In der 5. Staffel der Echtzeitserie "24" ist alles wie bisher, nur noch ein wenig spannender: Kiefer Sutherland rettet als Geheimagent Jack Bauer wieder einmal die Welt.
Die Uhr tickt. Sekunden verrinnen, und dazu markiert ein Dampfhammergeräusch im Einklang mit einem elektronischen Glöckchen den unaufhaltsamen Ablauf der sowieso viel zu knappen Zeit. Vier Schläge sind es vor der Werbepause, sechs, sieben danach. Sie markieren, dass der Tag, der hier in 60-Minuten-Abschnitte untergliedert ist, zwar weiterhin "24" Stunden hat, dass er aber mit so vielen und komplexen Erlebnissen gefüllt wird, die keiner verarbeiten kann. Eigentlich.
Jack Bauer (Kiefer Sutherland) kämpft gegen Terror, Bomben - und ohne Narkose. (© Foto: ddp)
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Die amerikanische Fernsehserie "24" (wird seit 2001 bei Fox gezeigt) ist zurück. Natürlich kann man warten, bis alle 24 Teile dieser fünften Staffel auf DVD vertrieben werden - und sich eine Viertelstunde Werbung pro Stunde sparen.
Allerdings müsste man dann ab sofort fernseh-abstinent bleiben und würde in der ersten Episode David Palmer verpassen beim morgendlichen Redigieren seiner Memoiren, die von seinem Vorleben als US-Präsident berichten. Eine Kugel setzt Palmer ein plötzliches Ende. Danach werden Agenten der Anti-Terror-Einheit CTU in die Luft gesprengt.
Der Morgen in Los Angeles verläuft also alles andere als friedlich, und Schuld trägt, das belegen Videoaufnahmen, einer, der vor 18 Monaten für tot erklärt wurde. Doch CTU-Agent Jack Bauer ist selbstverständlich nicht tot, und nur er kann das Schlimmste verhindern.
Bei der Verleihung des amerikanischen Fernsehpreises Emmy war diese fünfte Staffel von "24" im vergangenen Jahr der große Abräumer. Zwölf Mal nominiert, fünf Mal gewonnen, unter anderem in den Kategorien Beste Serie, Bester Hauptdarsteller und Beste Regie.
Zugleich war die fünfte in den USA die erfolgreichste der bisher ausgestrahlten Staffeln, was die Planer bei RTL 2 bewog, noch einmal auf die Wirkung der Echtzeitfiktion zu vertrauen - obwohl ihre Marktanteilskurve steil abgefallen war. 8,6 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sind es beim Start gewesen, in der vierten Staffel blieben davon 4,9 Prozent übrig.
Finanzielles Wagnis
Normalerweise wird so ein Stück vom Bildschirm gefegt, weshalb es dem auf Fernseh-Restmüllverwertung spezialisierten Sender RTL 2 sehr anzurechnen ist, dass er das finanzielle Wagnis fortgesetzt eingeht. Vielleicht hat aber nur ein RTL-2-Manager kapiert, dass 24 die letzte Chance ist, Menschen mit einem Intelligenzquotienten über Raumtemperatur davon abzuhalten, RTL2 aus der Fernbedienungsliste zu löschen.
Auch in der fünften 24-Saison geht es um nichts weniger als die Rettung der Welt, wobei die Rettung der Welt in einer amerikanischen TV-Serie immer erst die Rettung Amerikas meint. Im Alleingang muss das wieder der von Kiefer Sutherland ausgezeichnet gespielte Jack Bauer in die Wege leiten. Ein Mann, der als Gelegenheitsarbeiter ein neues, ein deprimierendes Dasein fristet, bis er nun in seine alte Rolle als unerbittlicher Aufklärer und Verhinderer schlüpfen darf.
Natürlich gibt sich Bauer weiterhin so, dass er diversen deutschen Politikern als Beispiel für verdorbene Fernsehkultur gelten könnte. Ist Bauer von der Schuld eines Menschen überzeugt, knallt er ihn ab. Einfach so. "Wenn ich mit ihnen fertig bin, werden sie nicht mehr wissen, wie sie heißen", sagt er einmal zu einem Verdächtigen und stellt in Aussicht, ihm erst das eine und dann das andere Auge zu entfernen, um ein Geständnis zu erfoltern. Ohne Narkose.
Leistungsschau des fiktionalen Fernsehens
Es sind solche Momente, in denen sich Serien wie "24" den Vorwurf einhandeln, sie würden ein durch und durch schlechtes Weltbild verbreiten. Isoliert betrachtet sind diese Vorwürfe Schund. "24" ist nahezu perfekt inszeniert, so perfekt, dass man im Laufe der Zeit die innere Logik kapiert, nach der die Story ausgerichtet wurde. Politiker, die ihre Geheimdienste gerne mit den Ergebnissen von Foltergeständnissen arbeiten lassen würden, können hier viel lernen.
"24" deshalb mit dem Vorwurf zu belasten, politisch keineswegs korrekt zu sein, wäre absurd. In den 24 Folgen, die den Tag immer von sieben bis sieben (in der früh) gliedern, werden Stunde für Stunde mindestens drei Säue actionreich durchs Dorf getrieben. Dabei beschränkt sich "24" nicht auf die Aneinanderreihung von Mord und Totschlag. Ungeheuer geschickt werden innere Handlungszwänge und Verweise in die Geschichte eingeflochten:
Der amtierende Präsident Charles Logan erinnert nicht grundlos an Richard Nixon. In seiner Zwanghaftigkeit hat sich "24" gekonnt an Stanley Kubricks Meisterwerk "Dr. Seltsam" orientiert. Und trotz des durchläufigen Themas ist jede Folge - RTL 2 strahlt mittwochs immer drei aus - dramaturgisch wie ein Einzelstück, in dem sich Neueinsteiger problemlos zurechtfinden.
So ist diese fünfte Staffel "24" eine Leistungsschau geworden, ein Stück fiktionales Fernsehen, an dem sich beinahe alles zu messen hat, was künftig mit dem Begriff "Spannung" verglichen werden möchte.
24, RTL2, immer mittwochs, 21.15 Uhr.
(SZ v. 3.1.2007)
Brasiliens Präsidentin Roussef