Von nun an wird hier wöchentlich der deutsche Alltag seziert, und Sie dürfen nicht annehmen, dass auch nur Kleinstes verborgen bleibt. Heute geht es um Schnurrbärte auf Wahlplakaten.
Der Schnurrbart, heißt es, sei wieder in Mode geraten. Als Beweis dafür werden Brad Pitt und George Clooney angeführt, die jüngst Schnurrbart trugen und außerdem als schöne Männer gelten.
Bernd Posselt (CSU) lässt sein Foto an der Münchner Stadtautobahn plakatieren. (© Foto: www.seyboldtpress.de)
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In München, wo man auch die Fußgängerzone und den Presssack mag, gilt Bernd Posselt möglicherweise als schöner Mann. Er sitzt für die CSU im Europaparlament und möchte demnächst wieder gewählt werden. Nun gilt die CSU allerdings in Bayern nicht mehr als schöne Partei, sodass es sein könnte und vielleicht gerecht wäre, wenn sie endlich aus dem Europaparlament hinausflöge.
Posselt versucht dies auch dadurch zu verhindern, dass er sein Foto an der Münchner Stadtautobahn plakatieren lässt, damit die Leute, die im Stau langsam an diesen Bildern vorbeirollen, dazu motiviert werden, an einem Sonntag mitten in den Pfingstferien zur Europawahl zu gehen. Wer gescheit ist, befindet sich am 7.Juni aber in Griechenland, der Toskana oder am Ammersee. Wählen jedenfalls tut er nicht.
Niemand
Kommt man nun auf dem Weg zur Arbeit vor dem Bild Posselts zum Halten, gibt dies reichlich Anlass zum Nachdenken. Jeder macht ja aus seinem Phänotyp das, was er für richtig hält. Posselt ist eher stark gebaut und rundköpfig. Dem Grundkonzept des Halses, also einer deutlich abgesetzten Verbindung zwischen Torso und Kopf, scheint er skeptisch gegenüberzustehen. Das hat Posselt mit Franz Josef Strauß gemeinsam, den er ohnehin als eines seiner Vorbilder bezeichnet. Vermutlich meint er das politisch, aber man weiß es nicht genau, zumal nicht morgens im Auto.
Sein Haar, geformt in eine glatte Scheitel-Angelegenheit, mutet toupethaft an, was bei Strauß nicht so war. Und dann hat Posselt einen Schnurrbart. Der steht in zwei deutlich voneinander abgesetzten Haarbalken auf der Oberlippe. Man meint, der geteilte Schnurrbart habe sich gebildet aus einem Paar verrutschter Augenbrauen, die in der Annahme, der Mund werde sich später zu einem solitären Zyklopen-Auge entwickeln, bereits prophylaktisch gewachsen sind.
Zwar hat man von einer solchen spät-lebenszeitlichen Polyphemisierung bisher nicht einmal bei CSU-Abgeordneten gehört. Trotzdem, möglich ist es schon, schließlich ist ja sogar Horst Seehofer bayerischer Ministerpräsident geworden. Und war es nicht Polyphem, der nach seiner Blendung durch den listenreichen Odysseus, der sich "Niemand" nannte, über ganz Sizilien schrie: "Niemand hat mich geblendet! Niemand!"
Ach ja, denkt man, gibt Gas auf der Stadtautobahn und lässt den Herrn Posselt zurück: Niemand wird Bayern in Brüssel vertreten. Niemand.
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(SZaW vom 25./26.04.2009/rus)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Ist doch egal, "von was einem schlecht wird". Die "Ästhetik" ist sowieso auf dem Rückzug. Zwei Monate "Vergüllung" der Natur liegen hinter uns, die "Maissteppe" liegt vor uns. Der derzeitige hektische Straßen- und (überflüssige) Radwegebau wird immer autobahnähnlicher, der "liberale" (Energiespar-) Häuslebau verschandelt die Ortsbilder, der Silo-, Biogas- und Solaranlagenbau die Landschaft.
Da aber die meisten Menschen, wie auch Herr Kister, das alles nur noch durch die Autoscheibe wahrnehmen, stört es weiter nicht und man kann getrost Herrn Posselt wählen.
Und Kurt Kister lässt sich auf seine Art darüber aus. Alles kein Problem für die SZ? Wir denken anders darüber.
suedwatch.de, der unabhängige Watchblog zur Süddeutschen
Herr Kister! Das war jetzt aber nicht nett!