Als noch hilfreicher erwies sich ein Onkel, der Carr nicht nachstellte, sondern als Rockefeller über genügend Einfluss verfügte, so dass der Mörder nur in die Besserungsanstalt gesteckt wurde. Kerouac, der sich der Beseitigung von Beweismitteln schuldig gemacht hatte, musste rasch heiraten, um sich vom Verdacht einer homosexuellen Komplizenschaft zu befreien. Beim tatsächlich schwulen Burroughs, der die Straftat nicht angezeigt hatte, spendierte der Vater Kaution und Anwalt.

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So war wieder alles gut. Der Richter empfahl Abstand vom ungeordneten Leben in New York, aber das war zu viel verlangt, denn endlich war für die Bohème etwas Reales geschehen, etwas, worüber sich schreiben ließ. Im Wechselgesang verfassten Burroughs (als Will Dennison) und Kerouac (als Mike Ryko) die Kapitel eines Romans, den sie nach einer angeblich im Radio gehörten Meldung über einen Zirkusbrand "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken" nannten.

Der lange Schlaf

Das Buch ist nie veröffentlicht worden, und der lange Schlaf im Archiv lässt es heute erst recht veraltet aussehen. Es soll sich in diesem Bericht alles hart und realistisch und so emotionslos wie nur möglich anhören. Vor allem die Kapitel, die "Will Dennison" schreibt, klingen deshalb manchmal wie ein vorzeitiger Alain Robbe-Grillet, der einem Hemingway nachschreibt, wie sich Dashiell Hammett anhört.

Nur erzählt hier kein Sam Spade mit zusammengebissenen Zähnen, wie er sich durch den moralischem Morast von San Francisco kämpft und dabei nicht sauber bleiben kann, sondern die Geschichte treibt auf einen realen Mord zu, vor dem alle Beschreibung versagt. Ryko hatte sich vorgestellt, "wie das wohl wäre, jemanden umzubringen, und wie ich Tausende von Wörtern geschrieben hatte für dieses Geflecht von Gefühlen. Und jetzt stand Phillip (= Carr) neben mir und hatte es tatsächlich getan."

Nur zum Ende hin, nach 150 Seiten Trinken, Essen, Schlafen und einem hemmungslos geschwollenen Dauergelaber über, ja, über das Leben, holt die Form wenigstens annähernd den Inhalt ein. Kerouac spaziert mit seinem Freund einen Tag lang durch Manhattan. Sie gehen ins Kino, in eine Ausstellung, sie trinken, und es ist alles vorbei, denn Carr muss sich doch stellen. "Hier war ich, mutterseelenallein, und alles war zu Ende."

Er trank und schwadronierte

Es war der Anfang. Der Todesengel Lucien Carr kehrte schon nach zwei Jahren wieder aus der Besserungsanstalt in Elmira nach Manhattan zurück. Anders als befürchtet, war sein Leben durch den Mord an Kammerer gar nicht ruiniert. Der Mord, aus dem die besten Köpfe einer Generation hervorgingen, war nach amerikanischem Recht damit auch schon wieder abgegolten. Als einziger in der Brüderschaft wollte Carr nicht schreiben und suchte auch nicht den Ruhm.

Mit der beat generation blieb er dennoch enger verbunden, als es das Nachwort des Burroughs-Schützlings James Grauerholz zugeben mag. Carr trank und schwadronierte weiter mit den Beat-Poeten, die den Verlagen längst nicht geheuer waren. Im Herbst 1950 stieg die betrunkene Horde in die U-Bahn, um wieder einmal das Lokal zu wechseln. Einer von ihnen, Bill Cannastra, streckte den Kopf zu weit heraus, der anfahrende Zug zerschmetterte ihm den Kopf an der nächsten Säule.

Ein Grund, Literatur maßlos zu überschätzen

Cannastra war sofort tot, Carr wieder dabei, diesmal nur als Zeuge. Im Jahr darauf besuchte er den drogensüchtigen Burroughs in Mexiko, der bald danach im Rausch seine Frau Joan Vollmer erschoss. Wieder half die Familie, und Burroughs kam mit dreizehn Tagen Gefängnis und einem lebenslangen Thema fürs Schreiben davon.

Der dunkle Engel Lucien Carr entschied sich schließlich für ein bürgerliches Leben, heiratete brav, bekam Kinder und machte Karriere. Er wurde Redakteur und Büroleiter bei der Nachrichtenagentur UPI und allem Vernehmen nach ein geachteter Kollege und Chef. Seinen alten Freunden untersagte er, über seinen jugendlichen Acte gratuit zu schreiben.

Erst jetzt, nach Carrs Tod im Jahr 2005, darf die offizielle Geschichte des New Yorker Ritualmords erscheinen. Die Welt hat nicht darauf gewartet, und niemand von den Beteiligten ist mehr am Leben. Die "Nilpferde" sind weit entfernt von dem Total-Roman, der Kerouac vorschwebte, a novel, explaining everything to everybody, sie sind kaum mehr als ein Bubenstreich und selbst literarisch kaum mehr als ein Witz. Umso größer ist ihre Bedeutung als bisher versiegeltes Geheimbuch, das an eine Zeit erinnert, als es noch Grund gab, die Literatur maßlos zu überschätzen.

WILLIAM S. BURROUGHS/JACK KEROUAC: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken. Roman. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Nagel & Kimche, München 2010. 192 Seiten, 17,90 Euro.

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  1. Mord im Milieu
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(SZ vom 13.03.2010/kar)