Neue Taschenbücher Aknezeichen XY ungelöst

Aldous Huxleys Gesellschaftssatire "Kontrapunkt des Lebens", ein dänischer Thriller, eine Doppelbiografie zweier Portalgestalten der modernen Physik und Miniaturen von Wiglaf Droste: die Neuerscheinungen.

In der Menagerie Londoner Salons - Aldous Huxleys "Kontrapunkt des Lebens"

"Ein Roman der Ideen. Der Charakter einer jeden Figur muss soweit als möglich durch die Ideen angedeutet sein, deren Sprachrohr sie ist." Der Schriftsteller Philip Quarles notiert ein neues Vorhaben in sein Merkbuch. Er muss feststellen, dass kaum ein Mensch Ideen hat, die er ausdrücken könnte, weshalb sein Buch scheitern muss. Zum Glück ist er selbst nur eine Figur in einem solchen Roman. Dessen Autor Aldous Huxley schaffte in seiner Gesellschaftssatire "Kontrapunkt des Lebens" genau den Widerspruch, an dem sein Roman-Alter-Ego verzweifelt. 1928, vier Jahre vor Huxleys prophetischer Dystopie "Schöne neue Welt", palavert sich eine ganze Menagerie von Aristokraten, Bohemiens und nymphomanen Millionenerbinnen in den Londoner Salons regelrecht um Kopf und Kragen. Viel wird geredet, wenig gesagt und dabei sehr viel über die Charaktere enthüllt. Jeder von ihnen vertritt ein ethisches, spirituelles oder politisches Dilemma, und Huxley montiert dieses Chaos der Weltanschauungen und Moralvorstellungen zu einem polyphonen Murmeln. Er entblößt so das kollektive und doch immer individuelle Leiden an der Moderne. Quarles Ehefrau Elinor verzweifelt etwa an dessen misanthropischem Überintellekt und wirft sich in die Arme eines Salonfaschisten. Dieser schwingt bei jeder Gelegenheit nationalistische Reden und wird von den sozialistischen Ansichten des Biologen Illdige kontrapunktiert, dessen Hass auf den Kapitalismus seiner Mäzene sich in bissigen Kommentaren ausdrückt.

Dem begnadeten Essayisten Huxley gelingt mit "Kontrapunkt des Lebens" die Verschmelzung von Essay und Roman und so stilisiert er sein Alter Ego Quarles dann auch zum intellektuellen Superhirn und zynischen Chronisten seiner Zeit. Die Figuren bleiben zwar Projektionsflächen für Ideen und deren Parodien, doch schildert Huxley sie mit detailreichem Sarkasmus und legt ihnen ein solches gewitztes Gerede in den Mund, dass ihre Dialoge fernab von bloßer Sentenz einen unterhaltsamen Sog entwickeln. Sofia Glasl

Gleichzeitig weiß und wild

Zuletzt ist François Garde in einem Reportage-Buch über Wale dem Charme der Meeresgiganten erlegen. Weil deren Leben in den Ozeantiefen uns so unglaublich fremd ist. Um Fremdheit und -sein geht es auch im vielfach preisgekrönten Debüt Gardes, der einst Verwaltungsbeamter in Neukaledonien war. "Was mit dem weißen Wilden geschah" beruht auf der wahren Geschichte des Matrosen Narcisse Pelletier, der es 1843 nach einem Landgang an der Ostküste Australiens nicht mehr auf die Saint-Paul schaffte, ehe diese ablegte. Pelletier, damals 18 Jahre alt, wurde von den Aborigines aufgenommen. 17 Jahre lebte er bei ihnen, bis man ihn, der inzwischen seinen richtigen Namen vergessen hatte und dessen weiße Haut von Tattoos überschrieben war, fand und in die Heimat zurückverfrachtete. Ein gebrochener Mensch, verstummt: "Reden ist wie Sterben ... Sterben, weil es unmöglich war, zugleich Weißer und Wilder zu sein." Garde erzählt Pelletiers Schicksal in einer Mischung aus Abenteuerstory und Briefroman. Der eurozentristische Blick auf das Fremde (man denke an den "Edlen Wilden"), fällt hier auf die Europäer selbst zurück. Was ist zivilisiert? Florian Welle

Portalgestalten des 20. Jahrhunderts

Der eine war ein einzelgängerischer, Geige spielender Bohemien, physikalisches Genie und eine Art Weltheiliger, der andere ein Musik liebender deutscher Familienmensch und genialer Physiker. Die Parallelen im Leben von Albert Einstein und Werner Heisenberg sind manchmal verblüffend, doch auch die Gegensätze sind unübersehbar. Als Einstein 1955 in Princeton und Heisenberg 1976 in München starben, hatten sie die Welt nicht nur des 20. Jahrhunderts verändert, sondern ihre Erkenntnisse sind auch in weiterer Zukunft bestimmend: Relativitätstheorie und Quantenmechanik. In seiner knappen Doppelbiografie der beiden Portalgestalten der modernen Physik gelingt es Konrad Kleinknecht, selbst experimenteller Physiker von internationalem Rang, die unterschiedlichen Charaktere der beiden ebenso anschaulich zu beschreiben wie ihre wissenschaftlichen Abenteuer darzustellen. Doch so verschieden die beiden auch waren, so ähnlich sind sie sich in der besessenen Hingabe an ihre Theorien und Ideen, mit denen sie letztlich auf nichts Geringeres gezielt haben, als zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Harald Eggebrecht

Der Terror der Observation

Sehen machen, zum Sehen zwingen, das ist es, worauf der Mörder aus ist in Jesper Steins "Aisha", in brutaler Konsequenz. Sein erstes Opfer hat Blut geweint. Ihm wurden die Augenlider abgeschnitten. Kommissar Axel Steen ist wieder in Aktion, nach Monaten von Alkoholproblemen, Rekonvaleszenz und Reha. Das Sehen, das Observieren war auch des ersten Opfers Profession, Sten Høeck war beim PET gewesen, dem dänischen Geheimdienst, und 2007 in eine konzentrierte Antiterroraktion involviert. Mit einer Vielzahl geheimer Kameras war man hinter zwei Brüdern aus Pakistan her, die offenbar einen Anschlag in Dänemark planten. Auch die CIA war im Spiel. Ein zweiter aus dem Team damals wird ebenfalls tot aufgefunden. Axels Ermittlungen werden durch Manipulationen und Demütigungen des PET sabotiert. Emma, seine junge Helikoptertochter, fürchtet, er könnte im Dienst draufgehen. Endlich erkennt auch Axel, welche Tragödie - des Sehens und Wegschauens - in der Aktion steckt. Auf dem Tiefpunkt zieht er durch Kopenhagen, ein einsames, alkoholisiertes Sightseeing. "Er sollte nicht hier sein, aber er konnte nirgendwo anders sein." Fritz Göttler

Die Ambivalenz von 1968

Ein flottes Urteil über die "68er" geht vielen über die Lippen, doch oft übersteigt die Größe der Verlautbarung das tatsächliche Wissen. Die kundige, kondensierte Schilderung der Ereignisse durch den Historiker Norbert Frei kann zum 50. Jubiläum Abhilfe schaffen. Dabei ist diese Zahl ebenso rund wie ungenau, präziser wäre der 2. Juni 1967, als die Erschießung Benno Ohnesorgs den diffusen Unmut der Studenten gleichsam ausrichtete und dynamisierte. Frei nimmt dem Jahr 1968 seine Singularität: Die Proteste waren Folgen eines gesellschaftlichen Wandels, der in den USA schon Anfang des Jahrzehnts einsetzte und in die ganze westliche Welt streute. Dokumentiert sind daher auch Revolten in Japan, Italien, der Tschechoslowakei und anderen Ländern. Hauptaugenmerk legt Frei auf die deutsche Geschichte des Studentenprotests. Er beschreibt etwa die Arbeitsweise des SDS und die (oft schlampige) Lektüre der Kritischen Theorie. Vor allem verdeutlicht er, wie verschieden Ansichten, Personen und Methoden hinter dem Label der "68er" waren, er lässt der Bewegung ihre Ambivalenz zwischen emanzipatorischer Kraft und dogmatischer Sackgasse. Volker Bernhard

Aknezeichen XY ungelöst

Vielleicht ist es noch ein bisschen zu früh, um bei Wiglaf Droste von Altersmilde zu sprechen. Aber ein Hauch davon weht schon durch einige seiner aktuellen Glossen. Selbst das "unerschöpfliche Arsenal" weiblicher Bosheit - Intrigen, Tränen, Sex und mehr - und der männliche Masochismus kommen glimpflich davon. Wirklich böse wird er nur, wenn die Moral es verlangt, etwa bei Martin Luther, Neonazis oder Erdoğan, den er einen Hitler-Verschnitt nennt. Ist nicht sein originellster Einfall in diesem Buch, auch nicht die beste Geschichte - es bewahrheitet sich die alte Erkenntnis, dass sich gelassen böser und unterhaltsamer schimpfen lässt als mit ehrlich erworbenem Schaum vorm Mund. Aber auch das geht hier durch, man muss diese Miniaturen, oft keine zwei Seiten lang, nur sehr schnell lesen. Dann bleibt das "Aknezeichen XY" hängen und die "Stusswaffe" rutscht durchs Erkennungsraster. Dann bleibt auch Zeit, dem einen oder anderen Hinweis nachzugehen und zum Beispiel den traurigen Jugendjahren des lustigen Dichters Ringelnatz nachzuspüren. Der scheint eines der großen Vorbilder von Droste zu sein, und wohl noch eine Weile zu bleiben. Helmut Mauró