Neues Album: Bob Dylan Der wunderliche Großmelancholiker

Die Fiedel ist wieder da und zusammen mit dem Akkordeon, gespielt von David Hidalgo von Los Lobos, den Mike Campbell an der Gitarre und, von der Tour-Band vertraut, Tony Garnier am Bass begleiten, erzeugt sie einen unerhörten und gleichzeitig urvertrauten TexMex-Sound, lateinamerikanisch, kreolisch, Blech und Blues, produziert mit kalter Eleganz von Dylan selber, der sich wieder einmal Jack Frost nennt.

Dylan, der schon immer ein großer Eklektiker war, hat einen Stil gefunden, der auf der Straße lag. Es ist eine Fahrt durch einen rotsandsteinfarbenen Südwesten, amerikanisches Urstromtal. "Das Land hat mich geschaffen", erklärte er eben in einem Interview, das Land der Pioniere und der amoralischen Western Sam Peckinpahs. "Ich bin wild und einsam. Selbst wenn ich Städte berühre auf meinen Reisen, fühle ich mich eher an leeren Orten zu Hause."

Dylan, der durch so viel Formen geschritten ist, der immer wieder das bezeichnete Ich hergab, ist souveräner denn je. "Together Through Life", das mit einem Foto des Magnum-Realisten Bruce Davidson von 1959 erscheint, ist natürlich wieder ein Geschenk für Kulturreferenzler von Greil Marcus bis zu seinen lendenlahmen deutschen Nachfolgern. Deren demnächst fällige Aufsätze über "Dylans Altersstil im Spannungsfeld von kontrafaktischer Aneignung und interkultureller Differenz mit besonderer Rücksicht auf Claude Lévi-Strauss und das Brill Building" könnte ich im Schlaf schreiben.

Doch auch wenn einmal James Joyce auftritt und angeblich gleich mehrfach auf die "Canterbury Tales" angespielt wird, hat Robert Hunter doch dafür gesorgt, dass Dylans Texte vom abendländischen Kulturkrampf frei bleiben und sich allein der Musik fügen. So wird der wetter- und lebensgegerbte Dylan endlich wieder aus dem Nobelpreis-Wartezimmer befreit und auf die Füße des "song and dance man" gestellt.

Wer dem jugendlichen Fieber seiner frühen Welthasshymnen nachtrauert, sollte sich an die Warnung erinnern, die Dylan bereits 1965, aber altersweise weit über seine Jahre hinaus, an alle Fernsprechteilnehmer herausgegeben hat: "he not busy being born is busy dying."

So weht mit den Akkordeonklängen und der elektrisch verstärkten Geige ein ganz irdisches Heilsversprechen herüber, die Erneuerung durch die Musik, wie sie Bob Dylan hier wieder einmal gelungen ist.

Zum Zerreißen dünn

Der leibhaftige Dylan hat sich in den letzten Jahren fast ganz von der Gitarre verabschiedet und spielt auch kaum mehr seine Mundharmonika. Es bleibt ihm als Organ nur mehr diese unvergleichliche, diese so prekäre Stimme, die ihr traurig-sarkastisches Lied vorträgt.

Die Stimmbänder sind angefranst, zum Zerreißen dünn, was davon geblieben ist. Aber selbst das macht ihm Spaß, und er amüsiert sich über die intellektuellen Hermeneutiker, die behaupten, seine Stimme sei voll vom Blut des Landes.

Schon der junge Mann im Village, der so fremd war in New York, markierte den Weltweisen und raspelte mit einem erborgten und angemaßten Woody-Guthrie-Krächzen, für das er längst nicht alt genug war. Inzwischen ist er älter als sein Vorbild überhaupt je werden konnte. Endlich ist er in der Liga von Howlin' Wolf, von Muddy Waters, von Willie Dixon angekommen, gebraucht sie wie Louis Armstrong in seinen brummendsten letzten Tagen und führt sie, kaum zu glauben, in melodiöse Höhen, die ihm keiner zugetraut hätte, der die oft so angestrengten Konzerte der letzten Jahre miterlebt hat.

"Together Through Life" ist im Studio aufgenommen, aber mit einer jugendfrechen Bedenkenlosigkeit, mit der er sich sonst auf der Bühne in seine Konzerte stürzt. Die Band trägt diese Stimme, fängt sie auf, bettet sie, soweit das überhaupt geht, in ihren harten, treibenden Rhythmus. Den kennt der Hörer von den Konzerten, nur dass er in den immer containerhafteren Hallen sonst wie eine Waggonladung Schrott von oben heruntergekippt wird. Hier ist der Rhythmus tatsächlich als musikalische Begleitung zu hören, hier treibt er den Sänger voran, umspielt ihn, bis es ein einziger Tanz wird.

"Together Through Life" nimmt noch einmal alle Motive des Blues, des Rock'n'Roll, überhaupt aller existenzialistischen und deshalb lebensrettenden Musik auf: das liederliche Weib (in der Hölle soll es schmoren), die gar nicht latente Gewalt im Süden (Wenn du nach Houston gehst, vergiss die Knarre nicht), den Teufel, der an jeder Wegkreuzung lauert (ebenfalls zur Hölle mit ihm!). Die ganze Platte klingt wie ein Zufallskonzert, als wehte es tatsächlich aus einer mexikanischen Cantina über den menschenleeren Platz, über den gleich - der nachsynchronisierte Hufschlag ist bereits zu hören - der jugendliche Clint Eastwood reiten wird, Sergio Leones Killer und doch der Gute.

Es fehlt der notwendige Kulturpessimismus nicht, die Regierung taugt nichts, der Staat ist pleite, das Land vertrocknet, aber für einen Mystiker wie Dylan, der sich nur von existenziellen Fragen durchbluten lässt und nicht vom aktuellen Zustand der Finanzmärkte (die ruhig auch in der Hölle schmoren dürfen), geht es allein darum, dass die Leute draußen tanzen zu seiner Musik.

Der Höhepunkt dieser majestätischen und durch und durch amerikanischen Platte ist das Liebeslied "This Dream Of You", ein langsamer, sehr langsamer, praktisch schon ein Hochzeitswalzer, gespielt von einem Mariachi-Orchester, schlicht und gleichzeitig ergreifend. Süßer klang die Geige nie, wenn sie das altneue Lied von der Liebe und ihrem Leid begleitet, aber das müssen Sie schon selber hören.

Der Freitag ist noch jung, die Krise hat erst angefangen, doch an der Hand des wunderlichen Großmelancholikers Bob Dylan geht es Ihnen gleich besser, versprochen. "Together Through Life" rettet kein Portofolio und auch keine Arbeitsplätze, aber diese Platte heilt alle Wunden.

BOB DYLAN: Together Through Life. Sony, 2009.