Neue Serie: "Doctor's Diary" Pummelchen schreibt Tagebuch

Alle Vorkehrungen für einen großen Reinfall sind schon getroffen - dabei ist die neue Arztserie bei RTL gar nicht so schlecht. Immerhin wurde gut geklaut.

Von Hans Hoff

Lustiges vom deutschen Fließband geht bei RTL gerade ganz schlecht. Erst kürzlich wurde die Niels-Ruf-Serie "Herzog" vorzeitig ins Nirwana befördert, und auch die witzig gemeinte Serie "Angie" dümpelte allenfalls lau vor sich hin. Die Zuschauer meiden deutsche Serien mit Humoranspruch momentan fast wie die Pest, was sich durchaus auch als Spätfolge einer inflationären Produktionspolitik interpretieren lässt. Es verwundert daher nicht sonderlich, dass RTL gerade sehr wenig Mut beweist und ausgerechnet jetzt die von der Polyphon produzierte Serie "Doctor's Diary" ins Programm hievt, anstatt auf zuschauerstärkere Zeiten im Herbst zu warten.

Man kann halt nicht viel verlieren im Sommer, denn es sitzen nicht so viele Zuschauer wie sonst vor dem Fernseher. Ein Flop täte RTL deshalb etwas weniger weh und wäre bei acht produzierten Folgen schneller überstanden. Alle Vorkehrungen für einen großen Reinfall sind also getroffen.

Zwischen Barbara Schöneberger und Bridget Jones

Die Mutlosigkeit schmerzt ein wenig, denn "Doctor's Diary" hat trotz einiger Schwächen durchaus schöne und unterhaltsame Momente zu bieten und hebt sich angenehm ab aus dem auf Pointe gewürzten Blödelbrei anderer Privatfernsehelaborate. Zu verdanken ist das sicherlich vor allem dem Autor Bora Dagtekin, der schon für die hoch gelobte ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" verantwortlich zeichnete.

Im Mittelpunkt seiner Serie steht die von Diana Amft nett gespielte Ärztin Gretchen Haase, die ständig aus ihrem Tagebuch vorliest und dort auftritt als Pummelchen vom Dienst, das zwischen den Prototypen Barbara Schöneberger und Bridget Jones oszilliert.

Dr. Haase wurde gerade von ihrem angehenden Bräutigam hintergangen und strebt nun statt einer gemeinsamen Praxis mit dem Gatten die singuläre Bestätigung im Krankenhausdienst an. Dort wimmelt es natürlich von gut aussehenden jungen Ärzten, denen Dr. Haase rasch aber ergebnislos verfällt. Selbstverständlich rettet sie am laufenden Band Leben, und auch die krankenhausserientypischen Verwicklungen stellen sich schnell ein.

Besser geklaut

Das zeigt in der Inszenierung anfangs Schwächen und holpert heftig in den Bildern und Erzählungen. Hat man aber erst einmal die Wirren der Startfolge überstanden und Dr. Haase eine Weile begleitet, entwickelt die Serie ihren ganz eigenen Charme. Der entsteht natürlich vornehmlich aus professionell erledigter Diebesarbeit.

Geklaubt wurde bei den gängigen Arztserien amerikanischer Herkunft. Hier ein bisschen aus Grey's Anatomy abgeschrieben, dort ein wenig bei Scrubs geliehen, und wenn es gerade passt, darf Dr. Haase sich auch mal gegen alle Widerstände der sie überwachenden Ärzte die diagnostische Genialität von Dr. House zueigen machen.

Nach dem Motto "besser gut geklaut als schlecht erfunden" wird hier ein ansprechender medizinisch-emotionalisierter Komödienremix fürs vornehmlich weibliche Publikum serviert.

Das wird zum Start mit einer Doppelfolge gelockt. Die restlichen sechs Episoden strahlt RTL dann als Einzelfolgen aus, wobei sich die Frage stellt, wie sich um 20.15 Uhr ein Publikum finden soll, wenn einerseits das Wetter schöner wird, andererseits aber als Einführungsprogramm nur die ewige Seifenoper GZSZ zur Verfügung steht. Zur Erinnerung: Die wahre Primetime beginnt beim Privatfernsehen inzwischen um 21.15 Uhr.

Doctor's Diary steht also als kompletter Außenseiter ohne Chancen am Start, und angesichts der Unentschlossenheit des Senders käme alles andere als ein Flop einem Wunder gleich. Im derben amerikanischen Jargon nennt man Patienten, die ohne Lebenszeichen in der Klinik ankommen, DOA - Dead On Arrival, also tot bei Ankunft.

Doctor's Diary, RTL, 20.15 Uhr