Neue SZ-Serie: Die grüne Frage Ökologie ist Notwehr

Die Empörung des Wutbürgers verraucht - doch der grüne Glaube bleibt: Die kleinen Schritte im Alltag schaffen in der Masse den gesellschaftlichen Druck, der die Welt verändert. Was die Grünen mit dem Christentum verbindet.

Von Andrian Kreye

Zum ersten Mal werden die Grünen ein großes Bundesland regieren. Die einstige Protestpartei ist im Kern des Bürgertums angekommen. Wie aber passen grüne Politik und grüne Lebensführung im heutigen Kapitalismus zusammen? Ist, wie nach der Baden-Württemberg-Wahl an dieser Stelle behauptet wurde, "die Stunde der Heuchler" gekommen? Oder lässt sich der ökologische Umbau mit Wohlstand und Wachstum verbinden? Das SZ-Feuilleton debattiert über Nachhaltigkeit, Zukunft und grüne Werte - von nun an unter www.sueddeutsche.de/gruen.

Ökologie ist eigentlich keine Frage der Perspektive. Doch wenn man die Stadt Rom auf einem Satellitenbild betrachtet, entdeckt man gleich neben dem Petersdom eine silbrig schillernde Wellenform, die nicht so recht ins Ensemble des Vatikans passen will. Es handelt sich dabei um die vatikanische Audienzhalle, die der Bauingenieur Pier Luigi Nervi bis 1971 für Papst Paul VI. errichtete. Das silbrig Schillernde sind 2400 Sonnenkollektoren, die dort vor zwei Jahren angebracht wurden. Zwar waren die Kollektoren das Geschenk eines deutschen Solarenergiekonzerns, doch es handelt sich hier keineswegs um ein werbeträchtiges Symbol, sondern um einen Aufbruch.

Seit 2007 hat der Vatikan den Ehrgeiz, der erste kohlenstoffneutrale Staat der Erde zu werden. Treibende Kraft des Vorhabens ist Staatsoberhaupt Benedikt XVI. selbst. 2009 widmete er in seiner Enzyklika "Caritas in Veritate" einen beachtlichen Teil der Verpflichtung der Menschen für die Umwelt. Dieser grüne Kern des Christentums hat nun mit den Wahlen in Baden-Württemberg eine neue Bedeutung bekommen.

Handelt es sich beim designierten ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann eben nicht um einen kämpferischen Umweltpolitiker, sondern um einen bedächtigen Katholiken, den die Gemeinsamkeiten zwischen grüner Theologie und grüner Politik seit Beginn seiner politischen Laufbahn geprägt haben.

Wut verraucht - Glaube bleibt

Die Parallelen sind nicht neu. Die Bewahrung der Schöpfung war nicht erst seit dem ersten Tierschützer Franz von Assisi ein Thema des Christentums. Die verschiedenen Konfessionen und auch die Weltreligionen ähneln sich in dieser Hinsicht. Genau das aber könnte für die Union und ihre Koalitionspartner so gefährlich und für die Bundesrepublik so wichtig sein. Wenn sich die Ökologie nicht mehr als streitbare Bewegung in der Tradition des Protests und der außerparlamentarischen Opposition versteht, sondern als Vertreter konservativer Urwerte, so verblassen all die Wutbürgerphänomene, die derzeit die deutsche Politik so amüsant durcheinanderbringen. Wut verraucht. Glaube bleibt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, womit sowohl der Glaube als auch das grüne Bewusstsein zu kämpfen haben.

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