Neue Bürgerlichkeit Die gepamperten Egos

Unter der Diskursdusche: Was ist dran an der Rede von der "Neuen Bürgerlichkeit"? Dem Gemeinwohl ernsthaft verpflichtete Vorbilder findet man unter Prominenten ebenso wenig wie unter Politikern.

Von Dorion Weickmann

Am späten Nachmittag ging ein Regenguss über Schloss Neuhardenberg nieder, und Bernd Kauffmanns Uhr blieb stehen. Genau bis dahin hatten alle Referenten, die der Geschäftsführer der Stiftung Schloss Neuhardenberg zur Debatte über "Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?" geladen hatte, eine bella figura gemacht. Dann trat Matthias Matussek, Kulturchef beim Spiegel, hinters Rednerpult und ließ, wie Welt-Kollege Tilman Krause vornehm formulierte, passend zum Prasselregen eine "Diskursdusche" niedergehen.

Wäre gerne eine große Bürgerliche: Schriftstellerinnenlegende Eva Herman.

(Foto: Foto: dpa)

Matussek, dem Heiligendamm und Rostock offenbar mächtig in den Knochen saßen, hatte wenig Substantielles zu sagen. Was bezeichnend ist, denn deutlich wurde an diesem Tag, dass der Medienhype um eine Renaissance des Bürgerlichen unterm Brennglas der Wissenschaften nicht nur in ein Bündel höchst widersprüchlicher Phänomene zerfällt, sondern auch den gesamten Osten der Republik ausklammert.

Dieser Befund kündigte sich bereits zum Auftakt an. Paul Nolte, dem Berliner "public historian" (Paul Kaiser) und wissenschaftlichen Propheten der Neuen Bürgerlichkeit, blies der Gegenwind ins Gesicht. Keine Frage: Bildung, Familie, Manieren und Wertefragen, also das ganze Spektrum bürgerlicher Weltsicht und Moral, stehen derzeit hoch im Kurs; aber dass ausgerechnet die Akademiker das Gemeinwohl besonders im Auge hätten und deshalb als "Kerngruppe bürgerlicher Schichten" (Nolte) gelten sollen, das rief Kritik hervor.

Der Berliner Historiker Jürgen Kocka erinnerte den jüngeren Kollegen daran, dass "Akademiker selten über den Tellerrand hinausschauen", und Ralph Jessen, ebenfalls Geschichtswissenschaftler, traf den wunden Punkt: Während Noltes neoliberales Programm einerseits auf Distinktion, also Abschottung des Bürgertums nach unten setzt, entwirft es andererseits eine Utopie der allgemeinen gesellschaftlichen Teilhabe, der "Inklusion" (Jessen), ohne diesen Widerspruch aufzulösen.

Indes ist gerade die "Heterogenität des Bürgertums", wie der Berliner Ethnologe Wolfgang Kaschuba erklärte, das stärkste Hemmnis für eine konzise Bürgerlichkeitstheorie. Mit Pierre Bourdieu versteht Kaschuba das Bürgerliche als Habitus, der - von "altfränkisch bis exzentrisch, lokal bis global" - jede Menge Verhaltensweisen bereitstellt, sich aber nicht an einer eindeutigen Trägergruppe festmachen lässt. Die Wirtschaftsbürger von einst, so Kaschuba, seien zu einer "Bourgeoisie ohne Bürgerlichkeit" verkommen, die Partikularinteressen verfolge und allenfalls im Rahmen von Charityevents ihre "gepamperten Egos" zur Schau stelle. Dem Gemeinwohl ernsthaft verpflichtete Vorbilder finde man hier ebenso wenig wie unter Politikern, von der "Medienelite" à la Herman, Jauch und Gottschalk ganz zu schweigen.

Wer also sollen die bürgerlichen Hoffnungsträger sein? Kaschuba und Kocka entdeckten sie im Milieu der Mittelschichtsmigranten, das - "extrem dynamisch und aufnahmefähig" (Kaschuba) - am ehesten verkörpert, was sich der Ethnologe für die Zukunft wünscht: einen "Raum der Lebensentwürfe, pluralistisch gestaltet und offen verhandelt". Jürgen Kocka und der Zeithistoriker Martin Sabrow machten gleichwohl Tabula rasa und verlangten, den bürgerlichen Hokuspokus zu beseitigen und durch ein "bürgerschaftliches" Dispositiv zu ersetzen. Das aber hieße, den Blick, wie Sabrow anmahnte, von den Trägern auf die Adressaten zu lenken, auf das Prekariat, das im Rahmen der Bürgerlichkeitsdebatte, wie verdeckt auch immer, diszipliniert werden soll.

Container für Krawatten

Diese Fundamentalkritik fand in Neuhardenberg Fürsprecher. Auch Bascha Mika, Chefredakteurin der taz, verwarf das bürgerliche Etikett als "Container-Begriff", dem jede Trennschärfe fehle. Mika lieferte, was Matthias Matussek misslang - einen ebenso launigen wie prononcierten Beitrag, der die Schwachstellen des Bürgerlichkeitskonzeptes deutlich zutage treten ließ: Die Frauen spielen in diesem "Krawatten-Modell" die klassische Mutterrolle, und die Lebenserfahrung der Ostdeutschen, die vierzig Jahre lang systematisch entbürgerlicht wurden und 1968 keinen Aufbruch, sondern - Stichwort "Prager Frühling" - einen heillosen Rückschlag erlebten, fällt vollkommen hinten herunter.

Die Antistaatlichkeit, die daraus in der DDR resultierte, ist aber, wie der Soziologe Heinz Bude in seinem Vortrag erläuterte, geradezu das Gegenteil bürgerlicher Gesinnung. "Wer staatsphobisch ist, ist kein Bürger", urteilte Bude und verwies darauf, dass der Retro-Style einen grundstürzenden Wandel camoufliert: "die Abberufung der Arbeitnehmer- durch die Zivilgesellschaft", also die Erosion der Sozialsysteme, die sich nur durch eine Neuorientierung individueller wie kollektiver Lebensentwürfe auffangen lässt.

Eine eindrucksvolle Ehrenrettung der bürgerlichen Gesellschaft gelang am Ende doch, und zwar dem Dresdener Soziologen Joachim Fischer. Fischer demonstrierte, dass das Theorem der bürgerlichen Gesellschaft die Welt analytisch besser durchdringt als Kapitalismus- und Systemtheorie, weil es sowohl die ökonomischen Faktoren als auch die handelnden Akteure im Blick behält und damit eine Antwort gibt auf die "Theorienot" seiner Disziplin. Fazit: Das Bürgertum ist tot, hoch lebe das Bürgertum.