Neuer "Lohengrin" in München Wildes Brüten

Das war wohl nichts: Ein ärgerlich misslungener "Lohengrin" von Richard Wagner enttäuscht in München. Was für eine konzeptgläubig vertane Chance!

Von Joachim Kaiser

Es gibt gewiss tiefsinnigere, gewaltigere, radikalere Werke von Richard Wagner: Der "Tristan", der "Parsifal", die "Götterdämmerung". Aber keine melodischere, ja betörendere Oper als den wunderbar inspirierten und intelligenten, jugendfrisch überschwänglichen "Lohengrin". Da hatte der Meister die gestrenge Idee des emphatischen Musikdramas, die er in mehrjähriger Schaffenspause nach der Vollendung seiner romantischen Schwanenritter-Vertonung (1848), theoretisch schuf und praktisch verwirklichte, eben noch nicht prägend im Kopf.

Oper für alle: Vor dem Nationaltheater konnten Klassikbegeisterte am Sonntag die Premiere von Lohengrin live miterleben.

(Foto: Foto: ddp)

Das zwingende System der Leitmotive oder der "dichterisch musikalischen Periode" gleicht manchmal einer Rüstung, die ihre Träger gleichsam in die Tiefe reißen kann. Der jugendlich freie Romantiker Wagner aber besaß eine verschwenderische Fülle. So wurde der "Lohengrin" jenes Werk, über welches die meisten Enthusiasten zwischen Ludwig II., Tschaikowski und Thomas Mann ihren Wagner lieben lernten.

Für seine mit fast hysterischer Spannung erwartete Münchner Festspiel-Premiere hatte das Nationaltheater eine Besetzung von respektgebietend hoher Qualität: Die wunderbar beherrscht, seelenvoll engagiert (zu Beginn vielleicht ein wenig monoton) phrasierende Elsa der faszinierend rein intonierenden, bildschönen Sopranistin Anja Harteros. Und den auffallend anti-heroisch "privat", oft eher liedhaft als opernhaft, aber bei den Kraftstellen doch auch meist mit ziemlich hellem Glanz singenden Jonas Kaufmann, der als 40-jähriger Tenor die anstrengende Rolle erstmals bewältigte.

Nicht ganz auf dem Niveau dieser beiden Protagonisten agierte der donnerstarke Telramund von Wolfgang Koch. Er wusste gewiss auch zartere Momente zu präsentieren, wurde aber doch nicht am effektvollen Forcieren gehindert. Sogar die anfangs fehlbesetzt wirkende Ortrud der Michaela Schuster war gewiss kein Ausfall, sondern im 2. Akt sowie am Schluss eine voluminöse Gegenspielerin. Wenn ihr auch die düstere Mezzo-Aura einer eiskalt menschenvernichtenden, Ortrud fehlte . . .

Mit einem solchen, schwer überbietbaren Solisten-Team (auch Christof Fischesser als König Heinrich und mehr noch Evgeny Nikitin als Heerrufer hielten höchst achtbar mit), das sich, erfreulicher- und für die Textverständlichkeit hilfreicher Weise, überwiegend aus deutschen Künstlern zusammensetzte, hätte gewiss eine nicht bloß gute, hochakzeptable "Lohengrin"-Darbietung zustande kommen können, ja müssen, sondern eine memorable, überwältigende.

Lesen Sie auf Seite 2, warum das Stück fehlinterpretiert ist.