Auch ohne das Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges und ohne Deutscher zu sein, kann man zum Faschisten werden: Jonathan Littell ergänzt seinen Roman "Die Wohlgesinnten" um einen Essay über die Pathologie von Faschisten.
Der Pariser Verlag Gallimard hat in diesen Tagen, anderthalb Jahre nach der Erstpublikation von Jonathan Littells fulminantem Erstlingswerk "Les Bienveillantes" ("Die Wohlgesinnten", Berlin Verlag 2008) eine als Essay ausgeflaggte Materialsammlung des Autors veröffentlicht.
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Ohne den vorgängigen Riesenerfolg seines Romans wäre vermutlich niemand in diesem Verlag auf den Gedanken gekommen, die Reflexionen Jonathan Littells, die sich eng an Klaus Theweleits bahnbrechender, aber noch nicht in französischer Übersetzung vorliegender Studie "Männerphantasien" aus dem Jahr 1978 orientieren, als schmales Buch auf den Markt zu bringen.
Theweleits Untersuchungen zur mentalen Struktur der faschistischen Persönlichkeit basierten, wie Littell dem Leser eingangs mitteilt, auf einer Auswertung von rund 200 Romanen, Erinnerungswerken und Tagebüchern ehemaliger Freikorpskämpfer aus den Jahren 1918 bis 1923, die Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg gewesen waren. Gestützt auf die These, dass der Faschismus sich durch Herstellung einer ihm eigentümlichen Wirklichkeit definiert, die von Theweleit sprachanalytisch eingeholt und einleuchtend exemplifiziert wurde, überprüft Littell, ob dieser Befund auch auf einen nicht deutschsprachigen, aber eindeutig faschistischen Autor zutrifft.
Dafür bot sich ihm der belgische Faschistenführer Léon Degrelle an, der in deutscher Uniform zunächst als Soldat der Wehrmacht und der SS-Panzerdivision "Wallonien" am Russlandfeldzug teilgenommen und später unter dem Titel "La campagne de Russie" seine Kriegserinnerungen veröffentlicht hatte.
Theweleit hatte erklärt, im Faschisten wirke ein Dualismus der Wahrnehmung, als dessen Ursache eine tiefverwurzelte Furcht vor der psychischen Auflösung des Ich zu betrachten sei. Littell zufolge lässt sich dieser Dualismus auch bei Degrelle nachweisen. Bei der "dekonstruktiven" Lektüre der Kriegserinnerungen will Littell einen Katalog solcher konträren Entsprechungen gefunden haben, die dessen Schilderungen der Kriegswirklichkeit in Russland die Form verliehen haben sollen: Das Trockene und das Feuchte, das Harte und das Weiche, das Aufrechte und das Gebeugte, das Saubere und das Schmutzige, das Klare und das Trübe, das Gekochte und das Rohe.
Überraschung?
Mit anderen Worten: Auch ohne das Fronterlebnis des Ersten Weltkriegs und sogar ohne als Deutscher geboren oder in Deutschland aufgewachsen zu sein, konnte man, wie Max Aue, der Protagonist der "Wohlgesinnten", die Pathologie des Faschisten verkörpern. Das aber ist keine Überraschung: Auch die unter Pseudonym schreibenden Autoren der Landserheft-Literatur sind zu solchen Leistungen fähig, obwohl vermutlich die meisten von ihnen nicht mehr am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben.
Jonathan Littells "Le sec et l'humide. Une brève incursion en territoire fasciste" wurde bereits 2002 geschrieben. Welche Funktion der Text damals für den Autor erfüllte, kann man nur vermuten, zumal die Figur des Léon Degrelle im Roman, in dem einschließlich Ernst Jüngers die wichtigsten Figuren des einschlägigen zeitgeschichtlichen Geschehens fast vollständig auftreten, lediglich zweimal, und dies sehr beiläufig, erwähnt wird.
Und da Degrelle aus vielen Gründen als mögliches Vorbild für Max Aue, den Protagonisten der Romanhandlung, ausscheidet, bleibt nur der Schluss, dass Littell am Beispiel von dessen auf Französisch geschriebenen Kriegserinnerungen die spezifische Wirklichkeitswahrnehmung eines real existierenden Faschisten studiert haben muss.
Diese Vermutung lässt sich anhand einer Fülle von Schilderungen im französischen Original des Romans erhärten, die eine große sprachliche Ähnlichkeit mit einschlägigen Passagen in Degrelles Kriegserinnerungen aufweisen. Dabei zielt diese Feststellung keineswegs auf einen Plagiatsvorwurf, sondern verweist lediglich darauf, wie aufwendig Littell diesen Roman recherchierte. Auf dieser Grundlage konnte er den Tätern eine Sprache geben: die ihrer Vorbilder im wirklichen Leben.
In seinem Roman „Canale Mussolini“ erzählt Antonio Pennachi von der Trockenlegung der pontinischen Sümpfe im italienischen Faschismus. Jetzt lesen ...
(SZ vom 16.4.2008/rus)
Sorgerechtsverfahren in der Kritik
"Auch ohne [...] Deutscher [...] zu sein, konnte man [...] die Pathologie des Faschisten verkörpern."
Hört, hört.
Das ist mich anekelnder (Auto-)Rassismus im Mäntelchen der Konzilanz. A la "Auch manche Frauen sind zu abstraktem Denken fähig." oder "Man muss nicht unbedingt ein Muslim sein, um Terrorist zu werden." oder "Nicht jedes Verbrechen mit von Ausländern verübt."
Schauen Sie auch mal gelegentlich im etymologischen Wörterbuch unter "Faschismus" nach.
"Faschismus" ...
Das Böse fasziniert, vor allem dann, wenn man es scheinbar von sich selbst trennen kann. Ob in Gestalt von Serienmördern oder von opernhaften Mörderstaaten á la III Reich.
Theweleit oder Litell machen mir eins deutlich: Es ist scheinbar sehr einfach, das Grauenhafte auszulagern. Es sind immer die Anderen, es sind immer "Kranke", die das Böse tun. Es sind immer Menschen mit irgendwelchen seltsamen "Phantasien".
Dabei ist das Böse immer da: Ohne große Regung lassen wir Millionen von Menschen für unseren Tank verhungern. Ohne Regung treffen wir jeden Tag Entscheidungen, die das Leben anderer zur Hölle machen.
Dazu bedarf es nicht irgendwelcher Phantasien, dass ist der ganz Normale Alltag, ja die Ratio unserer Gesellschaft.
Das erstaunliche am III REich sind eben nicht diese operrettenhaften, boshaften SS-Männer - es ist vielmehr eine Reichsbahn, die - wie ein Uhrwerk - mit ihren ganz normalen Arbeitern den Massenmord erst möglich macht. Und die hatten sicher ganz andere Phantasien, als die von Herrn Litell.
Die Theweleits und Litells lenken uns davon ebenso ab, wie das Texas Chain Saw Massakter oder Hanibal im Kino.
Es ist - oft billige - Unterhaltung, die die tatsächlichen Zusammenhänge vernebelt und den Lesern und Kommentaroren ein gutes Gewissen verschafft.
Und mit einem guten Gewissen, sind schon mehr Menschen auf den Scheiterhaufen gelandet, als mit einem schlechten.