Im "Fall von Madrid" reichte ihm der eine Tag, an dem Franco starb, um Spaniens Übergang von der Diktatur zur konstitutionellen Monarchie zu verhandeln. "Alte Freunde" beschrieb ein Abendessen in einem noblen Madrider Restaurant, in dem sich einstige Weggefährten der Revolution treffen, über ihr Leben reden und innerlich überlegen, wann sie sich selbst abhanden kamen. Schon in diesem Buch tauchte ein alter Baumogul auf, der seinen Freunden vollkommen plausibel und in prächtigster Laune erklären konnte, warum er sich vom Revolutionär zum harten Geschäftsmann entwickelt hat.

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Gekommen, um zu zerstören: im Urlaubs-Paradies. (© Foto: ap)

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Diesmal nun zeichnet er ein mächtiges, düsteres Bild seiner eigenen Generation, die geprägt wurde von den unruhigen Jahren und hochfliegenden Plänen der sechziger Jahre, die daran glaubten, den Kapitalismus überwinden zu können, die davon überzeugt waren, die Welt zum Guten verändern zu können, wenn nur erst Franco weg ist. Als sie dann, um mit Enzensberger zu sprechen, endlich fanden, was sie suchten, als sie die Möglichkeit hatten, ein freies Leben zu gestalten, zerstörten sie es.

Die Sonne ist Strafe

Die Technik des inneren Monologs hat Chirbes über die Jahre zu solcher Meisterschaft entwickelt, dass er mittlerweile auf alle äußere Handlung verzichten kann, ohne dass einem das beim Lesen überhaupt auffallen würde: Ein Vormittag nur wird erzählt, keine der Personen bewegt sich vom Fleck, fast als sei die Zeit geschmolzen, zerflossen in der Hitze der Sonne, die hier ein grellweißes Licht verstrahlt, "sie ist nicht Lebensquell, sondern Strafe", wie es einmal heißt.

Chirbes durchleuchtet sein Personal wie Kadaver unter dem weißen harten Licht dieser afrikanisch heißen Sonne. Rubén steckt im Stau fest, seine junge Frau Monica steht vor dem Badezimmerspiegel, taxiert die Haltbarkeit ihres Körpers und rechnet das Kind in ihrem Bauch in Vermögenswerte um. Der Schriftsteller Federico Brouard sitzt zu Hause im Halbdunkel seiner Erinnerungen. Sie alle bereiten sich auf die Trauerfeier am Mittag vor, die Verbrennung von Matias, Rubéns Bruder, der sich in einer Art ideologischem Rückzugsgefecht vom großsprecherischen Stalinisten zum Ökobauern gewandelt hatte.

Matias' Verbrennung wird freilich gar nicht mehr beschrieben, auch taucht das Wort Krematorium zuvor nicht auf. So werden durch den Titel die Bettenburg und unsere Zeit selbst zum Krematorium, in der alle Träume, alle Reste des zivilisatorischen Miteinander verdampfen. Keine Ethik hat überlebt, eine Welt ohne Götter, in der alles erlaubt ist, "Präadamismus ohne Schuldgefühl".

Anfangs wirkt es so, als gebe es geglückte Lebensentwürfe als Kontrapunkt zu Rubéns betonhartem Pragmatismus: Silvia arbeitet als Restauratorin, ihr Mann Juan lehrt als anerkannter Literaturwissenschaftler in Madrid, Matias züchtete Olivenbäume, und dann ist da Federico Brouard, der Schriftsteller und Kindheitsfreund.

Bitter

Das Buch ist deshalb so bitter, weil auch all diese Alternativentwürfe verbaut zu sein scheinen. Silvia und Juan verachten Rubén, haben sich aber farb- und konturlos in seinem Reichtum und einer kühlen Zweckehe eingerichtet. Federico ist ein abgewrackter rücksichtsloser Narziss, den die Larmoyanz zu Orgien der Selbstbezichtigung treibt, er suhlt sich geradezu in dem Gefühl, vergessen zu sein. Und er hat - wie alle anderen - von Rubéns Geld profitiert.

Juan, Rubéns Schwiegersohn, ein schmallippiger Literaturwissenschaftler, schreibt eine Biographie über Brouard und trauert um ihn, der einst so schöne Romane schrieb, in denen er so voller Empathie für seine Figuren war, der unter Franco im Gefängnis saß, ins Exil ging, sich abseits des Literaturbetriebs hielt und nun ein suchtkranker Alter ist, der seine Umwelt quält, ähnlich schäbig wie Rubens vertrocknete Mutter und "ihr säuerliches Nichtdasein", wie Dagmar Ploetz so elegant übersetzt - die Tatsache, dass Chirbes' Bücher nirgends so erfolgreich sind wie in Deutschland, verdankt sich sicher auch Ploetz' Fähigkeit, jedes seiner Bücher in wunderschön flüssiges Deutsch umzuschmelzen.

"Wir waren wie die Maulesel am Ziehbrunnen. Wir zogen, blind und stumm, versuchten so, zu überleben, und obwohl wir miteinander alles teilten, schien uns nur Egoismus zu treiben. Dieser Egoismus hieß Elend. Die Not ließ keinen Winkel für Gefühle." So räsonierte eine alte Frau in Chirbes' frühem Meisterwerk "Die schöne Schrift", in dem Chirbes erstmals ganz auf die erzählerische Kraft des inneren Monologs setzte und Geschichte von unten erzählte, über ihr Leben in äußerster Armut. "Krematorium" nun zeigt, dass 70 Jahre später dieser Egoismus ohne alles Elend genauso wuchert.

RAFAEL CHIRBES: Krematorium. Roman. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kunstmann Verlag, München 2008. 432 Seiten, 22 Euro.

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(SZ vom 16.9.2008/rus)