Von Fritz Göttler

Für ein engagiertes Amerika: Robert Redfords neuer Film "Von Löwen und Lämmern" zeigt Verlorenheit und Verlogenheit eines aufgewühlten Landes.

Dies ist der Film der jüngsten lost generation von Amerika. Einer Jugend, die verloren ist im wahrsten Sinn des Wortes, führungs- und orientierungslos, allein gelassen von der Elite des Landes, den Lehrern, Intellektuellen, Journalisten, die bedenkenlos in den Krieg geschickt wird von den Politikern. Starke Löwen, heißt es im Film, lämmerschwachen Führungskräften ausgeliefert.

Robert Redford im Film

"Rom brennt!" ruft der Professor - doch sein Student will nicht hören. (© Foto: dpa)

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In einer Uni-Szene wird dieses Verloren- und Verlogenheitsdilemma konsequent durchgespielt. Zwei Studenten versuchen während einer Vorlesung ihre Kommilitonen aufzurütteln, sie zum Engagement für ihr Land und seine Demokratie zu bewegen, zu einem freiwilligen sozialen Jahr. Da könnte man sich ja gleich zum Militär melden und in ein anderes Land einmarschieren, meckert einer im Saal - was dann?

Die beiden vorn auf dem Podium haben eine knallharte Antwort parat: "Wir würden uns hoffnungslos verlaufen. 73 Prozent der kalifornischen Erstsemester kennen den Namen des Landes nicht, an das im Norden Minnesota grenzt. 77 Prozent kennen die beiden Senatoren ihres Bundesstaates nicht mit Namen. 50 Prozent der Schulabgänger können nicht schreiben."

Ahnungslosigkeit, Analphabetismus, Bildungskatastrophe - die irgendwie schon beim Präsidenten beginnen. Aber der amerikanische Pisa-Effekt hat politische Untertöne. Die zwei Studenten, ein Latino und ein Afroamerikaner (Michael Peña, Derek Luke), werden als Soldaten nach Afghanistan gehen. Bei einem nächtlichen Einsatz in den verschneiten Bergen stürzen sie aus ihrem Hubschrauber und müssen sich schwer verletzt dem Ansturm der Taliban erwehren, während ihre Einheit eine hastige Rettungsaktion versucht.

Es wäre lächerlich

Gleichzeitig erleben wir in Amerika, an der Ost- und an der Westküste, zwei Gespräche, in denen der Zustand der Nation verhandelt wird. Die TV-Journalistin Janine Roth (Meryl Streep) bekommt in Washington eine Stunde beim republikanischen Jungsenator Jasper Irving (Tom Cruise). Und der Professor Stephen Malley - Robert Redford spielt ihn selbst - hat einen seiner Studenten in sein Büro bestellt, zu einem Gespräch vor der Sprechstunde.

Der Senator berichtet von einer neu in Afghanistan gestarteten Initiative, lässt aber wenig Zweifel, dass er bereits sehr viel weiter denkt, Irak und Iran und - die Schaustücke, die im Büro platziert sind, vom Foto mit Bush bis zum Time-Titelbild, verraten es - an eine eigene Präsidentschaftskarriere. Der Professor ist depressiv, weil sein Super-Student (Andrew Garfield) sich apathisch, blasiert, zynisch gibt und mit Kühle auf sein verzweifeltes "Rom brennt!" reagiert.

Weil's lächerlich wäre, sich auf ein System einzulassen, das so kaputt ist. Es ist der erste Film, den Cruise und Paula Wagner für die von ihnen übernommene Firma United Artists produzierten, ein Film, der sich vor allem seiner Starpower verdankt. Die Fachleute von Variety und Hollywood Reporter zweifeln freilich, dass das Cruise-, Redford- und Streep-Publikum sich an diesem Wochenende in "Lions for Lambs" locken lässt.

Bob Sokrates

Der Film zelebriert Naivität als amerikanische Tugend - und als amerikanisches Verhängnis. Redford und sein Team haben die Szenen und Schauplätze virtuos verknüpft. Was im Einzelnen eher lehrbuchhaft klingen mag, gewinnt Intensität durch das Moment der Gleichzeitigkeit. "Das ist Realtime", erklärt der Drehbuchautor Matthew Michael Carnahan, "alles passiert wirklich, an den drei verschiedenen Orten, innerhalb von einer Stunde und zwanzig Minuten. Die Leute sollen spüren, dass, während sie den Film sehen, Soldaten sterben."

Ein emotionaler Grundton, der sich auf dem Weg in die europäischen Kinos natürlich abkühlt. Aber dass durch den Besuch von Angela Merkel bei der Truppe die Bundeswehrpräsenz in Afghanistan - im "sicheren" Norden - gerade wieder ins Blickfeld geriet, bringt uns auch diesen Film näher.

Es ist ein Film, der nicht nur aus Diskussionen besteht, sondern immer auch deren Rhetorik reflektiert. Das demokratische Urmodell der Antike scheint durch, die Diskussion von Mann zu Mann, der Professor bringt gar Sokrates, Platon, Aristoteles ins Spiel. Das Handeln und das Denken sind auch in Amerika stärker miteinander verbunden, die Aktion und die Reflexion. Und das Feindbild ist der "man in the air conditioned room", der Funktionär, der nie an der Front ist, die Drückeberger-Generation von Bush und Cheney, die hemmungslos neue Kriege andenkt.

Wie Boote gegen den Strom

Dass diese Kerle immer noch dieselbe Luft atmen wie du und ich, sagt Carnahan, das bringt mich zur Weißglut. Carnahan ist die neue Thinktank-Generation, er hat Jahre im Gesundheitswesen gearbeitet. Vor wenigen Wochen lief, ebenfalls nach einem Drehbuch von ihm, "Operation: Kingdom" an, ein politisches Action-Movie über einen FBI-Einsatz in Saudi-Arabien, ein Komplementärstück zu Redfords Film - der "Kingdom"-Regisseur Peter Berg spielt in "Lions for Lambs" den Einsatzleiter in Afghanistan.

Redford ist und bleibt ein amerikanischer Archetyp, liberal und bodenständig, aber weltläufig und beweglich. In seinem Professor hat er nun die Jugendlichkeit wiedergefunden, die er in seinen letzten Filmen verloren zu haben schien. Nun ist er ihnen wieder ganz nahe, dem Sundance Kid, dem Washington-Post-Ermittler Bob Woodward, dem großen Gatsby. Selbst in seinen uramerikanischen Stücken war das Hollywoodkino fähig zu geschichtlicher und politischer Dimension - wenn es von Menschen erzählt, die kämpfen, wie Boote gegen den Strom, und die es unablässig in die Vergangenheit zurücktreibt.

LIONS FOR LAMBS, USA 2007 - Regie: Robert Redford. Buch: Matthew Michael Carnahan. Kamera: Philippe Rousselot. Schnitt: Joe Hutshing. Musik: Mark Isham. Mit: Robert Redford, Meryl Streep, Tom Cruise, Michael Peña, Peter Berg, Tracy Dali, Andrew Garfield, Derek Luke. Twentieth Century Fox, 90 Minuten.

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(SZ vom 7.11.2007)