Hundert deutsche Skalps am Gürtel, das fordert Lieutenant Aldo Raine von jedem seiner acht Bastarde. Er ist ein "Hillbilly aus den Bergen von Tennessee", schreibt Tarantino, mit einer Narbe um den Hals, die von einem Henkerseil herrührt, die Deutschen nennen ihn "Aldo den Apachen".

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Von Hand hingekrakelt mit dem typischen Schreibfehler Tarantinos: Das Titelblatt ("2. Juli 2008, letzte Fassung") des Drehbuchs von "Inglorious bastards". Wie immer bei Tarantino findet sich darin einzigartig verdrehte und doch unwiderstehliche Logik der Dialoge und sein typischer Humor in den Regieanweisungen. (© Screenshot: "New York Magazine")

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Das ist also Brad Pitt. Seine Bastarde sind Juden, sie haben eine sehr persönliche Motivation für ihre Taten - einer stammt sogar aus Österreich und spricht sehr gut Deutsch. Und dann ist da noch der deutsche, leicht psychotische Unteroffizier Hugo Stiglitz, der wohl im Affekt dreizehn Gestapo-Offiziere getötet hat und von den Bastarden aus seinem Gefangenentransport befreit wurde: "We're a big fan of your work. . ."

Natürlich bestätigt das zunächst alles, was einem bei der Kombination von "Tarantino" und "Kriegsfilm" so einfällt - die Überraschung aber ist, dass die Geschichte bald völlig andere Wendungen nimmt.

Nicht das Töten ist Tarantinos wahre Leidenschaft, sondern das Kino, und Aldo Raine alias Brad Pitt muss seinen Starstatus bald mit einer jungen französischen Jüdin namens Shosanna teilen, die dem Massaker an ihrer Familie entkommen ist, sich in Paris in einem Kino versteckt und dieses dann später betreibt.

Reale Verbrechen, reales Grauen

Ein wichtiger Schauplatz, den Tarantino anscheinend ganz in Schwarzweiß filmen will, in der Ästhetik der Nouvelle Vague. Shosanna muss Filme der Besatzer zeigen, "Die weiße Hölle vom Piz Palü" und "Glückskinder" zum Beispiel, aber sie liebt das Kino wie ihr Schöpfer und kommt darüber sogar dem charmanten deutschen Soldaten Fredrick näher, der ebenfalls Kinofan ist. "Denn für jeden wahren Filmliebhaber", weiß das Script, "ist es schwer jemanden zu hassen, der sagt: Cinéma mon amour."

Wie es der Teufel und Tarantino wollen, wird dann in Shosannas Kino die Galapremiere eines Nazi-Propagandafilms stattfinden, mit Hitler und Goebbels, mit hohen SS-Führern, mit Emil Jannings und Veit Harlan und einer fiktiven deutschen Filmdiva-Doppelagentin namens Bridget von Hammersmark, "the Fräulein of the hour", die mit Anzug und Fedorahut die Dietrich evoziert - hier käme wohl Nastassja Kinski ins Spiel.

In diesen Szenen kann Tarantino noch tiefer in seine Kenntnis des deutschen Kinos eintauchen, was für Kenner ziemlich komisch ist: "Tiefland" wird erwähnt und auch, ziemlich schmeichelhaft sogar, Leni Riefenstahl.

Doch irgendwann ist die Versöhnungskraft der Cinephilie dann auch erschöpft. Der notorische "Judenjäger"und diabolisch gewinnende SS-Offizier Hans Landa taucht auf, der Shosannas ganze Familie vernichtet hat - das ist der Part, den Leonardo DiCaprio nun wohl nicht spielen wird. Und schließlich haben auch die "Inglorious Bastards" von der Filmvorstellung mit der ganzen Naziführung erfahren. Sie planen nichts anderes als die vorzeitige Beendigung des Krieges und des Dritten Reichs. . .

So "übergeschnappt wahnsinnig, wie wir gehofft haben" (NY Magazine) das alles auch klingt - so nah hat sich Tarantino doch noch nie an reale Verbrechen, reales Grauen, auch an Figuren der Zeitgeschichte herangewagt.

Mehr als der Sprengstoff der Bastarde

Einen der Bastarde, der als Baseball-Schläger schwingender "Bear Jew" von den Deutschen gefürchtet ist, zeigt er in einer Rückblende in Boston, wie er jüdische Familien besucht und sie fragt, ob sie um das Leben von Verwandten in Europa bangen. Die Namen dieser Lieben dürfen sie in seinen Baseballschläger ritzen, der dann dazu benutzt wird, möglichst viele Nazischädel zu zertrümmern. Dabei wird der alttestamentarische Richter Gideon beschworen, und auch Shosanna darf einmal rufen: "Dies ist das Gesicht der jüdischen Rache!"

Ist das Tarantino ein ernstes Anliegen? Will er damit neue Erkenntnisse, welcher Art auch immer, provozieren? Interessiert er sich überhaupt für Geschichte - oder sieht er sie nur als einen einzigen Abenteuerspielplatz, mit großem Potential von Hass, Gewalt und Rache als Triebfedern seines Kinos? Man muss sich hüten, anhand eines Drehbuchs hier schon eine Antwort zu geben - aber klar ist doch, dass "Inglorious Bastards" nicht nur solchen Sprengstoff enthält, den die Bastarde mit sich führen.

Hier trifft die Popkultur mit bisher nicht gekannter Wucht auf Nazideutschland und zugleich auf den Holocaust - und die Wirkung dieser Kollision ist noch kaum abzusehen.

Klar ist aber eins: All die deutschen Historiker und Kommentatoren, die bei Tom Cruise und seinem doch sehr um Korrektheit bemühten Stauffenberg schon wild nach Luft schnappten - die wird es bei "Inglorious Bastards" vor Schreck auf der Stelle zerreißen. Und vielleicht ist das genau der Plan.

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(SZ vom 13.8.2008/pak)