Von OLIVER FUCHS

Auch ein dreckiges Dutzend: Zwölf Neuerscheinungen von Tomte bis Catpowers. Von lebensbejahend bis Diplomingenieurs-Techno.

Im turboausdifferenzierten Pop-Supermarkt verliert man leicht mal den Überblick: Es gibt Kuschelrock und Yoga-Hip-Hop, Diplomingenieurs-Techno und bestimmt auch No-Wave-Sampler speziell für Hochseefischer sowie die Kollektion ¸¸100 Fernfahrer-Panflötenhits". Aber gibt es auch - wie hieß das früher noch gleich - engagierte Musik? So richtig mit gesellschaftlichem Bewusstsein und allem Drum und Dran? Politisch gar? Das prüfen wir jetzt mal nach.

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(© Abb.: Holger Liebs)

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Clap Your Hands Say Yeah zum Beispiel aus Brooklyn, toller Bandname, deshalb Albumtitel: dito (V2 Records). Die Musik hält, was der Hype verspricht: stumpfer Beat, schäbige Gitarren, und darüber theatralisch-panischer Gesang. Es ist vor allem diese Stimme, die man tagelang nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Hier hat einer so viel zu erzählen, dass er gar nicht weiß, wo er anfangen soll. Ein Getriebener. Ein Großstadt-Paranoiker, der schimpft, anklagt, wütet. Das klingt schneidend und im nächsten Moment zärtlich. Und immer ein wenig pathologisch. Die Platte endet mit einem - das gab"s lange nicht - unpeinlichen Protestsong, ¸¸A Tidal Wave of Young Blood". Gemeint ist das im Irak vergossene Blut amerikanischer Soldaten. ¸¸Oh why oh why?" - die alte Frage. Kennt man ja noch von den Buttons aus den Siebzigern, aber Neueres gibt"s zum Thema vielleicht auch nicht zu sagen.

Celebration aus Baltimore haben eine Sängerin, die dem Clap-Your-Hands-Say-Yeah-Schreihals in punkto Intensität in nichts nachsteht. Agit-Punk-Chansons, mit einer feierlichen Grundnote. Vielleicht kein Zufall, dass auch hier der beste Song vom Krieg handelt (¸¸War" auf dem selbstbetitelten Celebration-Debütalbum, 4AD/Beggars Group). Burt Bacharach dagegen kann sich noch so viele Drum-Loops von Dr. Dre ausborgen: es wirkt unfreiwillig komisch, wie er auf ¸¸At This Time" (SonyBMG) heiter beschwingt und cocktailschwenkend gegen Bushs Kriegspolitik Stellung bezieht. Sagen wir: Easy-Listening-Salonpazifismus. Arg gediegen auch Ursula Ruckers Album ¸¸Ma"At Mama" (K7/Rough Trade), das so hyperengagiert ist wie ein ganzes Wackersdorf-Biwak.

Gegen Catpowers verblüffend lebensbejahendes neues Album ¸¸The Greatest" (Beggars Group/Indigo) lässt sich wenig sagen, außer vielleicht dass Wären-nur- alle-ein-wenig-netter-zueinander-dann-wäre-die-Welt-ein-viel-schönerer-Ort insgesamt keine wirklich überzeugende Botschaft ist. Aber gut, die Frau hat den Blues überwunden und zum Soul gefunden, da darf man ruhig ein bisschen blauäugig sein. Über Xavier Naidoos schäfchenwolleweiches Soulgesäusel wurde schon oft gespottet. Aber Naidoo zu kritisieren, das ist in etwa so originell wie - genau: seine Musik. Neuerdings rappt er politikverdrossen: ¸¸Und jetzt scheiß" ich auf eure Demokratie, ich glaub" so ungerecht wie heutzutage war sie nie." Das sind mal aggressive Vibes. Klingt überraschend gut (¸¸Telegramm für X", Naidoo Rec). Aber natürlich nicht halb so krass wie der paranoide Schnauze-sonst-Beule-Hip-Hop auf dem Aggro-Berlin-Sampler ¸¸Ansage 5" (Groove Attack): ¸¸Politiker, Medien, Eltern, Neider, die Industrie haben"s auf uns abgesehen / Sie wollen uns ficken / Wird Zeit, dass wir uns wehren / Zeit für einen Gegenschlag". Was haben die für Probleme? Wobei diese fiese Platte durchaus Unterhaltungswert besitzt - wenn man sie als Varieté-Nummernrevue betrachtet (was sie womöglich sogar ist).

Richtig lustig wird es, wenn Intellektuelle eine Fun-Punk-Band aus den frühen Achtzigern nachstellen wie im Fall der Cockbirds, und die Fälschung dann originaler klingt als das Original (¸¸Superdanke", Staatsakt/Indigo). Oder wenn sich vier Berliner Riot-Gören, AK 4711, auf Horst-Köhler-Art den Kopf zerbrechen über den Staat und die Gesellschaft und wo das alles hinführen soll - und die Gesellschaftskritik dann in die Forderung mündet: ¸¸Ich will küssen" (¸¸Erste Hilfe", Grönland/Emi).

Jede Menge Glücks- und Liebeslieder auch wieder bei Tomte, dazu spätjugendlicher Überschwang. Viele halten ja ¸¸Buchstaben über der Stadt" (Grand Hotel van Cleef/Indigo) für ein Kulturereignis erster Güte oder zumindest den längst fälligen Paradigmenwechsel im deutschen Pop. Auf mich wirkt die Power-Unbeschwertheit von Tomte eher ermüdend. Und irgendwie poesiealbumhaft: ¸¸Hab Sonne im Herzen, ob"s stürmt oder schneit . . .". Die besseren Tomte (und eigentlich auch die besseren Tocotronic) sind Kajak aus Hamburg. Diskret kritisch. Unaufdringlich klug. Und die Texte erreichen bisweilen das Niveau von Bert Brecht: ¸¸Die großen Leute fressen die kleinen Leute auch auf / wenn sie keinen großen Hunger haben / sondern nur Appetit" (¸¸Tief drinnen - Weit draußen", Sunday Ser/Indigo).

Unbedingt empfehlenswert auch The Servant aus London (Edel Records). An der Oberfläche radiotauglich, in den Tiefen aber lauert Psychotisches, Schizoides. Jeder Song ein beunruhigendes Idyll. Wie Radiohead in ihren besten Tagen. Das Lied ¸¸Glowing Logos" gewinnt den ersten Preis in der Kategorie ¸¸Bester nicht-platter Anti-Globalisierungs-Song".

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.26, Mittwoch, den 01. Februar 2006)