmt? Es klingt im Grunde genauso wie auf den beiden Alben vor "Triplicate". Die Musik spielt Dylans Tourband stilecht, also gekonnt gefühlvoll, fügt hier und da ein wenig zart jaulende Pedal-Steel-Klänge hinzu und steuert manch feine Bläser bei.

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Die Stimme und Gesangskunst des späten Dylan muss man allerdings schon sehr lieben, um die Sache - gelinde gesagt - uneingeschränkt genießen zu können. Es war kein Zufall, dass sich die Kritiker zu "Shadows In The Night" und "Fallen Angels" in den vergangenen Jahren einen kleinen Überbietungswettbewerb lieferten bei der Beschreibung der sehr reifen, also nicht allzu stabilen und meist eher krächzenden als singenden Stimme Dylans und ihrer Wirkung auf die Songs.

Und auch jetzt, exakt von Sekunde 19 an, beim ersten gesungenen Wort "I" von "I Guess I'll Have to Change My Plans" von Arthur Schwartz und Howard Dietz, hängt sie unausweichlich windschief in der Musik herum. Schon dieses "I" umtänzelt eine hörbar überforderte brüchige Stimme eher, als dass sie es trifft. Wobei tänzeln, genau genommen, viel zu konziliant formuliert ist. Es ist eher ein Taumeln um die Melodie. Und zu hören ist dann dieses wacklig-kopfstimmige Geräusch, das stimmschwache ältere Herren machen, wenn ihnen ein kleiner unerwarteter Schmerz in die Glieder fährt, aaahhhh. Nach hinten heraus knarzt es dann gewaltig. Oje. Und so geht es auch weiter, durchaus bemüht, aber letztlich wird doch eher vernuschelt geraunzt als gesungen. Rrgr.