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Richard Jenkins als tattriger Hilfssheriff.

(Foto: Constantin)

Sehr irrer Spaß: Der Western "Bone Tomahawk" von S. Craig Zahler verblüfft mit seltsamen Bösewichten und vertrottelten Hilfssheriffs.

Von Bernd Graff

Ein "Bone Tomahawk", eine Streitaxt aus Knochen, kommt in dem gleichnamigen Western gleich mehrmals tödlich zum Einsatz. Hier ist sie gefertigt aus dem Unterkiefer einer archaischen Wildsau. Sie dienst als Wurfkeule, als Beil, überhaupt als Waffe und Werkzeug der Wahl in der Hand von Troglodyten. Doch ein ansonsten waschechter Western, in dem eine Horde wild gebliebener Troglodyten den Part der fiesen Widersacher des Sheriffs und seiner Deputies übernimmt, ist - nun ja - eine ziemliche Ungewöhnlichkeit. Das fällt dann auch gleich dem unterbelichteten Bürgermeister von "Bright Hope" auf, einem blitzeblank geputzten Kaff an der texanisch-mexikanischen Grenze, in das jedoch um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Horror einfällt in Gestalt eben dieser Troglodyten.

Ein vergnüglicher Splatter - und dennoch ein Western

Darunter versteht man Höhlenbewohner, hier ganz sicher im nichtplatonischen Sinne. Es sind blutrünstige, erbarmungslose, ansonsten lichtscheue Wildsaukieferschwinger, die harmlose Siedler nachts aus ihren Betten klauen, um sie am heimischen Höhlenherd zuzubereiten und zu essen - nicht ohne sie eben vorher mit dem Bone Tomahawk malträtiert und sauber filetiert zu haben. Der Film ist da deutlich.

Der Bürgermeister von Bright Hope weiß erst einmal nicht, wie man Troglodyten schreibt. Der Sheriff (ein wunderbar den graumelierten Bart tragender Kurt Russell) und seine drei ungleichen Compañeros müssen sich dennoch der schlimmen Sache annehmen. Diese drei könnten verschiedener nicht sein: Ein eleganter Pistolero, Frauenheld und rassistischer Indianerhasser (Matthew Fox) mit schlimmer Kindheit, ein humpelnder Farmer am Krückstock (Patrick Wilson), der unbedingt mitwill, weil die Höhlenwilden ihm die Frau (Lilli Simmons) geraubt haben und ein supersympathischer, allerdings seit dem Tod der Gattin dauerquasselnder Deputy, der viel zu alt ist für die Troglodyten-Hatz, dafür aber noch immer ganz handfest Gliedmaßen amputieren kann. Es ist ein Vergnügen, Richard Jenkins, der in der TV-Serie "Six Feet Under" den Senior-Bestattungsunternehmer gespielt hat, hier in der Rolle des überhöflichen, tattrigen Hilfssheriffs zuzusehen.

Der Autor-Regisseur S. Craig Zahler, der als Drummer, Songwriter und Sänger ("Czar") die Heavy-Metal Band Realmbuilder gründete, hat in seinem Regie-Debüt so etwas wie einen "Weird Western" in Szene gesetzt: einen befremdlichen Western, der äußerst souverän Genre-Grenzen überschreitet. Einerseits, und darum ist die Freigabe ab 18 Jahren der FSK vollkommen gerechtfertigt, war Zahler an einer drastischen Splatter-Geschichte gelegen, in der der Wildsaukiefer singt und die Troglodyten sich selber Tierknochen in den Kehlkopf nähen, um noch bestialischer brüllen zu können, bevor "sie ihre Mütter vergewaltigen und anschließend aufessen" - so der kundige "Professor" des Ortes, ein ansässiger Indianer (Zach McClarnon). Der kan nebenbei auch Auskunft darüber geben, wohin die Kannibalen ihre Beute verschleppt haben.

Andererseits hat Zahler das ungleiche Quartett in dem Verfolger-Treck des Sheriffs als eine Art Wüstenkammerspiel inszeniert, in dem stolpernde Blinde die hinkenden Lahmen führen und über die Wirkung von Opium und die Authentizität der Darsteller in einem Flohzirkus sinnieren. Wenn sie nicht gerade übernervös an ihren Revolvern fingern. Natürlich führt das erst einmal ins Desaster: Unschuldige müssen sterben, den Helden werden Pferde und Proviant gestohlen, der Mann mit Krücke lässt sich selbstlos zurückfallen. Und der Deputy quatscht immer weiter. Es kann also kaum schlimmer kommen. Doch die Hoffnung wird zuletzt gevierteilt.

Ein Grand-Guignol-Spaß ist das insgesamt geworden, der sich in diesem Zweieinviertelstunden-Epos alle Wüstenzeit der Welt für grimmige, aber auch sehr witzige Charakterstudien nimmt, um nach dem Splatter-Auftakt im letzten Drittel wieder in einem Splatter-Showdown zu münden. Quentin Tarantinos "Django Unchained" winkt hier nicht einmal von Ferne. Ach ja, ein glühend heißer Flachmann findet hier noch eine überraschend chirurgische Verwendung. Sieht auch komisch aus. Klare Empfehlung also. (Constantin Film)