Neues Album der "Ärzte" Und dazu breit grinsen

Wo wir sind, war Punk. Oder etwa nicht? Seit 30 Jahren scheiden sich an den "Ärzten" die Geister. Lange war zu befürchten, die Band taumele ihrem entspannten Alterswerk entgegen. Warum man sich "Auch", das neue Album der Gruppe, trotzdem anhören sollte.

Von Michael Grill

Die 1982 gegründete Berliner Band Die Ärzte wird überschätzt: Sie spielt keinen Punk, obwohl sie das behauptet. Es ist eher Pop mit sehr lauter Gitarre. Ihre Musik funktioniert, wenn man das denn sagen kann, nur dort, wo man auch ihre Texte versteht.

Außerhalb des deutschen Sprachraums kennt kaum jemand "Belafarinrod", so lautet das gemeinsame Kose-Kürzel der Fans für die drei Bandmitglieder. Als man noch provozieren konnte mit Texten über Sex und Gewalt, provozierten die Ärzte auf Krankenschein, also sehr berechnend. Seit Provokation aber keine mehr ist, zehrt die Band von ihrem kleinen Mythos. Absurdes im Sinne von Dada oder wenigstens Punk ist ihr lange nicht mehr geglückt.

Man kann es aber auch so sehen: Dem deutschen Phänomen namens Die Ärzte wird nicht der Rang zuerkannt, der ihm gebührt. Denn es gibt keine zweite Band, die über einen so langen Zeitraum hinweg die deutsche Popmusik mit so viel Humor, Witz und Verstand bereichert hat. Die von so vielen Menschen für einen essentiellen Teil ihres Lebens gehalten wird. Die Pop und, ja auch, Punk für dieses Land neu definiert hat und die mit einer ungekannten Leichtigkeit im schweren Fach der verzerrten Gitarre zeit- und sowieso alterslos werden konnte.

Sommer 1988. Ausgerechnet in München, in der Stadt, in der die Ärzte sich im Jahr zuvor ihren bis dato größten Ärger eingehandelt hatten, weil sie bei einem Liveauftritt den gerade zu Tode gekommenen Uwe Barschel verhöhnt hatten und den indizierten Text des Songs "Geschwisterliebe" vom Publikum singen ließen. An diesem lauen 88er-Abend sollten die Ärzte im Olympiapark zwischen Nina Hagen und den Rainbirds spielen, jener Band, aus der sie später ihr heutiges Mitglied Rodrigo González rekrutierten. Alles also schien interessanter als dieses Ärzte-Ensemble mit seinen lustigen Teenie-Songs. Doch dann kam der Moment, in dem der Olympiapark von einer atemraubenden Schallwelle erfasst wurde.

Die Ärzteprobten zunächst noch im leeren Musikzelt und spielten Metal-Blues-Klassiker von ZZ Top nach. Doch es war, als ob sie alle Vorurteile von der schlagerhaften Mädchen-Band mit einer gewaltigen Explosion aus Rock hinwegballern wollten. Da gab es keinen Platz mehr für das Bravo-taugliche Zahnpastalächeln von Sänger Farin Urlaub, das geschminkte Gruftie-Getue von Schlagzeuger Bela B. und die auch spießige Empörung der Elterngenerationen in den achtziger Jahren. Die Ärzte bettelten bei 150 Phon Lautstärke darum, endlich ernst genommen zu werden.

Der Neonazi, sozialpsychologisch filetiert und dann mit Klartext konfrontiert

Dennoch dauerte es bis 1998, dass in einem bedeutenderen Organ der deutschen Publizistik erstmals ein Text erschien, der den Ärzten diesen Wunsch erfüllte. Ein Essay des Hamburger Musikjournalisten Hollow Skai, geschrieben für den deutschen Rolling Stone, fuhr nicht weniger als Walter Benjamin gegen die Ärzte auf.

Schon dieser, so hob Skai an, habe gewusst, dass der destruktive Charakter jung und heiter sei. Und er gestand, es sei ihm auch erst nicht anders ergangen als "den Rock-Opas, Punk-Veteranen und Tindersticks-Fans", welche die Ärzte konsequent verachteten.

Doch dann habe er ihren Song "Schrei nach Liebe" gehört, in dem ein Neonazi zunächst sozialpsychologisch filetiert und dann mit Klartext konfrontiert wird: "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Du hast nie gelernt, dich zu artikulieren, und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit - Arschloch!" Das Lied, so Skai, habe ihm "den Glauben an die 'Rockmusik mit deutschen Texten'" zurückgegeben: "Von solchen Zeilen können die Deutsch-Rock-Quoten-Rudis nur träumen - den Ärzten fliegen sie im Schlaf zu."

Von nun an musste man befürchten, die Band taumele ihrem entspannten Alterswerk entgegen. Hatte sie doch gerade erst das Album "13" veröffentlicht und lamentierte darüber, mit "Männer sind Schweine" einen echten Wiesn-Hit gelandet zu haben. Auffällig ist seitdem, dass die Berliner ihre eigene Identität immer drängender hinterfragen und ihr sogenannter Punk nun zum Gegenstand ihrer Textironie wird. Hatten die Ärzte 1998 im Song "Punk ist . . ." noch behauptet: "Mach dein Ding, steh dazu, heul nicht rum, wenn andere lachen", hieß es 2003 auf dem Album "Geräusch": "Da hab ich eines leider nicht erkannt / Skrupellose Exporteure verkaufen für ein paar Öre / Den Punk auch an Feindesland".

Fünf Jahre nach dem bislang letzten Studioalbum von 2007, nach zwischenzeitlich raumgreifenden Solo-Projekten wie der Band Farin Urlaub Racing Team, nach dem Editieren von Weltuntergangsliteratur durch Bela B. ("Exit Mundi") und nach eher besinnlichen Fanprojekten wie der 2011er Geheimtour "Laternen Joe", erscheint nun das im Ärzte-Kosmos geradezu hysterisch erwartete neue Album "Auch" (Hot Action Records/Universal).

Es wird von diesem Freitag an ausgeliefert - in einer kleinen Box als Familienspiel. Der erste Song fragt gleich: "Aber ist das noch Punkrock - wie dein Herz schlägt, wenn sie dich küsst? / Ist das noch Punkrock - dass euer Lieblingslied in den Charts ist? / Ich will euch nicht den Spaß verderben, aber musste Sid dafür sterben?" Das ist insofern perfide, als Farin Urlaub nach dem relativ sanften Refrain quengelt: "Ich glaube nicht!"

So lautet die Ärzte-Formel: Verweigern, Relativieren - und dann dazu breit grinsen. So funktioniert das neue Album. Mit "Ist das noch Punkrock" stimmt Farin Urlaub den Kammerton an: Das ernste Ansetzen, die komische Auflösung, gelegentlich mit einer Brechung ins vordergründig Dämliche. Das anschließende "Bettmagnet" kippt ins comichafte, Surreale - dafür ist wie immer Bela B. zuständig. Schließlich gleitet man ins Düstere mit "Sohn der Leere" aus der Feder von Rodrigo González - und dann kann das Spiel wieder von vorn beginnen.

Mal holpert der Reim, mal holpert er nicht

Mal führt man auch die Leichtigkeit vor, mit der man Stilarten von Speed Metal bis Country beherrscht ("TCR"): "Wir sorgen immer wieder gern für Endorphine / Wir sind eine verdammte Rockmaschine". "Tamagotchi" dann ist überdreht lustig und völlig aus der Zeit gefallen, "M&F" tunkt die klassische Beziehungs- und Trennung-Thematik in überraschend starke Bitterkeit, "Waldspaziergang mit Folgen" ist eine herrliche Persiflage aufs Religiöse: "Ich ging spazieren im Wald, ich musste einfach hinaus / da sah ich ein Stück Holz, das sah heilig aus / also steckte ich es ein, nahm es mit nach Haus / und schnitzte mir einen Gott daraus".

Am Ende des Albums steht die Single "zeiDverschwÄndung", hier geht es unter Zuhilfenahme musikalischer Raffinesse um eine Selbstbespiegelung - doch sie bleibt seltsam blutleer. Dazwischen, ach ja, noch eine weitere Handvoll Songs: Mal holpert der Reim, mal holpert er nicht, es gibt Parodie und Gedudel, Rock und Roll, Wattebällchen-Werfen und Friedensbotschaften.

"Auch" ist ein großes Album, wenn man die Ideen und Materialien sieht, mit denen souverän gespielt wird. Dass die Band alle Songs von 16 Künstlern in Videos umsetzen und diese (ebenso an diesem Wochenende) in fünf deutschen Galerien präsentieren lässt, dürfte irgendwie einmalig sein.

Doch man wird das Gefühl nicht los, dass lediglich kreative Masse vorgeführt wird, die beeindrucken soll. "Auch" ist also kein großes Album, wenn man die einzelnen Songs betrachtet. Viel zu viel rockende Routine, professionelles Stückwerk, letztlich ein Stillstand auf gewohnt hohem Niveau. Die Ärzte laden dafür nun zur Video-Vernissage - und werden damit so ernst genommen, dass es eigentlich traurig ist.