Von Holger Gertz

Nachdem man nun jeden Rheinländer beim Vornamen kennt, sucht das Fernsehen frische Schauplätze fürs Reality-TV. Jetzt sind die Inselbewohner dran: Kabel 1 erwischt jeden Dicken, der nicht bei drei auf dem Leuchtturm ist.

Vor ein paar Monaten hat Langeoog schon einmal erheblich abgenommen. Das Tief Tilo schickte im Herbst 2007 gewaltige Stürme über die ostfriesische Insel, die sechs Meter Strand verlor und enorme Mengen Sand. "Eine Insel wird schlank" hätte als Slogan damals so sehr seine Gültigkeit gehabt wie heute, wo der Sender Kabel 1 einige Einwohner dabei beobachtet, wie sie es ihrer Heimatinsel gleichzutun versuchen. Das Problem: Das Körperfett des Langeooger Menschen verschwindet nicht annähernd so schnell wie der Sand vom Langeooger Strand.

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Der Reiz der Dokusoap Jedes Kilo zählt! liegt in ihrem Schauplatz. Offenbar haben inzwischen auch die Programmverantwortlichen vom Fernsehen genug von den zahlreichen Kölnern oder sonstwie rheinländisch eingefärbten Menschen, die jahrelang beim Umdekorieren ihrer Wohnungen, beim Kinderwickeln oder beim Zehennagellackieren abgefilmt wurden. In zahlreichen Produktionen der Privatsender, fiktional oder halbwegs real, kann man im Hintergrund irgendwo den Kölner Dom sehen, der wie ein trauriger alter Mann das Treiben zu seinen Füßen betrachtet.

Auf der Suche nach anderem, neuen Personal, das sich bei Verrichtungen des Alltags zusehen lässt, werden die Produktionsteams in letzter Zeit auffällig oft hoch im Norden fündig, in Ostfriesland zum Beispiel, wo zu Jahresbeginn schon der sogenannte "XXL-Ostfriese" Tamme Hanken in einer Dokureihe dem NDR-Publikum vorgestellt wurde. Hanken ist zwei Meter groß, wiegt 160 Kilo und ist Pferde-Chiropraktiker von Beruf. Was bei den Tieren ausgerenkt ist, biegt er wieder hin und er ist außerdem in der Lage, nach Dienstschluss Bratkartoffeln pfannenweise zu verschlingen. Der Nordmensch mit dem für Nordmenschen typischen Namen Tamme Hanken verfügt über das, was man etwas unscharf "trockenen Humor" nennt, und seine eigenen Witze begleitet er mit dem für Nordmenschen typischen Lachen, das dem Möwenkeckern nicht unähnlich ist. Ihn in seiner Doku zu sehen war die reine Freude.

Seeluft macht hungrig

Die Diät-Show von der Insel verspricht ähnlich unterhaltsam zu werden. Dass die Deutschen in der Mehrheit zu dick sind, ist ein großes Thema im Moment, und dass die Insulaner zuweilen so kugelig daherkommen wie die zwei O im Namen Langeoog, erkennt man auf den ersten Blick. Seeluft macht hungrig, heißt es, und auch wenn diese These ernährungswissenschaftlich vielleicht schwer haltbar ist: Es könnte was dran sein.

Regelmäßige Besucher - in der Hauptsaison sind 8000 Übernachtungsgäste da - wissen, dass man auf Langeoog sehr gut und üppig essen kann, wenn man will. Fleisch und Kartoffelgerichte in verschiedenen Erscheinungsformen, außerdem jede Menge Krabben und Gebratenes und Rührei schon zum Frühstück. Die Langeooger Wirte mögen sparsam mit dem Wort umgehen, was die Ausgabe der Speisen angeht, greifen sie zur größtmöglichen Kelle. Seeluft macht außerdem durstig. Sogar Lale Andersen, Langeoogs berühmteste Bewohnerin, kannte diese Phänomene, nahm aber nicht zu.

Die ausgewählten Insulaner, die sich vor Publikum auswiegen lassen, bringen es dagegen alle auf hundert Kilo, die Frauen wiegen manchmal ein bisschen weniger, die Männer zuverlässig mehr. Für jeden steht eine ultramoderne Waage bereit, im "Haus der Insel" neben dem Kurzentrum. In der ersten Folge kann man sehen, wie die Blicke der Kandidaten sich voll Respekt und mit kaum verstecktem Kummer auf diese Waagen heften, deren Urteil gnadenloser ist als das der Küchenwaagen zuhause, die das reale Kampfgewicht offenbar ein paar Kilo nach unten gemogelt hatte. Gewogen wird regelmäßig jeder einzelne Teilnehmer und die Gruppe im Ganzen. Für jedes abgenommene Kilo gibt es 100 Euro; der Endbetrag wird verwendet für ein gemeinnütziges Projekt, das die Inselbewohner während ihrer Diät gemeinsam aussuchen.

Natürlich kommt auch diese Doku nicht ohne die albern dräuende Hintergrundmelodie aus. Eine Ernährungsberaterin und ein Fitnesstrainer gehören zum Betreuungsteam. Als die beiden auf der Insel eintreffen, wird eine Musik eingespielt, die so klingt, als machte ein Team von Übeltätern sich ans Werk.

Es liegt am Ende an den Inselbewohnern selbst, an den Hauptdarstellern, dass auch das Dokusoap-übersättigte Publikum trotzdem ganz gern zusehen könnte. Lehrer Uwe (100 kg), Schüler Marius (135 kg), Pizzabäckerin Ines (106 kg), Fischverkäufer Sven (97 kg). Sie verzichten auf das spätpubertäre, selbstverliebte Gebrabbel, das man aus anderen Spielarten dieses Formats so kennt. In ihrem Auftritt spiegelt sich eine leise Lust daran, sich zu zeigen, aber auch eine ganz persönliche Ernsthaftigkeit, ein Lebensproblem endlich in den Griff zu kriegen, das verdammte Übergewicht.

Es ist ein Glück, dass weniger giggelnde Teenager vorkommen als erwachsene Menschen, von denen einer in Jever geboren ist, im Herzen Frieslands. Jetzt arbeitet er als Hausmeister in der Langeooger Mutter-Kind-Klinik. Dieser Nordmensch trägt den für Nordmenschen typischen Namen Jürgen-Edo und wiegt 120 Kilogramm. Er singt im Shanty-Chor, trägt gestreiftes Fischerhemd, Wollmütze und den in Inselkreisen üblichen Kinn-Wangenbart, aus dem "an Land" der zwischenzeitlich angesagte Grungebart hervorgegangen ist. Jürgen-Edo, genannt Carlson, ist der heimliche Star der Sendung und sieht derart aus wie das Klischee des friesischen Insulaners, dass man denken könnte: Den haben die extra für die Doku so hergerichtet.

Wer allerdings öfter auf der Insel ist, hat ihn bestimmt schon mal gesehen. Carlson sah immer schon so aus. Er ist echt dick. Und er ist echt.

Jedes Kilo zählt!, Kabel 1, donnerstags, 21.15 Uhr.

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(SZ vom 6.3.2008/rus)