Neue Idole im Kino Keusch, aber sexy

Das Jungmädchen-Beuteschema hat sich geändert: Statt Draufgängern und Machos erobert ein neuer Männlichkeits-Typ die Leinwand und die Herzen der weiblichen Fans.

Von Doris Kuhn

Jetzt weinen sie wieder, die Mädchen. Tränen der Begeisterung stürzen aus Teenagergesichtern, die Rührung nimmt kein Ende. Zac Efron, der Star des neuen Hollywood-Highschoolfilms "17 Again", schlendert bei der Berliner Premiere elastischen Schritts durch das Spalier der Verehrerinnen, wirft Kusshände ins Feld und sein Haar nach hinten, rundherum hyperventiliert die Menge. Efron liegt sichtlich wieder vorn im Rennen um die beste Projektionsfläche für Jungmädchenträume, ein Platz, den er Robert Pattinson abnimmt, trotz des Vorsprungs, den dieser seit der Bestsellerverfilmung "Twilight" herausholen konnte.

Sowohl Efron als auch Pattinson spielen im Kino Jugendliche um die siebzehn. Jeder von ihnen bewegt sich auf der Leinwand in seinem natürlichen Lebensraum, in der Schule. Zac Efron ist in "17 Again" eigentlich ein sentimentaler Vierzigjähriger mit Scheidungsproblemen, der jedoch von einem mysteriösen Hausmeister zurück ins Schülerdasein verwandelt wurde. Mit der Lebenserfahrung, die er mitbringt, kann er sich jetzt unter anderem der Aufgabe widmen, jungen Mädchen den rechten Weg zu weisen, der, soviel stellt er klar, im weiten Bogen um etwaige sexuelle Neugier herumführt.

Pattinson wiederum trägt in "Twilight" schwer an einer komplizierten Vergangenheit. Er ist ein Vampir, ein neuartiger, reizender Vampir, der Menschen zwar nicht unbedingt als Freunde will, aber auch nicht als sein Abendessen. Dummerweise verliebt er sich in seine Banknachbarin, und von da ab ist er damit beschäftigt, sie zu beschützen - vor sich selbst und seinem Blutdurst, der jedes Mal erwacht, wenn ihr Zusammensein an den Rand des Begehrens rutscht. Eine filigranere Metapher dafür, was Sex für eine gefährliche Sache ist, gab es nicht mehr, seit in den Teen-Flicks der Fifties junge Mädchen von Monstern gefressen wurden, sobald sie einen Badeanzug anzogen.

Die aktuellen Teenager-Idole besetzen mit ihren Rollen zwei scheinbar gegensätzliche Positionen. Der eine ist der nette Bursche von nebenan, hell und beweglich, schnell mit einem charmanten Spruch zur Hand. Der andere ist androgyn und wortkarg, oft steht er poetisch im Wald herum. Früher hätte man da ein Drogenproblem vermutet, in diesem Fall allerdings hat der Junge bloß Schwierigkeiten mit seinen Superkräften, die machen seine Haut so blass und seine Laune so düster. Das ist in beiden Filmen sehr hübsch anzuschauen, neu ist es nicht. Interessant ist vielleicht noch, dass beide Schauspieler womöglich einen vorgezeichneten Weg beschreiten: Der eine kommt aus den drei Folgen von "Highschool Musical", schön erdverbunden selbst beim Tanzen, der andere wurde früh geschult im Umgang mit dem Überirdischen, er hatte eine Nebenrolle in zwei "Harry-Potter"-Filmen.

Sooo hot und voll süß

Bleibt die Frage, was diese Rollen so sexy macht. Im Netz erschöpfen sich die Kommentare zu beiden Varianten in "sooo hot" oder "voll süß". Anders kann es auch gar nicht sein - schon seit der Erfindung des Teenagers als Zielgruppe, spätestens aber seit James Dean, kommunizieren die auserwählten Idole direkt mit dem Unbewussten ihrer Fans. Der Inhalt dieser Kommunikation, so sehr sie auch mit Begehren aufgeladen sein mag, ist für die jugendliche Selbsterkenntnis kaum entschlüsselbar - und kann auch auf Nachfrage nicht benannt werden. Ersatzweise kreisen dann endlose Tautologien um das Äußere der Helden - sie sind heiß, weil sie süß, und süß, weil sie heiß sind. Das verzweigt sich dann bis zur obsessiven Diskussion über die jeweiligen Frisuren. Haare und Heldenverehrung gehören seit Elvis Presley zusammen, und Haare dienen auch gut dazu, eine Haltung zum Leben zu demonstrieren. Hier hat man die Wahl zwischen halblang, kunstvoll zerzaust und halblang, verschlafen zerzaust, und dazu nehmen die Stars bereitwillig in Interviews Stellung.

Natürlich ist sind es dann aber doch die verborgenen Konnotationen einer Rolle, die das Allerweltsattribut "voll süß" erst mit jener Energie aufladen, die Hysterie mobilisiert. Der Sexappeal dieser beiden Jungen scheint in ihrer größtmöglichen Rücksichtnahme auf das andere Geschlecht zu liegen. Der unbekannte Kontinent der Begierden wird gar nicht erst betreten, es regiert der Verzicht. Beide sind ältere Herren unter zwanzig, der eine reagiert im Zweifel so, wie sein Vater reagieren würde, der andere lebt auch schon seit ein paar hundert Jahren und nutzt seine übermenschlichen Kräfte hauptsächlich, um den Anstand zu wahren.

Dominanz der Mädchen

Was fehlt, ist der Übermut. Wo sind die wilden Kerle geblieben, an die früher das Herz der Teenager ging? Was ist mit den Figuren der Filme von Walter Hill oder Kathryn Bigelow, mit den Rebellen in Lederjacken, die nichts anderes zu tun hatten, als auffällig zu werden, und zwar absichtlich. Oder, näher an Hollywood, es gab schließlich Tom Cruise, einen Draufgänger neben Draufgängern wie Mickey Rourke, Brad Pitt, Sean Penn, die in ihren Filmen, wenn sie nicht gerade am männlichen Habitus arbeiteten, doch eine Menge Zeit damit verbrachten, sich den Mädchen aufzudrängen.

Solche Modelle wurden von der Industrie inzwischen ausrangiert, Eroberer sind komplett aus der Mode, Rabauken sowieso. Efron und Pattinson, die Jungs der Saison, zeichnen ihre Rollen dadurch aus, dass sie Mädchen und Unfug von sich wegschieben, so weit es geht. Und das ist dann doch wieder hochinteressant - weil es alle Studien zur schulischen und sonstigen Dominanz der Mädchen bestätigt. Sie sind nun auch im Kino mehr denn je die Handelnden, die den Jungen ihres Herzens am Ende auswählen. Und bis dahin hat der gar keine andere Aufgabe mehr, als seine Tolle perfekt zu stylen - und in Keuschheit auf den Moment zu warten.

Der Louvre des Lachens

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