Demütigung durch Sprache: In "Funny Games U.S." wird eine Familie von zwei feinen jungen Kerlen mit weißen Handschuhen terrorisiert.
Alles ist schön weiß hier. Das große automatische Tor am Eingang des Grundstücks, Wände und Teppich des Ferienhauses, das Segel des Bootes am Steg, Golfbälle, Tennisschuhe, Eier.
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Schmutzt nicht, ist aber tödlich: Michael Pitt in Funny Games U.S. (© Screenshot: sueddeutsche.de)
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Die Polohemden der zwei jungen Männer, die unverhofft auftauchen im bourgeoisen Sommeridyll, sind weiß, weiß sind ihre Handschuhe, an denen sich niemand zu stören scheint, denn wer nimmt schon Anstoß an Handschuhen im Sommer, wenn die Manieren stimmen und der Scheitel auch.
Diese jungen Männer schmutzen nicht, jedenfalls nicht äußerlich, und damit haben sie sich eingeführt, erst ins Regelwerk höflicher Zuvorkommenheit, dann ins Haus der Familie am See, die hier mit Kind und Hund gerade anreist, um Urlaub zu machen. Der Verhaltenskodex funktioniert reibungslos, selbst wenn die Gäste aussehen wie Wärter einer Nervenklinik.
Ein veritabler Horrorfilm
Obwohl er den Anfang eines wohltemperierten Familienausflugs hat, ist Michael Hanekes "Funny Games U.S." ein veritabler Horrorfilm, und zwar einer von der ganz bedrohlichen Sorte.
Nur bei den Titeln zeigt er kurz sein wahres Gesicht, sonst kommt er zunächst sanft daher, beruhigt seine Spielfiguren wie seine Zuschauer mit Konventionen: die einen mit denen des bürgerlichen Anstands, nach denen sie sich mehr richten als nach ihrem möglicherweise aufmerkenden Instinkt oder ihrem misstrauischen Hund, die anderen mit denen des Genres.
Haneke schätzt die Genrestücke, und noch mehr schätzt er es, sie so zu verkleiden, dass man ihnen nicht gleich ansieht, was sie sind und was sie wollen - der Schrecken wie der erzieherische Auftrag werden erst klar, wenn man der Oberfläche schon erlegen ist.
Beunruhigendes Ende
"Funny Games U.S." folgt also etlichen für einen Thriller gültigen Regeln: Die Familie wird von den zwei Besuchern gefangengehalten und terrorisiert, eine Nacht lang, bis zu einem beunruhigenden Ende.
Man kann den Nachhall von billigen amerikanischen Gruselschockern darin finden, in dem die Opfer immer wieder eine Chance haben, die Situation zu ihren Gunsten zu wenden, oder man kann elaborierte Gewaltstudien wie Kubricks "A Clockwork Orange" als Assoziation heranziehen.
Tatsache ist in jedem Fall, dass Hanekes Film weniger die Lust und viel mehr die Angst beschwört als solche vergleichsweise unterhaltsamen, emotionsgeladenen Jahrmarkts-Schnulzen.
Keinerlei triebhafte Hitze
Hanekes Film ist smart und leidenschaftslos, das allgegenwärtige Weiß lässt keinerlei triebhafte Hitze zu, nur die abgestandene Wärme des steten Geplauders, mit dem die Besucher ihre Taten begleiten.
Er schafft es, einen Mechanismus in Gang zu setzen, der es unerheblich macht, ob Gewalt zu sehen ist oder nicht, ob die Gewalttäter anwesend sind oder nicht - man fürchtet sich vor dem, was kommen wird, man ahnt, es wird unaufhaltsam sein.
Das alles ist nicht neu. Die Gegenüberstellung von Bürgern und Soziopathen, von Hilflosigkeit und bösartiger krimineller Energie, auch die Art, wie der Zuschauer hineingezogen wird in eine Komplizenschaft mit den Tätern, gehört zum Kino und war sicher immer schon ein Vergnügen für jeden Regisseur, der sein manipulatives Spiel genauso gern auf der Leinwand treibt wie mit dem Publikum.
Spektakuläre Reduktion der Mittel
Neu hingegen ist die Art, wie deutlich der Zuschauer auf seine Rolle in diesem Spiel hingewiesen wird, während gleichzeitig sein voyeuristischer Blick auf weitaus mehr verzichten muss, als in diesem Genre sonst üblich.
Es gibt hier eine spektakuläre Reduktion der Mittel, die Täter gewinnen ihre Überlegenheit lediglich durch eine Demonstration völliger Skrupellosigkeit. Sichtbare Hilfestellungen durch "Messerchen und Schießgewehr" kommen spät und ohne wirkliche Notwendigkeit.
Außerdem macht es sich "Funny Games U.S." im Rundumschlag seiner Medienkritik zur Aufgabe, auch die Demütigung durch Sprache zu zeigen. Jene Floskeln der Höflichkeit, der Anbiederung, des launigen Geschwätzes, wie sie ungehindert aus Fernsehen und Radio, Zeitschriften und Litfaßsäulen in jedermanns Alltag schwappen, werden hier ausführlich zur Kommunikation herangezogen. Und im gewalttätigen Kontext wird die Gewalt, die so einer Sprache innewohnt, wieder spürbar, das ist schmerzhaft, aber großartig.
Genau kalkulierte Versuchsanordnung
"Funny Games U.S.", das hat sich möglicherweise herumgesprochen, ist eine Neuverfilmung von "Funny Games", einem Film desselben Regisseurs, den dieser nicht in US gemacht hat, sondern in AU, in Österreich, vor elf Jahren.
Auch jener Film war weniger eine Geschichte als eine genau kalkulierte Versuchsanordnung, und Michael Haneke hat nichts anderes getan, als diese mit amerikanischen Stars neu zu besetzen, sie mit Michael Pitt, Naomi Watts, Tim Roth noch einmal identisch nachzudrehen.
Keine Einstellung, kein Dialog wurden ausdrücklich verändert, warum auch, war doch der erste Film bereits perfekt. Lediglich der amerikanische Markt hat ihn verpasst, und da gehört er, laut Haneke, durchaus hin.
Interessantes Experiment
Ein österreichischer Arthouse-Thriller als Remake im Hollywood-Kino also, ein interessantes Experiment, das den Film trotzdem verändert, wenn es ihn auch erstaunlicherweise nicht gefälliger macht, im Gegenteil. Die daraus folgende Frage, warum gerade dieser Film, warum gerade jetzt, lässt sich wiederum am besten so beantworten, wie es der Film auf die Frage nach dem Motiv der Täter tut: Warum nicht?
Die Rezeption im Horrorfilm mag sich in den letzten zehn Jahren geändert haben, die Medienwirksamkeit von Verbrechen vielleicht auch, aber das fördert höchstens den Bedarf an Beispielen, wie wenig salopp das Böse tatsächlich ist, und wie wenig leicht zu erkennen, in Österreich, in USA, überall.
FUNNY GAMES U.S., USA 2007 - Regie und Buch: Michael Haneke. Kamera: Darius Khondji. Mit Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt. X-Verleih, 112 Min.
(SZ vom 29.05.2008)
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