Neues Album der "Peaking Lights" Fieps

Großer Indie-Pop ohne Beat - geht das? Die neue Platte der "Peaking Lights" zeugt von verschwenderischer, an sich nutzloser Phantasie. Indra Dunis singt wundervoll naive Melodien wie eine Diva im dunklen Rapunzelturm. Da kann der Beat schon mal fehlen.

Von Joachim Hentschel

Ist der Beat etwa überbewertet? Der ewig verlässliche, lebensspendende Herzschlag des Pop, der Freund und Helfer, der gnadenlose Patriarch, ohne den die Leute nachts gar nicht wüssten, wie sie eigentlich tanzen sollen? Der Depp, der einen quält, wenn in der U-Bahn fremde MP3-Player zu laut laufen - geht es doch ohne ihn?

Gewaltige Halluzination: Aaron und Indra Dunis sind die "Peaking Lights".

(Foto: David Black/Domino)

Sagen wir es so: Eine der vielleicht schönsten, sicher aber eindrucksvollsten Pop-Platten dieses Sommers fängt genau so an. Ohne Beat. Besser: ohne hörbaren Beat. Obwohl man ihn doch dafür eigentlich so gerne bemüht, zum Einpeitschen, für die Stimmung zum Start.

"Lucifer" (Domino Records), das neue, dritte Album der Gruppe Peaking Lights, beginnt jedenfalls mit einer Miniatur, einem Gruß, der von der anderen Seite herüberzukommen scheint, aus einer Welt mit seltsamen Schwerkraftgesetzen. Der zweite Song ist echter, luftiger, auffällig gefärbter Pop, mit Mädchengesang, Melodie und einer eigenen Sonne, brillant aus chemischen Fiepsern und Hallschleifen gewebt. Das dritte Stück enthält Andeutungen einer Rhythmusmaschine, die aber nur mitzuckelt, verborgen unter dem schweren Bass, außerirdischen, verrauchten Harmonien. Erst beim vierten Song kann man den Beat zum ersten Mal wirklich hören. Da ist schon über ein Drittel der Platte vorbei. Und man hat gar nichts vermisst.

Der Pop der Gegenwart neigt im Moment ja insgesamt mehr zum Fabulösen, Pathetischen, Gotischen. Zu hohen Hallräumen, ausgesucht psychedelischen Riesen-Tableaus, extra tiefen und verzerrten Bässen, zur Flucht vor dem Minimalismus (was man ganz gut auch als Gegenbewegung zu den Wirtschaftskrisen sehen kann). Auch bei den Peaking Lights - einem Duo aus Wisconsin, bestehend aus dem Mittdreißiger-Ehepaar Aaron und Indra Dunis - geht es natürlich überhaupt nicht ums Weglassen. Das Radikale, Große an ihrer Musik ist die verschwenderische, an sich nutzlose Phantasie. Die gewaltige Halluzination, bei der man den Beat auch aus seiner Abwesenheit heraus erschließen kenn.