Neues Album: Bob Dylan Der König tanzt

Propaganda ist immer obszön, aber es hilft alles nichts: Mit Bob Dylan an Ihrer Seite geht es Ihnen gleich besser, versprochen. "Together Through Life" rettet keine Arbeitsplätze, aber diese Platte heilt alle Wunden.

Von W. Winkler

Der Tag hatte sich geneigt, es wollte Abend werden und der Cognac wurde besser mit jeder Stunde, die der einsame Leser sich in die "Duineser Elegien" versenkte. "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?", las er und begann, diese heiligen Worte ins Englische zu übertragen, Vers um Vers, Elegie für Elegie. Die Nacht, sie schritt voran, der Cognac ging nicht aus und Robert Hunter übersetzte immer weiter. Gegen drei Uhr morgens, als er schon mehr als die Hälfte der Elegien in sein liebes Englisch gebracht, erschien ihm der Dichter selber.

Rainer Maria Rilke war ins Zimmer getreten und schaute dem kessen Nachdichter über die Schulter, las mit, hob gar streng die Brauen, legte den Finger auf die eine oder andre Zeile, empfahl hie und auch da eine Nachbesserung und nickte zufrieden, wenn Hunter eine glücklichere Formulierung gefunden. Vermutlich war er stockbesoffen, als der Morgen graute, aber er hatte (in einer Nacht!) unter allerdings leidenschaftlicher Beteiligung des Autors Rilke größte Gedichte übersetzt.

Ohrenbetäubend

Dieser geniale Robert Hunter, eine in den einschlägigen hermeneutischen Zirkeln bisher wenig beachtete Randfigur, muss selber wie ein rettender Engel zu Bob Dylan gekommen sein, als der, um Worte verlegen, Hilfe brauchte beim Verfertigen der zehn Songs zu seinem neuen Album, das heute erscheint.

Ein schier ohrenbetäubendes Raunen umgab diese erst vor sechs Wochen angekündigte Platte, ausgewählte Jubelschreiber durften sie vorab hören (ein Durchgang für die weniger wichtigen, gleich zwei für die bedeutenderen), und natürlich haben sie im voraus die verlangten Sterne, Superlative und Jubelschreie abgeliefert.

Propaganda ist immer obszön, aber es hilft alles nichts: Dylans 33. Studioplatte mit dem etwas einfallslosen Titel "Together Through Life" ist trotz ihrer exzellenten Vorgänger das Beste, Schönste und Größte, was der Meister in den letzten dreißig Jahren seinem Publikum ausgeliefert hat.

Es ist ja wahr, mitten unter uns leben beneidete Menschen, die als Zeitgenossen die Premiere von "Like A Rolling Stone" an der Musicbox miterlebten oder in bengalisch glühenden Worten berichten können, wie sie zum ersten Mal "Blonde On Blonde" hörten. Sie werden melancholisch an diese bereits 1965 erreichte alpine, ja himmalayakühle Erhabenheit des Dylan'schen Schaffens zurückdenken, dem nur ein mühsamer Abstieg folgen konnte. Von diesem unvermeidlichen Niedergang erhob sich Dylan aber 1974/75 wieder, ging nach sieben Jahren zum ersten Mal auf Tournee und veröffentlichte "Blood On The Tracks", eine hoch verrätselte, tief verzweifelte Platte, gegen die vor dem Auge der Weltgeschichte das gesammelte Werk von (sagen wir) Thomas, Heinrich, Klaus und Golo Mann zu grauem Staub zerfällt, um sich aus seiner Verzweiflung dann mit einem infernalisch schönen Wetterleuchten zu befreien, das "Desire" hieß.

Damals half ihm der Broadway-Autor Jacques Levy, und es half ihm vor allem Scarlet Rivera, die Violinistin, die Dylan auf der Straße im Greenwich Village aufgegabelt hatte, die aber in Wirklichkeit einem seiner Songs entstiegen war. Denn hatte er nicht neun Jahre zuvor einen dürrenmattirren Albert Einstein heraufbeschworen, der die "elektrische Violine" spielte?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum es Ihnen gleich besser gehen wird.

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